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Ökumene

Danken und bedauern

Lutheraner und Katholiken gehen neue Wege in der Ökumene

Bonn - 21.01.2016

Lutheraner und Katholiken sollen näher zusammenrücken. Das wünscht sich zumindest Papst Franziskus – und geht mit gutem Beispiel voran. Als er im vergangenen November die deutschsprachige Evangelisch-Lutherische Gemeinde Roms besuchte, stellte er klar: "Es gibt ja nur einen Gott, eine Taufe, einen Glauben."

Vor wenigen Tagen wiederholte der Pontifex sein Anliegen dann noch einmal, als er vor einer hochrangigen ökumenischen Delegation aus Finnland zu einer intensiveren Zusammenarbeit und zur Vertiefung des Dialogs von Lutheranern und Katholiken aufrief. Bestehende Unterschiede in Lehre und Praxis dürften die getrennten Christen nicht entmutigen, betonte der Papst. Vielmehr sollten sie die Gläubigen auf den Weg zu immer größerer Einheit führen und dazu beitragen, alte Vorstellungen und Vorbehalte zu überwinden.

Eine gute Gelegenheit dafür ist das Reformationsgedenken 2017, finden der Lutherische Weltbund (LWB) und der Päpstliche Rat zur Förderung der Einheit der Christen. Deshalb laden sie Lutheraner und Katholiken dazu ein, künftig Gottesdienste nach einer gemeinsamen liturgischen Ordnung zu feiern. Ein entsprechendes Schreiben von LWB-Generalsekretär Martin Junge und dem vatikanischen "Ökumeneminister", Kurienkardinal Kurt Koch, ging in der vergangenen Woche an alle lutherischen Kirchen sowie die katholischen Bischofskonferenzen weltweit.

Erstmals gemeinsam entwickelte ökumenische Liturgie

Für die konkrete Gestaltung der Gottesdienste gibt es bereits Vorschläge, die in einer von beiden Seiten erarbeiteten Gebetsordnung, dem "Common Prayer" (dt. gemeinsames Gebet), zu finden sind. Viel Aufmerksamkeit hat diese Meldung bisher nicht bekommen. Dabei ist es durchaus etwas Besonderes. Denn den Angaben des Schreibens zufolge handelt es sich um die erste gemeinsam entwickelte Liturgie von Lutheranern und römisch-katholischen Christen.

Dossier Ökumene: Was verbindet? Was trennt?

Ein Haus mit vielen Wohnungen: So lässt sich - vereinfacht - die Ökumene beschreiben. Das Haus, das viele Kirchen und Gemeinschaften beherbergt, umspannt die ganze Welt. Die Familien in diesem Gebäude sind Katholiken, Protestanten, Orthodoxe, Kopten, Altkatholiken, Anglikaner und Freikirchler.

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"Diese Liturgie ist die Liturgie für eine ganz besondere Station auf dem Weg vom Konflikt zur Gemeinschaft zwischen Lutheranern und Katholiken", heißt es in der Einführung der Gebetsordnung, deren deutscher Entwurf katholisch.de vorliegt. Und weiter: "Sie bietet uns die Möglichkeit, in Dank und Schuldbekenntnis zurückzublicken; sie richtet aber auch den Blick nach vorne, indem wir uns selbst verpflichten, gemeinsam Zeugnis für unseren Glauben zu geben und unseren Weg gemeinsam weiter zu gehen."

"Diese Gedanken spiegeln sich in der liturgischen Struktur des Gedenkgottesdienstes wider", sagt Wolfgang Thönissen. Der Leiter des Johann-Adam-Möhler-Instituts für Ökumenik in Paderborn war an der Entwicklung des Leitfadens beteiligt und spricht von einem dreiteiligen Aufbau. Zunächst gehe es um den Aspekt des Danks aus lutherischer Sicht. "Kein Dank für die Trennung, sondern dafür, dass Luther und die Reformatoren ihnen ein neues Verständnis und eine neue Auslegung des Evangeliums geschenkt haben", erklärt der katholische Theologe. Ermutigt durch das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) könnten aber auch "die Katholiken mit Freude die wahrhaft christlichen Güter aus dem gemeinsamen Erbe, die sich bei den von uns getrennten Brüdern finden", anerkennen und hochschätzen, heißt es in der Gebetsordnung, die damit Bezug auf das Ökumenismus-Dekret "Unitatis Redintegratio" nimmt.

Die Buße als fester Teil der Liturgie

Der zweite Schritt im Gottesdienst sei der der Buße, so Thönissen. "Hier wollen wir der Spaltung der Kirche gedenken", sagt der Theologe. Im Leitfaden heißt es dazu weiter, "dass auch gute Reformen oft unbeabsichtigte negative Folgen hatten". Lutheranern und Katholiken müsse demnach auch Raum gegeben werden, "den Schmerz über Versagen und Verletzungen, Schuld und Sünde in den Personen und Ereignissen, an die erinnert wird, wahrzunehmen". Familien seien auseinandergerissen, Menschen gefangen genommen und gefoltert worden. Es seien Kriege geführt und Religion und Glaube missbraucht worden.

