Der Mann, den der Papst nicht verlieren wollte

Dario Edoardo Viganò machte sich als vatikanischer Medienchef etliche Feinde. Die freuen sich nun über seinen Rücktritt. Doch einen musste er erst von der Notwendigkeit dieses Schritts überzeugen: den Papst.

Vatikan | Bonn - 23.03.2018

Dario Edoardo Viganò weiß, wie man Rücktritte in Szene setzt. Als damaliger Chef des vatikanischen Fernsehens CTV sorgte er am 28. Februar 2013 dafür, dass die Weltöffentlichkeit den letzten Hubschrauberflug von Benedikt XVI. vom Vatikan nach Castel Gandolfo live mitverfolgen konnte. Gemessen an der sonstigen Experimentierfreude des päpstlichen Kamerateams wirkte das auf manchen Beobachter geradezu wie der Neue Deutsche Film. Der Kinoliebhaber Viganò selbst allerdings erinnerte damals in seinem Kommentar an einen berühmten italienischen Film: Federico Fellinis "La dolce Vita". In dessen Eingangsszene trägt ein Hubschrauber eine Christus-Statue über Rom in Richtung Petersdom. Ein kühner, aber auch prophetischer Vergleich! Denn Benedikts Nachfolger sollte sich ebenfalls als Fellini-Fan entpuppen.

Für seinen eigenen Rücktritt als Präfekt des vatikanischen Mediensekretariats hatte Viganò am Mittwoch keine Drehbuchvorlage von Fellini. In einer kurzen Mitteilung gab das vatikanische Presseamt bekannt, dass der Papst Viganòs Rücktritt angenommen habe. Der Amtsverzicht war nach dem Skandal um einen Brief von Benedikt XVI. an Viganò nahezu unausweichlich geworden. Der Präfekt des Mediensekretariats hatte offensichtlich Fehler gemacht, der Druck auf seine Person war zu groß geworden.

Benedikt XVI. wusste von der Teilveröffentlichung seines Briefs

Viganò war zum Buhmann all jener geworden, die glaubten, Benedikt XVI. verteidigen zu müssen. Sie warfen dem vatikanischen Kommunikationschef vor, er habe den Namen des emeritierten Papstes missbraucht, um auf unredliche Weise für Franziskus PR zu machen; hierbei nahmen sie an, dass Benedikt XVI. nichts von der Teilveröffentlichung gewusst habe. Dieser Lesart widersprach der Jesuit Bernd Hagenkord, als Chef vom Dienst von "Vatican News" ein leitender Mitarbeiter Viganòs. Die Teilveröffentlichung sei abgesprochen gewesen, schreibt Hagenkord in seinem Blog.

Am Anfang der Geschichte stand Viganòs schriftliche Bitte an den emeritierten Papst, ein Vorwort für eine Buchreihe über die Theologie von Papst Franziskus zu schreiben. Viganò ließ ein Foto veröffentlichen, auf dem zunächst nur jener Absatz des Antwortschreibens von Benedikt XVI. zu entziffern war, in dem dieser sich gegen das "törichte Vorurteil" wendet, dass Franziskus nur ein Praktiker ohne größere theologische Bildung und er selbst ein weltfremder Theoretiker sei. Offenbar wollte Viganò zum fünften Jahrestag der Wahl von Papst Franziskus noch einmal die Kontinuität zu dessen Vorgänger mit einem Zitat aus berufenem Munde belegen.

Der dritte Absatz des Benedikt-Briefs war zu viel

Diese Rechnung schien zunächst auch aufzugehen, bis herauskam, dass Benedikt XVI. die Bücher gar nicht gelesen hat, was auf dem Foto nicht zu lesen war: dieser Absatz wurde unkenntlich gemacht. Viganò hatte ihn den Journalisten bei der Vorstellung der Buchreihe gleichwohl vorgelesen. Wenn es dabei geblieben wäre, hätte der vatikanische Medienchef den Sturm der Entrüstung vielleicht sogar noch überstanden. Denn hier war offensichtlich auch eine unsorgfältige Berichterstattung mancher Medien im Spiel, die schlichtweg nicht mitbekommen hatten, dass Viganò diesen Absatz zumindest mündlich vorgetragen hatte.

Doch dann kam heraus, dass der Brief noch einen dritten Absatz hatte, den Viganò gänzlich unterschlagen hatte. Dessen Inhalt war besonders pikant. Benedikt XVI. beschwert sich darüber, dass der Tübinger Theologe Peter Hünermann zu den Autoren der Reihe zählt, der früher durch antipäpstliche Äußerungen aufgefallen sei. Offenbar war die Existenz eines bislang unbekannten Absatzes aus dem Vatikan durchgestochen worden. Der Vatikan veröffentlichte daraufhin den kompletten Wortlaut des Benedikt-Briefes.

