Der Furchtlose

Kardinal George Pell gehört zu den Mächtigsten der Kirche. Er ist Finanzchef des Vatikan und enger Berater des Papstes. Doch bis heute bleibt ein entscheidender Punkt seiner Vergangenheit im Dunkeln.

Geburtstag | Vatikanstadt - 08.06.2016

In Australien erwarb sich George Pell das Image eines konservativen Aufräumers. Das brachte Papst Franziskus dazu, ihn zum Berater und zum Vatikan-Finanzchef zu machen. Doch zuletzt ebbt das Surfen auf der Erfolgswelle ab.

Es war einer der größten Tage im Leben von George Pell, als er am 21. Mai 1987 zum Bischof geweiht wurde. Die Zeremonie in der Kathedrale von Melbourne vollzog der amtierende Erzbischof Sir Thomas Francis Little. Er hatte Pell gefördert, begleitet - und zum Schluss womöglich wie ein Fluch verfolgt, nachdem sich immer deutlicher offenbarte, was für eine unglückliche Hand Little im Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs hatte.

Damals jedenfalls schien der junge Pell an einem Höhepunkt seiner Laufbahn: Geboren in einfachen Verhältnissen in Ballarat, absolvierte er eine kirchliche Schulausbildung und trat schließlich ins Priesterseminar ein. Es war keine Entscheidung ohne Umschweife. Pell selbst sagte einmal, er habe erst unter Angst und Zögern die Überzeugung gewonnen, dass Gott ihn für sein Werk brauche - "und ich war nie imstande, dieser Überzeugung erfolgreich zu entkommen".

Vom Oxford-Absolventen zum Seminarrektor

Schließlich empfing Pell die Priesterweihe, als 25-Jähriger im fernen Rom, durch Kurienkardinal Gregoire-Pierre Agagianian. Es folgten weitere Studien in Oxford; dort promovierte er mit einer historischen Arbeit über das Leitungsamt in der Alten Kirche. Nach Ballarat zurückgekehrt, diente er als Vikar und Pfarradministrator in der Seelsorge, erwarb eine Zusatzqualifikation in Erziehungswissenschaft, gab die Bistumszeitung heraus. Den rührigen jungen Geistlicher berief Erzbischof Little 1985 zum Rektor des Priesterkollegs Corpus Christi - eine klassische Stufe für Priester, die zu Höherem berufen sind. Tatsächlich kam zwei Jahre später die Ernennung zum Weihbischof. Als Wappenspruch wählte Pell "Nolite temere" (Fürchtet euch nicht) - das richtige Motto für einen passionierten Australian-Football-Spieler.

Papst Franziskus berief Kardinal George Pell (im Vordergrund rechts) in den "K9-Rat" zur Kurienreform und machte ihn damit zu einem der mächtigsten Männer der Kirche.
Papst Franziskus berief Kardinal George Pell (im Vordergrund rechts) in den "K9-Rat" zur Kurienreform und machte ihn damit zu einem der mächtigsten Männer der Kirche.
 KNA

Die alte Angst des Priesteramtsanwärters war ihm von außen nicht mehr anzumerken, als er 1996 Erzbischof von Melbourne wurde, 2001 dann Erzbischof von Sydney, 2003 Kardinal. Hier, in der Hauptstadt des australischen Libertinismus, meldete er sich immer wieder mit kernigen Statements zu Homosexualität, Bioethik und oder Umwelt zu Wort. Ins weltkirchliche Rampenlicht trat er als Gastgeber des Weltjugendtags 2008. Papst Franziskus berief Pell 2013 in der Kardinalsrat zur Kurienreform, im Februar 2014 auch noch in die Leitung des neugegründeten vatikanischen Wirtschaftssekretariates. Damit ist der forsche Australier einer der machtvollsten Mitarbeiter des Papstes. Pell, der Furchtlose.

Die Vergangenheit holt Pell ein

Doch es lag auch schon ein Schatten auf seiner Vergangenheit. Denis Hart (75), sein Nachfolger als Erzbischof von Melbourne, hatte im Mai 2013 als erster hochrangiger Kirchenvertreter vor einem staatlichen Missbrauchsausschuss auszusagen. "Geheimniskrämerei und Vertuschung" habe es gegeben, sagte Hart. Sie hätten sich "wie Mehltau über die Kirche gelegt". Little habe sich einfach nicht vorstellen können, dass Priester, die das Beste im Menschen darstellen sollten, zu solchen Taten fähig gewesen seien.

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Er sei sehr geneigt gewesen, einem Priester, der Missbrauchs-Vorwüfe dementierte, zu glauben: Das gab Kurienkardinal Pell vor der australischen Missbrauchskommission zu. Ihm wird vorgeworfen, Missbrauch vertuscht zu haben.

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Und auch Pell erklärte vor dem Ausschuss, sein ehemaliger Dienstherr habe in mindestens einem Fall sexuellen Missbrauch von Minderjährigen vertuscht. Little habe konkrete Vorwürfe gegen Priester unter der Decke gehalten, keine Akten angelegt. Bis 1996 war Pell als Weihbischof die rechte Hand von Little.

Immer wieder die Frage: Wie viel wusste Pell?

Nach Einschätzung Harts bei einer Befragung Ende 2015 muss Pell einen "angemessenen Grad an Kenntnis" von den Vorgängen gehabt und diese auch gegenüber dem Erzbischof thematisiert haben. Zugleich hielt er Pell zugute, dass dieser das Aufklärungsprogramm "Melbourne Response" ins Leben rief. Andere, wie Pells früherer Weihbischof Geoffrey Robinson, kritisieren, dass Pell damit eine einheitliche Reaktion der australischen Bischöfe unterlaufen habe. Im März sprach Pell noch einmal zu seiner Vergangenheit. In einer Videoschaltung, nachts aus einem römischen Hotel, erklärte er dem australischen Untersuchungsausschuss, er sei als Weihbischof in Melbourne "hintergangen" und nur unvollständig informiert worden.

Am Mittwoch wird Pell 75 Jahre alt und muss gemäß dem Kirchenrecht seinen Rücktritt anbieten. Medien berichteten indessen unter Berufung Pells Büro, Franziskus wolle seinen Berater und Finanzchef mindestens bis zum Ablauf seines regulären Mandats 2019 im Amt belassen.

Von Burkhard Jürgens (KNA)

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