Theologin Karl zu Vatikan-Dokument: Lösungsansätze nicht mutig genug
Individualisierung, Pluralisierung, Säkularisierung: Der Vatikan sieht die Kirche vor einem Traditionsabbruch, weil immer mehr Menschen ohne religiöse Sozialisation aufwachsen. Mit dem kürzlich veröffentlichten Dokument "Kommt zu mir" will das Glaubensdikasterium Impulse für die Weitergabe des christlichen Glaubens geben, die von den jeweiligen Ortskirchen erörtert werden sollen. Im Vorfeld waren die Bischofskonferenzen weltweit um Stellungnahmen gebeten worden. Doch reichen die vatikanischen Überlegungen aus, um eine tiefe Auseinandersetzung zu initiieren? Die Eichstätter Pastoraltheologin Katharina Karl sieht positive Ansätze – vermisst aber Manches. Ein Interview.
Frage: Frau Professorin Karl, hat Sie überrascht, dass das Glaubensdikasterium ein Dokument zur Glaubensweitergabe veröffentlicht hat – noch dazu in dieser vergleichsweisen offenen Form der “Überlegungen“?
Karl: Angesichts der vielfältigen Herausforderungen hätte ich im Moment vielleicht den Fokus auf dieses Thema nicht unbedingt erwartet. Andererseits ist es für die pastorale Praxis relevant, weil man dort unmittelbar mit diesen Fragen konfrontiert wird. Interessant fand ich auch, dass das Problem nicht nur als europäisches Phänomen gekennzeichnet wird. Man merkt, dass sich da gerade viel verändert.
Frage: Was sind für Sie zunächst die wichtigen Impulse des Dokuments?
Karl: Es betont beispielsweise Kultur als Voraussetzung für Glaubensvermittlung stärker und berücksichtigt unterschiedliche gesellschaftliche Kontexte, statt allen Ortskirchen ein Modell überzustülpen. Es richtet den Blick auf die Erwachsenentaufen in Frankreich, ohne daraus vorschnell einen allgemeinen Trend abzuleiten. Dieser kontextuelle Zugang hilft, vor Ort eigenständig zu arbeiten.
Frage: Was sind weitere inhaltliche Punkte, mit denen man arbeiten kann?
Karl: Die positive Bewertung der Freiheit ist wichtig: Es ist von Grenzen der Evangelisierung die Rede. Die Freiheit wird als Voraussetzung dargestellt, dass jemand den Glauben nicht nur formal annimmt, sondern auch in das Leben integriert. Zugleich rückt das Dokument das Kerygma – also die grundlegende Erlösungsbotschaft des christlichen Glaubens von Tod und Auferstehung Jesu – wieder stärker in den Mittelpunkt. Das liegt nahe, wenn man diagnostiziert, dass viele Menschen eben keinen Zugang mehr zum Glauben oder zu einer christlichen Sozialisation haben. Der Begriff wird nicht einseitig stehen gelassen, sondern es wird der Glaubensprozess betont. Beide Aspekte werfen aber Fragen auf, die weitergedacht werden müssen.
Frage: Inwiefern?
Karl: Der Freiheitsbegriff wird zwar angesprochen – aber werden die Menschen tatsächlich als ein Gegenüber verstanden? Eine grundlegende Schwierigkeit liegt für mich im Begriff "Glaubensweitergabe", das ist vor allem ein Problem der Übersetzung. Den hat man in der Religionspädagogik schon lange hinter sich gelassen. Der Glaube ist nichts, was man wie ein Ding einfach weitergibt. Gerade das überholt das Dokument eigentlich, indem es das Prozesshafte anspricht. Der Begriff "Glaubensweitergabe" suggeriert einen gewissen Automatismus: Wenn man den Glauben richtig weitergibt, wird alles wieder gut. Das halte ich für unglücklich, weil Glauben etwas Unverfügbares ist. Ehrlicherweise haben wir im Deutschen bislang aber keine wirklich überzeugende begriffliche Alternative.
Der Glaube ist nichts, was man wie ein Ding einfach weitergibt.
Katharina Karl
Frage: Und was ist mit der Erstverkündigung des Kerygmas?
Karl: Ich finde es gut, dass das Dokument zunächst danach fragt, was eigentlich der Kern der christlichen Botschaft ist. Dabei ist es realistisch und sagt, es geht in erster Linie um die Erfahrung, was das für einen selbst bedeutet. Die Herausforderung besteht also darin, vielfältige Formen und Räume zu schaffen und anzubieten, in denen die existenziellen Fragen der Menschen aufgegriffen werden und die christliche Erlösungsbotschaft für sie Bedeutung gewinnen kann. Darauf geht das Papier aber nur sehr begrenzt ein. Es verweist wieder stark auf klassische Bereiche wie Bildung, katholische Universitäten, Familie – und die Gemeinde.
Frage: Welche Bedeutung haben solche Erfahrungsräume im Verhältnis zur Vermittlung konkreter Glaubensinhalte?
Karl: Wir müssen sicherlich weiter das alte Verständnis überwinden, nach dem Katechese vor allem darin besteht, Inhalte zu lernen und zu verstehen. Zugleich können Erfahrungsräume auch nicht inhaltsleer sein. Entscheidend ist eine neue Synthese: Wie lassen sich Räume gestalten, in denen die existenziellen Fragen der Menschen mit der christlichen Botschaft verknüpft – und so die Inhalte des christlichen Glaubens in ihrer Bedeutung erschlossen werden? Die Verbindung von beidem ist für mich zentral. Dabei ist immer kritisch zu reflektieren, wie Erfahrungsräume gestaltet werden. Zum Beispiel, ob sich da Gruppendynamiken entwickeln, die manipulativ wirken.