Franziskus musste vom Rücktritt erst überzeugt werden

Trotz allem wollte Franziskus Viganò dem Vernehmen nach zunächst nicht gehen lassen. Wenn er einmal persönliches Vertrauen zu einer Person gefasst hat, dann halte er an ihr fest. So habe Viganò Franziskus erst davon überzeugen müssen, dass sein Amtsverzicht unumgänglich sei, heißt es aus dem Vatikan. Dieser anfängliche Unwillen des Papstes spiegelt sich auch noch in seinem Brief wider, den der Vatikan zusammen mit der Bekanntgabe des Rücktritts veröffentlichte. Er habe Viganos Ersuchen erst mit "einigem Zögern" angenommen, heißt es in seinem Antwortschreiben auf Viganos Rücktritts-Bitte. Außerdem bleibt Viganò dem Mediensekretariat nach dem Willen des Papstes weiter als Berater erhalten.

Papst Franziskus als Superman? Vigano hatte die Idee, das Graffito auf T-Shirts drucken zu lassen.
 KNA

Franziskus hatte Viganò im Juni 2015 eine schwere Aufgabe gegeben, vielleicht die schwerste der Kurienreform überhaupt nach der Neustrukturierung des skandalgebeutelten vatikanischen Wirtschafts- und Finanzsektors: Der vormalige Leiter des vatikanischen Fernsehens CTV sollte aus neun bislang weitgehend eigenständig vor sich hin wurstelnden Akteuren im Mediensektor von Radio Vatikan über das vatikanische Presseamt und den päpstlichen Medienrat bis hin zur vatikanischen Druckerei ein schlagkräftiges Mediensekretariat mit einer Kommunikationsstrategie schaffen. Seit 30 Jahren hatte es hier keine größere Reform mehr gegeben. Das sichtbarste Ergebnis der Reform ist für den normalen Katholiken das neue vatikanische Internetportal "Vatican News", das im Dezember 2017 online ging. Vigano musste sich allerdings viel Kritik dafür anhören, dass er den etablierten Markennamen "Radio Vatikan" geopfert habe und dafür, dass es nur schleppend vorangehe mit der Medienreform.

T-Shirt-Werbung für den Superman-Papst

Vigano krempelte auch die PR-Strategie des Vatikans um und machte mit unkonventionellen Projekten von sich reden. Im Oktober 2017 etwa stellte er ein offizielles Papst-Superman-T-Shirt vor. Zu sehen ist darauf das bekannte Graffito mit Franziskus als Superman mit erhobener Faust, das der italienische Straßenkünstler Mauro Pallotta 2014 an eine Hauswand unweit des Vatikans gesprüht hatte. Außerdem fädelte Vigano auf vatikanischer Seite den Franziskus-Film des deutschen Regisseurs Wim Wenders ein, der demnächst in den Kinos anläuft. Auch die vatikanische Präsenz in den sozialen Medien wurde unter Viganòs Ägide erheblich ausgebaut. Im März 2016 schaltete er ein Instagram-Profil des Papstes mit dem Namen @Franciscus frei.

Der Präfekt des Mediensekretariat hatte einen undankbaren Job. Mit seinen Reformen machte er sich unter seinen fast 500 Mitarbeitern, die meisten davon bei "Radio Vatikan", nicht nur Freunde. Nicht zuletzt deshalb, weil er ihnen klarmachen musste, dass die Zeiten des Radios in seiner herkömmlichen Form endgültig vorbei seien und dass auch der Vatikan verstärkt auf bewegte Bilder und Social-Media setze. Man müsse die Nostalgie hinter sich lassen, forderte Vigano von seinen Mitarbeitern und verwies auf das Vorbild der Radiosender BBC und Deutsche Welle, die ihr mehrsprachiges Programm längst via Satellit und Internet verbreiteten. Im persönlichen Umgang wird Vigano als freundlich beschrieben, frei von jeglichem Dünkel. Auch seinen Rücktritt habe er seinen Mitarbeitern ruhig und ohne erkennbaren Zorn mitgeteilt, heißt es.

Solche Rücktritte gibt es im Vatikan nicht oft

Aber auch außerhalb seiner Behörde eckte der Medienchef im Vatikan bisweilen an, weil er einen neuen, unprätentiösen Kommunikationsstil pflegte, dem kuriale Liebedienerei fremd war. Auch sein Rücktritt war gänzlich untypisch für die römische Kurie. In Rom kommt es nicht oft vor, dass ein leitender Kurienmitarbeiter ohne Zwang von oben zurücktritt, weil er ein Reformprojekt nicht gefährden will, wie Viganò es in seinem Rücktrittsschreiben formulierte.

Im Gegensatz zu manch anderem im Vatikan ist Viganò nicht wie die Jungfrau zum Kinde zu seinem Posten gekommen. Der in Rio de Janeiro geborene italienische Geistliche ist ein ausgewiesener Fachmann für das Thema Kirche und Kommunikation. Bevor er 2013 noch von Benedikt XVI. zum Direktor des vatikanischen Fernsehens CTV berufen wurde, war er von 2006 bis 20012 Professor für "Theologie der Kommunikation" an der päpstlichen Lateran-Universität in Rom. Davor wirkte er unter anderem als Leiter der Film-Bewertungsstelle der Italienischen Bischofskonferenz  Chefredakteur einer katholischen Kinozeitschrift und in der Medeinabteilung seines Heimatbistums Mailand. Jetzt dürfte Vigano wieder mehr Zeit haben, um seiner Kino-Leidenschaft nachzugehen und Fellini-Filme anzuschauen.

Von Thomas Jansen

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