"Den Christen zur Seite stehen"

Bischof Stephan Ackermann besucht gerade das Heilige Land. Wie er die Christen vor Ort erlebt und ob er sich um seine eigene Sicherheit sorgt, erzählte er im Interview.

Heiliges Land | Jerusalem - 18.01.2017

Zum 17. Mal reisen europäische, nordamerikanische und südafrikanische Bischöfe zum internationalen Bischofstreffen ins Heilige Land. Als Vertreter der Deutschen Bischofskonferenz nimmt der Trierer Bischof Stephan Ackermann teil. Die Bischöfe kommen unter anderem in Bethlehem, Jerusalem und Tel Aviv mit Vertretern der Ortskirchen und Gemeindemitgliedern zusammen. Dabei sprechen sie mit Israelis und Palästinensern. Das Treffen soll der dort lebenden christlichen Minderheit Solidarität und Unterstützung signalisieren.

Frage: Herr Bischof, Sie waren unter anderem schon in Pfarrgemeinden in der Gegend von Bethlehem zu Besuch und haben christliche und muslimische Studenten getroffen. Was für Eindrücke haben Sie da bekommen?

Bischof Stephan Ackermann: Die Besuche in den Pfarreien sind ein fester Programmpunkt des Bischofstreffens. Ich war dieses Mal in einer melkitischen Gemeinde in Bethlehem. Die Lebendigkeit über alle Generationen hinweg war beeindruckend. Und dass, obwohl Christen hier als Minderheit unter schwierigen Bedingungen leben und gerade die palästinensischen Christen tagtäglich Einschränkungen spüren. Ähnliches gilt für die Studenten von der katholischen Bethlehem University, die wir getroffen haben: Kluge, selbstbewusste junge Leute, die sich ihrer schwierigen Situation bewusst sind, aber  mit ihrem Leben etwas erreichen wollen. Natürlich stehen sie auch vor der Frage: bleiben oder gehen? Es ist diese Mischung aus den sehr schwierigen Rahmenbedingungen einerseits und andererseits der Lebendigkeit und dem Lebensmut, die einen immer auch ein Stück beschämt.

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Bischöfe aus Europa, den USA und Südafrika wollen sich bei ihrem Solidaritätstreffen im Heiligen Land über die Situation der Christen vor Ort informieren. Die Minderheit hat mit vielen Problemen zu kämpfen.

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Frage: Sie kommen aber auch mit Israelis und Palästinensern zusammen. Wie vorsichtig müssen Sie im Gespräch mit den Konfliktparteien sein? Werden Sie als Unbeteiligter gehört?

Ackermann: Wir sprechen mit den Vertretern der Konfliktparteien getrennt. Das macht es natürlich leichter. Aber man muss schon drauf achten, wie man spricht, auch wenn die Treffen in einem Raum des Vertrauens stattfinden und die Menschen offener sprechen. Wir versuchen natürlich, respektvoll mit den verschiedenen Gruppen und mit deren Sensibilitäten umzugehen. Darüber hinaus sind wir ja nicht die, die von außen kommen und den Lösungsplan haben, sondern die, die Solidarität zeigen und möglichst nüchtern die Situation betrachten wollen. Und es ist auch klar, dass wir als europäische Bischöfe aus Ländern kommen, die die Geschichte dieser Region gerade auch im letzten Jahrhundert wesentlich mitgeprägt haben und insofern nicht ganz unschuldig an der derzeitigen Situation sind. Was unsere Gesprächspartner angeht, sind wir vor allem die Hörenden und die Lernenden. Nach dem Treffen ist es dann unsere Aufgabe, den Bischofskonferenzen oder den Politikern in unseren Heimatländern von unseren Erfahrungen hier zu berichten und so auch Lobbyarbeit für die Christen im Heiligen Land zu leisten.

Frage: Die Christen sind eine Minderheit in dem zerstrittenen Land. Welches Potential hat da der Besuch der Bischöfe?

Ackermann: Wir sind ja nun schon zum 17. Mal hier. Das Wichtige ist, dass wir Treue zeigen und auch bei all den Schwierigkeiten den Christen zur Seite stehen und selbst dann noch kommen, wenn wir den Eindruck haben, die Situation wird von Jahr zu Jahr eher schwieriger. Und es ist einiges schwieriger geworden, zum Beispiel durch die Abwanderung von Christen oder das Verhältnis von Israel zu Palästina, bei dem man zurzeit gar nicht mehr von einem Friedensprozess sprechen kann. Ein anderer Punkt ist, zuhause dafür zu werben, als Pilger das Heilige Land zu besuchen. Nicht nur, weil viele Christen hier davon leben, sondern auch, weil die Pilger ihnen zeigen: Es ist gut, dass ihr hier seid und das Christentum lebendig erhaltet und das Heilige Land mit seinen Pilgerstätten nicht eine Art von christlichem Freilichtmuseum ist.

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Bei der Pilgerreise ins Heilige Land im Herbst 2016 besuchte die ökumenische Delegation die Grabeskirche und die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem.
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Frage: Wieviel von den unter anderem auch religiösen Konflikten bekommen Sie mit, wenn Sie, als Bischof erkennbar, unterwegs sind?

Ackermann: Vor einiger Zeit hat eine Gruppe berichtet, dass radikale Israelis vor Bischöfen ausgespuckt haben. In Hebron haben wir diesmal ähnliches erlebt. Da waren wir mit einem Vertreter der Organisation "Breaking the Silence" unterwegs, einem ehemaligen Militär, der sich seinem Gewissen verpflichtet fühlt, durchaus regierungskritisch für mehr Wahrheit und Gerechtigkeit einzutreten. Er berichtete unserer Gruppe offen von Willkür und Diskriminierung des Militärs gegenüber der palästinensischen Bevölkerung. Ein Mann, wahrscheinlich ein radikaler Israeli, hat während unseres Rundgangs in Hebron diesen ehemaligen Militär mit lautstarken massiven Beschimpfungen attackiert. Damit muss man hier rechnen, aber das sind Einzelfälle. Man sollte sie nicht dramatisieren.

Frage: Auch Benediktinerpater Nikodemus Schnabel wurde schon oft bespuckt und beschimpft. Haben Sie sich vor Ihrer Abreise Sorgen um Ihre Sicherheit gemacht?

Ackermann: Nein. Die meisten Teilnehmer sind ja schon mehrfach hier gewesen. Diese Attacken lösen keine Besorgnis aus, es wird einfach mit Gelassenheit hingenommen.

Frage: Was werden Sie mit zurück nach Deutschland nehmen?

Ackermann: Wir haben bei diesem Treffen ein besonderes Augenmerk auf die Besetzung der palästinensischen Gebiete durch die Israelische Armee gelegt, die sich nun zum 50. Mal jährt. Zu sehen, dass es hier vor Ort Initiativen gibt, die sich – auf palästinensischer, aber gerade auch auf israelischer Seite – für Gerechtigkeit und Versöhnung starkmachen, ist ermutigend, auch wenn sie sich bei ihren eigenen Leuten dadurch zum Teil ziemlich unbeliebt machen. Es gibt hier also immer wieder auch Hoffnungszeichen. Oder, wie alle hier sagen: Zu Optimismus ist wirklich kein Anlass, aber Hoffnung darf man haben.

Von Johanna Heckeley

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