Benedikt XVI.: Moderne Liturgie "verdunkelt" Gott

Es gehört zu den Lebensthemen von Benedikt XVI.: das Zweite Vatikanische Konzil und dessen Rezeption. Dass er damit bis heute nicht abgeschlossen hat, zeigt seine jüngste Veröffentlichung.

Kirche | Bonn - 04.10.2017

Fünf Monate nach seinem 90. Geburtstag bekam Benedikt XVI. ein nachträgliches ökumenisches Geburtstagsgeschenk: Der russisch-orthodoxe Metropolit Hilarion überreichte dem emeritierten Papst Ende September ein Exemplar der russischen Ausgabe des Liturgie-Bandes der Ratzinger-Gesamtausgabe. Erschienen war der Band mit dem Titel "Theologie der Liturgie" im Verlag des Moskauer Patriarchats. Und das ist nicht die einzige Besonderheit: Benedikt XVI. selbst hatte für die russische Ausgabe das Vorwort verfasst. Den Wortlaut des zwei Seiten langen Textes hatte die italienische Tageszeitung "Corriere della serra" zwar bereits im April veröffentlicht. Doch damals fand er nur wenig Beachtung. Am Mittwoch nun publizierte die italienische Tageszeitung "La Stampa" den Text nochmals.

Darin schreibt der Professorenpapst über eines seiner theologischen Lebensthemen: Das Zweite Vatikanische Konzil und dessen seiner Ansicht nach oft verzerrte Rezeption. Der emeritierte Papst verfolgt im Vorwort eine Kernthese, wonach die tiefere Ursache für die gegenwärtige Krise der Kirche die Verdunkelung Gottes in der Liturgie sei. "Das Missverständnis der Liturgiereform, das sich in der Kirche weit verbreitet hat, stellt den Aspekt der Unterweisung sowie die eigene Aktivität und Kreativität in den Mittelpunkt". Die Konsequenz: "Das Tun des Menschen hat die Präsenz Gottes gewissermaßen in Vergessenheit gebracht". Die Kirche lebe jedoch von der "richtigen Feier der Liturgie", betont Benedikt XVI. Wenn der Vorrang Gottes in der Liturgie und im Leben nicht mehr deutlich werde, sei die Kirche in Gefahr.

Benedikt: Dem Gottesdienst ist nichts vorzuziehen

Benedikt XVI. zeichnet in seinem Text ein pessimistisches Bild der Gegenwart. "Im Bewusstsein der heutigen Menschen erschienen die Angelegenheiten Gottes und damit auch die Liturgie ganz und gar nicht dringend", beklagt er. Alles Mögliche sei heute dringend, nur die Sache Gottes nicht. Der emeritierte Papst erinnert an den Grundsatz aus der Mönchsregel Benedikts von Nursia (um 480-547), dass dem Gottesdienst nichts vorgezogen werden dürfe. Der Begründer des abendländischen Mönchtums habe dies bewusst mit Blick auf scheinbar größere Dringlichkeiten in der Landwirtschaft oder der Wissenschaft formuliert. Doch die Priorität Gottes gelte nicht nur im Klosterleben, betont Benedikt XVI.

Schriftliche Äußerungen des emeritierten Papstes haben in der Vergangenheit immer wieder Debatten entfacht. Zuletzt sorgte sein Gedenkwort zum Begräbnis von Kardinal Joachim Meisner im August für Debatten. Warum "La Stampa" das Vorwort erst jetzt veröffentlichte, blieb zunächst unklar. (tja)

 

Impressum  |  Über uns  |  Datenschutz  |  © 2017