Bei seinem Besuch in der deutschsprachigen lutherischen Gemeinde Roms, rief Papst Franziskus im November vergangenen Jahres dazu auf, sich in gegenseitger Vergebung zu üben.
Bei seinem Besuch in der deutschsprachigen lutherischen Gemeinde Roms, rief Papst Franziskus im November vergangenen Jahres dazu auf, sich in gegenseitger Vergebung zu üben.  picture alliance / dpa

Auch der Papst hatte in seiner frei gehaltenen Rede vor den deutschen Lutheranern in Rom über die grausame Epoche der Religionskriege in Europa gesprochen und Katholiken und Protestanten gleichzeitig zur gegenseitigen Vergebung aufgerufen. "Es gab schreckliche Zeiten zwischen uns, die wir die gleiche Taufe haben. Lebendig haben wir uns gegenseitig verbrannt", sagte er. Die Konfessionen sollten Gott für den Skandal der Kirchenspaltung um Verzeihung bitten.

Der dritte und letzte Teil der gemeinsamen Gedenkfeier will den Blick schließlich in die Zukunft richten. "Hier geht es darum, die Gemeinsamkeiten in den Vordergrund zu stellen", sagt Thönissen. Dank und Buße führten die Gemeinde zum gemeinsamen Zeugnis, zur gemeinsamen Verpflichtung und zum gemeinsamen Dienst, lauten die Schlussfolgerungen im Leitfaden. An dieser Stelle soll das Evangelium nach Johannes (Kapitel 15, 1-5) gelesen werden, weil es Jesus Christus in den Mittelpunkt stelle. Und, so heißt es weiter: "Ohne Christus können wir nichts vollbringen."

Das gemeinsame Abendmahl bleibt ausgeschlossen

Die Gebetsordnung enthält einen genauen Ablaufplan, einzelne Lieder und Gebete, Vorschläge für die Lesungen und sogar Tipps für die gemeinsame Predigt. "Wir haben eine eigene Liturgie entwickelt", erklärt Thönissen. Ein Abendmahl oder Eucharistie wird es in diesen Gottesdiensten aber nicht geben – weder getrennt noch zusammen. "Es ist ein reiner Wortgottesdienst", sagt der Theologe.

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Ein Beitrag der Serie "Katholisch für Anfänger". Die Zeichentrickserie erklärt auf einfache und humorvolle Art zentrale Begriffe aus Kirche und Christentum. In dieser Folge geht es um Ökumene.  

Grundlage des Leitfadens ist das bereits 2013 vorgelegte Studiendokument "Vom Konflikt zur Gemeinschaft - Gemeinsames lutherisch-katholisches Reformationsgedenken im Jahr 2017". Darin geht es unter anderem um die historische Perspektive der Reformation und einen gemeinsamen Zugang zur Theologie Luthers, um Begriffe wie Rechtfertigung und Eucharistie, das Amtsverständnis oder um Schrift und Tradition. "Das Dokument zeigt auf, dass Luther und das Konzil von Trient nicht zwingend im radikalen Widerspruch stehen", sagt Thönissen. Und dass Luther auch nicht in allen Punkten verworfen werde, sondern sich vieles ergänze. "Der Streit des 16. Jahrhunderts ist vorüber", bilanziert er.

Franziskus möchte selbst nach Schweden reisen

Der Lutherische Weltbund und der Vatikan wollen deshalb mit gutem Beispiel vorangehen. Sie planen für den 31. Oktober 2016 einen gemeinsamen Gottesdienst im schwedischen Lund, dem Gründungsort des LWB. Der Feier könnte dann jemand vorstehen, dem die Beziehung zwischen Lutheranern und Katholiken sehr am Herzen liegt. "Stand jetzt möchte Papst Franziskus selbst nach Lund reisen. Er könnte dem Gottesdienst von katholischer Seite vorstehen", sagt Thönissen. In Deutschland bereiten die Deutsche Bischofskonferenz und die Evangelische Kirche in Deutschland ebenfalls einen zentralen gemeinsamen Gottesdienst vor, der am Vorabend des 2. Fastensonntags 2017, dem 11. März, stattfinden soll.

Thönissen wünscht sich für die Zukunft allerdings weitere Formen des gottesdienstlichen Miteinanders. Man müsse darüber nachdenken, ob es nicht mehr brauche als diese gelegentlichen gemeinsamen "Events". "Weihnachten, Ostern, aber auch Christi Himmelfahrt", zählt er auf, "sind Feste, für die Christen in einer immer säkulareren Welt gemeinsam eintreten sollten." Sogar einen gemeinsamen liturgischen Kalender könne sich der Theologe vorstellen. "Wir müssen unseren Glauben einfach mehr miteinander feiern und ausprobieren, was möglich ist." Der Papst sieht das ähnlich. Seiner Meinung nach müssten Christen in einer von Konflikten zerrissenen und von Säkularismus und Gleichgültigkeit geprägten Welt gemeinsam "glaubwürdige Zeugen der Einheit und Baumeister von Frieden und Versöhnung sein".

Von Björn Odendahl

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