• © Bild: dpa

Statistik

Aus der Defensive

Warum Kommunikationsprobleme zu Kirchenaustritten führen

Bonn - 17.07.2015

Die Zahl ist schmerzhaft: Fast 218.000 Menschen haben der katholischen Kirche im Jahr 2014 den Rücken gekehrt. Das sind so viele wie nie zuvor, wie die am Freitag veröffentlichte Kirchenstatistik belegt. Was man im Vorfeld bereits geahnt hatte, scheint sich damit zu bewahrheiten: Vor allem das neue Einzugsverfahren für die Kirchensteuer auf Kapitalerträge hat die Gläubigen wohl nicht nur verunsichert, sondern so sehr verärgert, dass viele von ihnen ausgetreten sind.

Dabei werden bereits seit 2009 Ertragssteuer auf Kapitalerträge oberhalb eines bestimmten Freibetrags erhoben. Auch Kirchensteuern wurden fällig. Aber erst seit Sommer 2014 fragen die Banken die Religionszugehörigkeit ihrer Kunden ab, um ermitteln zu können, ob sie kirchensteuerpflichtig sind oder nicht. Das soll den automatischen Einzug erleichtern. Keine neue Steuer also, aber dennoch ein neues Problem für die Kirche, das so nicht hätte auftreten müssen.

In den Jahren zuvor waren die bekannt gewordenen Missbrauchsfälle (2010) und der Skandal um den Bischofssitz in Limburg (2013) mit für die hohe Zahl an Kirchenaustritten verantwortlich. Auf den ersten Blick haben diese drei Ereignisse, die die Kirche so viele Gläubige gekostet haben, nichts miteinander zu tun. Auf den zweiten Blick ändert sich das aber. Denn alle drei zeigen: Die Kirche hat ein Kommunikationsproblem. Sie agiert und kommuniziert aus der Defensive, getreu dem Motto "Solange sich niemand beschwert, müssen wir auch nichts ändern".

Irgendwann redet immer irgendwer...

Dass diese Strategie über kurz oder lang wenig erfolgversprechend ist, haben die genannten Fälle gezeigt. Denn irgendwann redet immer irgendjemand: die Missbrauchsopfer aus den kirchlichen Heimen und Schulen, die Mitglieder des Vermögensverwaltungsrates in Limburg oder sogar - man mag es kaum glauben - die sonst so verschwiegenen Banken. Und dann ist es an der Kirche, Schadensbegrenzung zu betreiben, sich zu verteidigen und aufzuklären.

Player wird geladen ...
Auch 2014 haben wieder viele Menschen die Kirche verlassen. Katholisch.de hat nachgefragt: Warum gehen? Warum bleiben?  

Es gibt mittlerweile aber auch viele gute und richtige Ansätze, die man nicht verschweigen sollte. Präventionsprogramme, die sexuelle Missbräuche vermeiden sollen, sowie härtere Strafen für Täter und solche, die die Taten systematisch vertuscht haben. Hinzu kommen die Transparenzoffensiven der Bistümer, die ihre Finanzen nun in allen Details offenlegen, um ein "zweites Limburg" zu verhindern. Doch da ist es dann auch wieder: das Wort "verhindern", reagieren statt agieren.

Dass die Kirche ein Kommunikationsproblem hat, weiß auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx. Bei der Vorstellung der Kirchenstatistik 2014 hat er unumwunden zugegeben, "dass wir Menschen mit unserer Botschaft nicht erreichen". Kein Beschönigen, keine Ausflüchte, sondern ein Eingeständnis und damit ein wichtiger Schritt raus aus der Verteidigungsposition. Doch damit die Kirche zum "Angriff" übergehen kann, muss sie zunächst einen selbstreflektierenden Blick zulassen. Wie nehmen Außenstehende die Kirche wahr? Und damit ist nicht nur die immer größer werdende Zahl an Ungetauften, Andersgläubigen oder Ausgetretenen in Deutschland gemeint, sondern auch die vielen Millionen Christen, die sich in "ihrer" Kirche nicht mehr wiederfinden und sich fragen: Was machen die da eigentlich?

