Israel

Brandanschlag auf Tabgha

Deutsches Kloster am See Genezareth angegriffen

Jerusalem - 18.06.2015

Auf das deutsche Benediktinerkloster Tabgha in Israel ist ein Brandanschlag verübt worden. Ein Trakt des erst 2012 eingeweihten Neubaus am See Genezareth brannte am frühen Donnerstagmorgen bis auf die Grundmauern ab. Ein 80-jähriger Mönch und eine 20-jährige Volontärin wurden mit Verdacht auf Rauchvergiftung in eine Klinik eingeliefert, wie ein Sprecher der Abtei der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) sagte.

Aufgrund einer hinterlassenen Parole an einer Wand gehe man von einem Anschlag jüdisch-nationalistischer Täter aus. Mittlerweile hat die israelische Polizei 16 Jugendliche unter Tatverdacht festgenommen. Nach Angaben der Zeitung "Haaretz" handelt es sich um jüdische Religionsstudenten aus Siedlungen im Westjordanland. Sie erhielten Rechtsbeistand von der rechtsnationalen Organisation Honenu.

Laut Auskunft der Abtei wurden die Mönche kurz nach 3.00 Uhr morgens durch das Feuer geweckt. Die israelische Feuerwehr sei binnen einer halben Stunde mit zwei Löschzügen an dem entlegenen Ort am See Genezareth eingetroffen. Sie konnte jedoch nicht verhindern, dass die südlichen Teile der Klosteranlage mit Büro- und Arbeitsräumen, der Klosterpforte und einem überdachten Umgang abbrannten.

Kardinal Woelki zeigt sich bestürzt

Abtei-Sprecher Nikodemus Schnabel sprach von einem "enormen Schaden" und einer "neuen Dimension" der Gewalt gegen christliche Einrichtungen. Videoaufnahmen zeigten auf einer Wand der Brandruine einen hebräischen Schriftzug mit der Forderung "Falsche Götzenbilder müssen zerschlagen werden".

Eine Gruppe deutscher katholischer Bischöfe und Rabbiner, die erstmals gemeinsam eine Studienreise in Israel durchführte, änderte spontan die Route und fuhr nach Tabgha. Die Rabbiner und Bischöfe, unter ihnen der Aachener Bischof Heinrich Mussinghoff, der die Unterkommission der Bischofskonferenz für die religiösen Beziehungen zum Judentum leitet, und die Rabbiner Avichai Apel (Dortmund), Jonah Sievers (Berlin) und Julien-Chaim Soussan (Frankfurt) verurteilten die Tat. Die Bischöfe dankten zugleich den Rabbinern "für das Zeichen der Solidarität, das in dem gemeinsamen Besuch zum Ausdruck kommt".

Kardinal Rainer Woelki, Erzbischof von Berlin.
Kardinal Rainer Maria Woelki zeigte sich bestürzt über den Brandanschlag. Der Kölner Erzbischof ist Präsident des Deutschen Vereins vom Heiligen Lande.  KNA

Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki und die Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschland haben bestürzt auf den Brandanschlag auf das deutsche Benediktinerkloster Tabgha in Israel reagiert. Die Nachricht habe er mit Schrecken aufgenommen, sagte Woelki, der Präsident des Deutschen Vereins vom Heiligen Land ist, am Donnerstag dem Kölner domradio. "Sie macht mich traurig und ratlos, denn nach allem, was bis jetzt bekannt ist, war der Anschlag durch religiösen Fanatismus motiviert."

"Meine erste Sorge gilt den Verletzten, ihnen wünsche ich baldige Genesung", so Woelki. Das Kloster am Ufer des Sees Genezareth, das er erst vor wenigen Monaten besucht habe, sei ein besonderes Zeichen des friedlichen Miteinanders. "Umso erschütternder ist dieser neuerliche Gewaltausbruch", sagte der Kardinal.

Rabbinerkonferenz: "verabscheuungswürdige Tat"

Entsetzt zeigt sich auch die Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschland. Diese "verabscheuungswürdige Tat" sei aufs Schärfste zu verurteilen, kritisierte der Zusammenschluss in Köln. "Damit haben die Attentäter das religiöse Selbstverständnis jedes einzelnen Juden beschmutzt", sagte Rabbiner Julien Chaim Soussan, Mitglied des Vorstandsbeirat der Orthodoxen Rabbinerkonferenz, der sich derzeit gemeinsam mit Vertretern der Deutschen Bischofskonferenz auf einer Israelreise befindet. "Ein Jude, der anderen aufgrund derer Überzeugungen Gewalt antut, entehrt das Andenken aller jüdischer Opfer."

Vize-Außenministerin Chotoveli sagte nach Medienberichten, Israel respektiere die Religionsfreiheit. Sie vertraue auf eine schnelle Aufklärung durch die Polizei. Innenminister Silvan Schalom entschuldigte sich im Namen Israels und versprach, dass sein Ministerium helfen werde, den Schaden in der Kirche zu beheben.

Bereits 2014 Anschlag auf Dormitio-Abtei

Bereits im Mai 2014 war die Benediktinerabtei Dormitio in Jerusalem, zu der Tabgha gehört, Ziel eines Brandanschlags geworden. Unmittelbar nach dem Besuch von Papst Franziskus auf dem Zionsberg legten Unbekannte mit Hilfe eines angezündeten Buchs Feuer im Chorraum. Der Brand wurde nur durch Zufall entdeckt, bevor er sich ausbreiten konnte. Im vergangenen Februar gab es einen Fall von Brandstiftung im griechisch-orthodoxen Seminar ebenfalls auf dem Zionsberg. Auch dort wurden auf den Außenmauern antichristliche Graffiti angebracht.

Der 4,8 Millionen Euro teure Neubau des Klosters Tabgha war im Mai 2012 nach fünf Jahren Bauzeit eingeweiht worden. Die Kosten trugen vor allem der Deutsche Verein vom Heiligen Land und das Erzbistum Köln. Deutsche Benediktiner unterhalten seit 1939 an diesem Ort eine Pilgerstätte, die an das biblische Wunder der Brotvermehrung erinnert.

Derzeit leben in Tabgha sechs Mönche. Dem Kloster angegliedert ist eine Begegnungsstätte für israelische und arabische Jugendliche. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Arbeit mit jungen Behinderten. (som/KNA)

18.06.2015, 13.40 Uhr: ergänzt um Informationen zu Festnahmen sowie weiteren Statements

Update: aktuelle Entwicklung

Nach dem Brandanschlag auf das deutsche Benediktinerkloster Tabgha am See Genezareth hat Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu den Inlandsgeheimdienst eingeschaltet. Der Nachrichtendienst solle beschleunigte Ermittlungen durchführen, meldete der israelische Sender i24news am Donnerstag. Unterdessen teilte ein Polizeisprecher mit, 16 tatverdächtige jüdische Jugendliche seien nach einer Befragung wieder auf freien Fuß gesetzt worden.

Abtei-Sprecher Nikodemus Schnabel sagte der Katholischen Nachrichten-Agentur, der materielle Schaden lasse sich noch nicht beziffern. Schwerer wögen jedoch die psychologischen Folgen. "Der Schock sitzt tief", sagte Schnabel. Man könne nicht ohne weiteres zum Alltagsgeschäft übergehen. (KNA)

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