Frage: Ein zentraler Aspekt in "Kommt zu mir" besteht darin, dass Menschen eine Begegnung und Beziehung mit Christus ermöglicht werden soll. Viele tun sich mit diesem Begriff schwer. Wie geht es Ihnen damit?
Karl: Ich habe mit dieser Aussage die Schwierigkeit, dass sie manchmal mit einer sehr bestimmten Form von (Neu-) Evangelisierung verbunden wird, die suggeriert, dass eine Christusbeziehung hergestellt werden kann. Das erzeugt Druck und ist theologisch fragwürdig. Aber das Anliegen verstehe ich. Dahinter steht die Überzeugung, dass Jesus für jeden Menschen da ist, Beziehung stiftet – und was das für das einzelne Leben bedeutet. Das Christentum verfügt über eine große Vielfalt an Möglichkeiten, Glauben zu erleben. Einige Menschen werden ganz konkret und sprechen eben von ihrer Jesusbeziehung. Für andere ist die Gemeinschaft der Zugang, für andere die Schöpfung, die Liturgie, rituelle Praktiken oder die Diakonie. Diesen Schatz an unterschiedlichen Zugängen sollten wir stärker wahrnehmen und genauer beschreiben.
Frage: Sie haben die Liturgie gerade angesprochen. Auch ihre Bedeutung hebt der Text hervor, genauso wie die der Musik. Ist der ästhetische Zugang zum Glauben in der Vergangenheit zu kurz gekommen?
Karl: Das würde ich vermuten. Ich merke auch bei meinen Studierenden, wie wichtig der Zugang über Musik ist. Dabei geht es nicht unbedingt um eine bestimmte kirchenpolitische Richtung oder eine bestimmte Spiritualität. Die Stile mögen unterschiedlich sein – aber der Glaube betrifft den ganzen Menschen: Kopf und Herz. Beim Thema Liturgie finde ich gerade den Blick auf Frankreich interessant. Dort machen Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen Erfahrungen mit der Liturgie, die ihnen einen Raum für Glaubenserfahrungen eröffnen.
Frage: Was vermissen Sie in den vatikanischen Überlegungen? Manchen Beobachtern fehlt da eine Selbstkritik der Kirche, weil sie auch die Institution und ihre mangelnde Glaubwürdigkeit – Stichwort Missbrauchsskandal – als mitverantwortlich für den Traditionsabbruch sehen.
Karl: Auch mir fehlte eine vertiefte Selbstkritik der Kirche. Papst Franziskus (2013–2025) hat immer wieder betont, dass eine evangelisierende Kirche selbst Umkehr braucht. Selbstevangelisierung muss der erste Schritt sein. Und auch bei den positiven Impulsen fehlt mir die letzte Konsequenz. Wenn die stärkere Rolle der Frauen als wichtiger Ansatzpunkt genannt wird, stellt sich die Frage, was das konkret bedeutet.
Frage: Was sollte die Kirche nun konkret mit dem Dokument anfangen? Es soll ja, auch im Sinne einer synodalen Kirche, ein Ausgangspunkt für weitere Überlegungen sein.
Karl: Ich fände es sinnvoll, das Thema in den Gemeinden oder anderen pastoralen Orten aufzugreifen. Mich interessiert dabei weniger eine weitere Krisendiagnose, sondern vielmehr die Frage, was tatsächlich vor Ort passiert: Wie geschieht Glaubenskommunikation? Welche Erfahrungen machen Menschen? Welche Formen gibt es bereits, und welche Zugänge bleiben unberücksichtigt? Das Dokument gibt Anstöße, aber die konkrete Arbeit muss in den jeweiligen Kontexten stattfinden. Stichwort synodale Kirche: Glaubensvermittlung und Synodalität gehören für mich zusammen. Eine tragfähige Vermittlung des Glaubens gelingt nur in einer Kirche, in der Menschen miteinander ins Gespräch kommen, Erfahrungen teilen und sich mit den Inhalten des Glaubens auseinandersetzen, sie auch hinterfragen und neu deuten können. Dafür braucht es synodale Strukturen ebenso wie eine synodale Haltung.
Frage: Sie wünschen sich, dass das Dokument vor Ort aufgegriffen wird und konkrete Erfahrungen mit Glaubenskommunikation stärker in den Blick genommen werden. Glaubenspräfekt Fernández hat allerdings bereits wenig Hoffnung geäußert, dass es zu einer intensiven Auseinandersetzung mit den Überlegungen kommen wird.
Karl: Einzelne Gruppen oder Initiativen werden das Thema sicherlich aufgreifen. Eine breite Auseinandersetzung erwarte ich allerdings eher nicht. Dafür beanspruchen andere Herausforderungen derzeit zu viel Aufmerksamkeit, etwa die Frage, wie sich die Kirchen angesichts politischer Spaltungen positionieren. Zudem formuliert das Dokument zwar wichtige Diagnosen, ist bei den Lösungsansätzen aber nicht mutig genug. Auch der kerygmatische Ansatz reicht so, wie er beschrieben wurde, angesichts der fortschreitenden Säkularisierung nicht aus.