Vielfältiger Entfremdungsprozess

Ein Großteil der Gläubigen befindet sich in einem Entfremdungsprozess, an dessen Ende ein Ereignis wie das in Limburg ausreicht, um das Fass zum Überlaufen zu bringen. Diesen Prozess zu stoppen, fordert eine Bündelung aller Kräfte und Ressourcen der Kirche. Innerkirchliche Debatten und Streitigkeiten wie die um das kirchliche Arbeitsrecht oder den Kommunionempfang für wiederverheiratete Geschiedene helfen da nicht weiter. Ganz im Gegenteil. Sie sorgen bei den Gläubigen für noch mehr Unverständnis und müssen deshalb schnell gelöst werden.

Die Kirche sollte viel stärker zeigen, was sie hat und kann. Denn oftmals begegnet einem als Katholik ein schwerer Vorwurf im Gewand einer einfachen Frage: Was tut ihr eigentlich? Für die Armen, die Schwachen, die Kranken, die Flüchtlinge? Diesen Menschen deutlich zu machen, dass auch die Caritas Kirche ist, dass Adveniat, Misereor oder Missio Kirche sind, dass die vielen Jugendverbände, die Krankenhäuser, Kindergärten und Altenheime Kirche sind, und dass jeder einzelne Christ in den Pfarreien und Orden Kirche ist, wird die Aufgabe der Zukunft sein.

Linktipp: Wieder mehr Kirchenaustritte

Wie schon im vergangenen Jahr, so stechen auch 2014 aus den vielen Zahlen der "Eckdaten des kirchlichen Lebens" die der Kirchenaustritte besonders heraus: Sie sind 2014 im Vergleich zu 2013 erneut deutlich angestiegen. Doch es gibt auch Lichtblicke.

Zum Artikel

Nur wenn das gelingt, fragen die Menschen vielleicht auch wieder nach dem "warum". Warum tut ihr das alles eigentlich? Weil die Kirche sich "um der Menschen und um Gottes willen aktiv in die Gesellschaft einbringt und Zeugnis gibt von der großen Botschaft des Evangeliums", sagte Kardinal Marx am Freitag.

Die Statistik bietet auch Lichtblicke

Dass es um Zeugnis zu geben, auch eine Rückversicherung braucht, die die Christen in der Gemeinschaft untereinander und mit Gott in den Sakramenten finden, wird dann die letzte und vielleicht größte kommunikative Herausforderung für die Kirche sein. Sie kann sich nicht mehr darauf verlassen, dass die Familie als Ort der Glaubensweitergabe ausreicht. Die Kirche braucht also neue missionarische Orte: Kindergärten und Schulen, Krankenhäuser und Altenheime, die sich wieder besser mit den Pfarreien vernetzen und gemeinsam neue Konzepte für eine gelingende Katechese entwickeln.

In vielen Gemeinden hat man damit bereits begonnen - und erntet vielleicht schon jetzt die ersten Früchte. Denn die Kirchenstatistik bietet auch Lichtblicke. So ist nicht nur die Zahl der Gottesdienstbesucher leicht gestiegen, sondern auch die der Taufen und Trauungen. Das könnte auch ein Zeichen dafür sein, dass die Kirche in Deutschland zwar an ihren Rändern ausdünnt, im Zentrum aber ein fruchtbares Glaubensleben bestehen bleibt oder gar neu aufkeimt. Das macht Hoffnung. Und darum geht es ja bei uns Christen.

Von Björn Odendahl

Diesen Artikel teilen:

Folgen Sie katholisch.de via     Facebook     Twitter     YouTube     Newsletter

Impressum  |  Über uns  |  Datenschutzerklärung  |  © 2016