Das Meer holt sich den Mönchsberg zurück

Es ist ein Meilenstein der seit1995 laufenden Renaturierungsarbeiten: Seit dieser Woche ist der Klosterberg Mont Saint-Michel über eine neue Brücke mit dem Festland verbunden. Heute wird der Steg für die Besucher freigegeben.

Frankreich | Bonn/Avranches - 22.07.2014

Als Guy de Maupassant in seinem Roman "Notre Coeur" (Unser Herz, 1889/90) auf stürmisch-romantische Art die Fahrt zum Mont Saint-Michel beschrieb, da war der Straßendamm, der zu dem Klosterberg an der Grenze zwischen Normandie und Bretagne führte, gerade zehn Jahre alt. Ein ultramoderner Vorzeigebau, mit dem der Mensch die Natur in die Schranken wies und der ihn dorthin vordringen ließ, wo noch nie ein Mensch zuvor gewesen war - zumindest nicht mit Kutsche und Zylinder.

Es war die Öffnung für den Massentourismus. Erst mit den Jahrzehnten wurde deutlich, dass die Natur mit dem Damm als Hindernis nach ihrer Art verfuhr: Der mit der Flut angeschwemmte Sand floss nicht mehr ab. Die Bucht versandete, jedes Jahr 200 Hektar; die Klosterinsel verwuchs mit dem Festland.

Früher lagen mehrere Kilometer zwischen Festland und Mont Saint-Michel; heute sind es nur noch wenige hundert Meter. Tatsächlich reichen die Salzwiesen, auf denen die berühmten Lämmer der Region weiden, bei Ebbe fast bis an die äußeren Grenzen des Felsens heran. Doch es mussten wiederum viele Jahrzehnte vergehen, bis die Einsicht dämmerte: Wir müssen die kulturlandschaftliche Einmaligkeit des Mont Saint-Michel wiederherstellen.

Wenige Wochen, bevor die neue Brücke zum Mont Saint Michel im Juli 2014 eröffnet wurde: Der Straßendamm liegt noch daneben, alles ist versandet. Die Mönchsinsel ist selten ganz vom Meer umgeben.
 Agathe Lukassek

Seit 1995 läuft ein Renaturierungsprojekt sondergleichen. Und seit dieser Woche ist dafür ein Meilenstein erreicht: Der Klosterberg ist nun über eine neue, auf Stelzen errichtete Brücke mit dem Festland verbunden. An diesem Dienstag, zur Haupttouristenzeit des Jahres, wird der neue, über 760 Meter mäandernde Steg des österreichischen Architekten Dietmar Feichtinger für die Besucher freigegeben.

Mehrere hundert Millionen Euro haben französischer Staat, EU und die Regionen Normandie und Bretagne seit 1995 in die Hand genommen. Der erste zentrale Schritt war die Errichtung einer Stauanlage am Flüsschen Couesnon, das beim Mont Saint-Michel in den Ärmelkanal fließt. Mit Hochdruck wird damit der Sand aus der Bucht geschwemmt, allein durch die Wasserkraft des Flusses. Die Stauanlage dient auch als Info- und Aussichtsplattform. Seit ihrer Eröffnung 2009 ist sie ein beliebter Stopp für Fotografen.

Seit 2012 sind die früher allgegenwärtigen Parkplätze ins Hinterland verlagert. Damit ist die störende Blechlawine der Tagestouristen von der malerischen Kulisse verschwunden. Seitdem ist zwar ein knapper Kilometer Fußweg zwischen dem (nicht gerade billigen) Parkplatz und dem neu geschaffenen Pendelverkehr zurückzulegen. Und egal welchen der drei Wege man wählt, kostenloser Shuttle-Bus, Pferdekutsche oder Fußweg: Eine gute Stunde muss man für Hin- und Rückweg einplanen.

Die Mönchsinsel Mont Saint Michel in Westfrankreich mit der neuen Stelzen-Brücke. Sie dient der Renaturierung: Der Sand soll fortgeschwemmt werden und die Insel wieder öfter vom Meer eingeschlossen werden.
 Agathe Lukassek

Händler und Restaurantbesitzer schimpfen über verschlechterte Anreisebedingungen für die Touristen, also ihre Kunden, und für den Verkehr von Waren und Angestellten. Doch immerhin kann auf diese Weise vielleicht zumindest wieder ein wenig mehr von jenem Eindruck entstehen, den einst die mittelalterlichen Pilger hatten, wenn sie sich dem "Heiligen Berg" nach oft wochenlanger Wallfahrt näherten. Ein Ort der Stille wird er wohl so oder so nie mehr werden.

Bautechnisch beginnt nach Vorstellung der Ingenieure mit der Inbetriebnahme des neuen Damms nun bereits das Nachspiel: Von Oktober bis Frühjahr 2015 werden der alte Straßendamm und die übrigen Reste der sündigen Tourismus-Vergangenheit abgetragen. Freilich wird es auch dann immer noch viele Jahre dauern, bis die Natur den einstigen maritimen Charakter wiederhergestellt haben wird. Experten gehen davon aus, dass durch die Stauanlage am Cuesnon binnen zehn Jahren 80 Prozent der Sedimente verschwinden könnten.

Wenn das tatsächlich so eintrifft, würde sich der Wasserstand in der Bucht langfristig um rund 70 Zentimeter erhöhen. Je nach Fluthöhe, so die Planung und Hoffnung, könnte der Mont Saint-Michel künftig wieder bis zu 90 Mal pro Jahr ganz vom Meer umgeben sein. Er würde - wie vor einer Woche bereits eindrucksvoll anzuschauen - endlich wieder eine richtige Insel.

Stichwort: Mont Saint-Michel

Der Mont Saint-Michel zwischen Normandie und Bretagne ist ein einzigartiges Denkmal mittelalterlicher Kloster- und Festungsarchitektur; er gehört zum Weltkulturerbe der Unesco. Der Legende nach war der Ort schon im sechsten Jahrhundert von einem Einsiedler bewohnt. Die Anfänge des Klosters sollen auf das Jahr 708 zurückgehen. Der Erzengel Michael habe den damaligen Bischof von Avranches im Traum angewiesen, auf einem ehemaligen Totenberg der Kelten eine Kirche für zwölf Kanoniker zu errichten. Der Berg wurde Michaelsberg benannt. Die Priester wurden 966 durch 30 Benediktiner aus dem Reformkloster Saint Wandrille ersetzt. Im Hochmittelalter entwickelte sich die Benediktinerabtei zur meistbesuchten Wallfahrtsstätte Frankreichs nach dem Grab des heiligen Martin in Tours. Nach der Zerstörung im Zuge der französischen Eroberung der Normandie gelang zu Beginn des 13. Jahrhunderts der Wiederaufbau als eines der architektonischen und logistischen Meisterwerke des Mittelalters: zwei dreigeschossige gotische Gebäude entstanden, 1228 gekrönt von einem Kreuzgang mit 227 Säulen. Nach Jahrhunderten geistlichen und baulichen Niedergangs machte König Ludwig XVI. Teile des Klosters zum Staatsgefängnis; Revolutionstruppen setzten dem religiösen Leben 1790 ein Ende. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Mont Saint-Michel zum Objekt romantischen Schwärmertums und schließlich des Massentourismus. Seit 1874 steht er unter Denkmalschutz. Seit 1969 wohnen dort wieder Ordensleute: zunächst Benediktiner, seit 2001 die Fraternite Monastique de Jerusalem. (luk/KNA)

Von Alexander Brüggemann (KNA)

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