Die Rätsel unter dem Petersdom

1950 überraschte Papst Pius XII. die Welt als er verkündete: das Petrusgrab ist wiederentdeckt. Nun liefert die Studie einer italienischen Forscherin neue Details zur antiken Nekropole unter dem Petersdom.

Archäologie | Vatikanstadt - 17.10.2016

"Ja! Das Grab des Apostelfürsten ist tatsächlich wiedergefunden worden". Vor 66 Jahren überraschte Papst Pius XII. zum Ende des Heiligen Jahres 1950 die Weltöffentlichkeit mit dem Abschlussbericht der geheimen Ausgrabungen unter dem Petersdom. Zehn Jahre lange hatten Archäologen neun Meter unter dem Papstaltar nach Beweisen dafür geforscht, ob Petrus nach seinem Märtyrertod unter Kaiser Nero vor 1900 Jahren tatsächlich hier seine letzte Ruhestätte gefunden hatte.

Das Resultat der Forscher bestätigte die Tradition, nach der Kaiser Konstantin die größte Kirche der Christenheit genau über dem Schnittpunkt von dem bescheidenem Erdgrab errichten ließ, das zuvor bereits Ziel einer Petrus-Verehrung war. Seither gehen die Forschungsarbeiten jedoch weiter. Soeben hat die italienische Archäologin Alessia Vivaldi unter Betreuung des zuständigen Vatikan-Beauftragten Pietro Zander eine neue Studie vorgelegt.

Wenige Funde werfen so viele Fragen auf

Akribisch hatte die vatikanische Dombauhütte ab 1940 mit einem vierköpfiges Archäologen-Team unter Leitung von Ludwig Kaas, dem ehemaligen deutschen Zentrums-Abgeordneten, unter dem Petersdom gegraben. Sie stießen auf eine Totenstadt, und dort - in einem vier mal acht Meter großen Feld - auf das in antiken Quellen beschriebene Grabmal (Tropaion), das um das Jahr 160 über dem Apostelgrab errichtet worden sein soll. Und sie fanden auch noch frühere Hinweise auf eine Beisetzung und eine christliche Verehrung inmitten dieser Nekropole am Rand des Nero-Caligula-Zirkus. Damit konnten die Forscher die Traditionslücke zwischen dem Tod des Apostelfürsten zwischen 64 und 67 und dem Bau der ersten Vatikan-Basilika 250 Jahre später erheblich schließen. Aber es blieben und bleiben noch offene Fragen. Wenige Themen der christlichen Archäologie haben ein solches Echo, solche Fragen, aber auch Polemik ausgelöst wie ihre Berichte. Die Veröffentlichungen füllen Bibliotheken.

Papst Franziskus betet in der Nekropole unter dem Petersdom beim Grab des Apostels Petrus.
Papst Franziskus betet in der Nekropole unter dem Petersdom beim Grab des Apostels Petrus.
 picture alliance / AP Photo

Genau dieses "Feld P" mit dem Tropaion samt seiner unmittelbaren Umgebung hat Frau Vivaldi in ihrer Studie weiter untersucht. Sie erforschte die Bebauungsgeschichte und die relative Chronologie der größtenteils heidnischen Mausoleen, zwischen denen die christliche Gemeinde ein Grab ganz besonders verehrte. Ein Grab unter freiem Himmel, um das sich sehr bald mehrere andere Gräber gruppiert hatten, und über dem 100 Jahre später besagtes Denkmal mit zwei Säulen und einer Travertinplatte errichtet wurde.

Graffiti als Zeichen der Verehrung

Dieses Tropaion lehnte sich an eine "Rote Mauer" an, die zur Abgrenzung und Absicherung entlang eines aufsteigenden Ganges errichtet wurde. Nach einem Mauerriss wurde eine zusätzliche Stützmauer vorgebaut, auf der sich Gläubige mit Graffiti zur Verehrung und Anrufung des Apostels verewigten – bevor Kaiser Konstantin die Totenstadt mit seiner Basilika überbaute. Er verschloss damit den Freiluft-Friedhof für immer - und konservierte ihn zugleich.

Erschwert wird die Erforschung des Terrains unter dem heutigen Petersdoms durch spätere Baumaßnahmen und dadurch verursachte Zerstörungen. Die Fundamente für den Neubau der Vatikan-Basilika ab 1506 sowie 150 Jahre später für den bronzenen Bernini-Baldachin über dem Papstaltar - so hoch wie ein 10-stöckiges Gebäude - durchschnitten und vernichteten ganze Teile der unterirdischen Mausoleen. Ähnliches galt 1822, als man bei der Legung von Fundamenten für eine Statue Pius VI. das Grabhaus der Matucci aufbrach.

Mithilfe einer computergesteuerten 3-D-Simulation rekonstruierte Vivaldi den ursprünglichen Zustand dieser Zone der antiken Totenstadt samt ihrer Entwicklungen und baulichen Veränderungen. Sie wertete Dokumentationen und Bildmaterial der ersten Ausgräber, einer weiteren Kampagne Mitte der 1950er Jahre sowie der seit 18 Jahren laufenden Restaurierungsarbeiten aus. Auf diesen Grundlagen und aufgrund direkter Ortsbegehungen berechnete sie Bodenhöhen und Fundamententiefen. Sie untersuchte die Funktion von Begrenzungs- und Stützmauern, von Treppen, Zugängen, Abwasserkanälen und Zisternen. Sie bestätigte, aber korrigierte auch manche bisherige Datierungen und Entstehungszeiten der Mausoleen (ab der Mitte des zweiten Jahrhunderts). Als Ursache für eine Bodenanhebung aber auch für ungewöhnliche Stützmaßnahmen ermittelte sie einen Erdrutsch, der das Terrain teilweise um einen Meter aufgeschüttet hatte.

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Im Wesentlichen bestätigt die Studie Vivaldis freilich die Befunde der ersten Ausgräber. Aber sie liefert neue Details und Begründungen und vertiefte damit die Kenntnis von den christlichen Anfängen am Vatikanischen Hügel. Der Beitrag fügt sich damit in eine Reihe ähnlicher Forschungsprojekte ein, wie der für die Nekropole zuständige Direktor Zander von der vatikanischen Dombauhütte bestätigte.

Die Besuchermassen setzen der Bausubstanz zu

Seine Behörde hat die Aufgabe und die Sorge, wie die ständig steigenden Besuchermassen – zuletzt waren es mehr als 65.000 pro Jahr – die Scavi mit didaktischem Gewinn besuchen können, ohne dass die historische Substanz allzusehr leidet. Denn Umwelteinflüsse, Erschütterungen, Bodenfeuchtigkeit, sowie Schweiß und Atem der Besucher lassen die Malereien in den Mausoleen zusehend verblassen - und machen Ziegel, Marmor, Putz und Mörtel auf Dauer porös. Die Verantwortlichen bemühen sich, den Zerfall durch Restaurierungen und Konservierungen aufzuhalten. Sie reinigen Wände und Mauern von Schimmel und Bakterien, versuchen durch die Regulierung eines Mikroklimas einen Neubefall einzudämmen. Zudem begrenzten sie die Aufenthaltszeit der Besucher in den Risiko-Zonen auf ein Minimum – die Vatikanführer müssen ihre Erklärungen größtenteils im Eingangsbereich geben.

"Natürlich geht es uns um die Pflege und den Erhalt der historischen Bausubstanz. Nicht weniger wichtig ist für uns aber die Pflege der Erinnerung", die Information und Erforschung über die Anfänge der christlichen Geschichte Roms, so Zander. Und über die kann man sich an keiner anderen Stelle ein direkteres und anschaulicheres Bild machen als neun Meter unter dem Boden des Petersdoms.

Von Johannes Schidelko

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