Ein Bistum nimmt Abschied von hunderten Pfarreien

Fast 900 Pfarreien gibt es im Bistum Trier - praktisch in jedem Dorf eine. Für die Bistumsleitung ein Modell der Vergangenheit, das nun radikal umgebaut werden soll. Doch dagegen regt sich Widerstand.

Pfarreireform | Trier - 09.11.2017

Helmut Dellwing ist eigentlich kein Revoluzzer. Das sagt der stellvertretende Verwaltungsratsvorsitzende der Kirchengemeinde Meckel in der Eifel gleich mehrmals, wenn er über sein Engagement gegen die "Pfarreien der Zukunft" im Bistum Trier redet. "Es tut mir selbst leid, so gegen die Kirche zu schießen", sagt er, und man nimmt es ihm ab: Seit Jahrzehnten engagiert er sich, ein Onkel ist Pfarrer, die Tochter Oberministrantin: "Ich gehöre zur Kirche, und deswegen wehre ich mich."

Das, wogegen er sich wehrt, ist eine der ambitioniertesten Umgestaltungen der Pfarreistruktur in Deutschland. Zusammengelegt werden Pfarreien in vielen Diözesen. Die Pläne in Trier gehen aber deutlich über das hinaus, was anderswo geplant ist: Aus den bisher gut 900 Pfarreien sollen nach aktuellem Stand 33 "Pfarreien der Zukunft" werden. Nicht mehr jedes Dorf hat seine eigene Pfarrei, stattdessen soll die Verwaltung an einem Ort konzentriert werden. Das soll die einzelnen Gemeinden entlasten.

Schmerzhafter, aber notwendiger Einschnitt

So hat es die von Bischof Stephan Ackermann einberufene Diözesansynode beschlossen: "Die Pfarreien der Zukunft werden neue Formen von Vergemeinschaftung ermöglichen", heißt es in deren Abschlussdokument, das auch Widerstände wie in der Eifel schon vorwegnimmt. Die Reform unterbreche "Gewohnheiten und Abläufe des bisherigen kirchlichen Lebens". Der Perspektivwechsel, den der Abschied von der alten Pfarrei einschließe, "bedeutet einen schmerzhaften Einschnitt, weil er das vertraute Umfeld des kirchlichen Lebens verändert wie kein anderer." Aber letztlich sei die Veränderung notwendig, ein "Weiter so" könne es angesichts von Säkularisierung und dem Ende der Volkskirche nicht geben.

Generalvikar: Synode nicht auf Strukturfragen reduzieren

Anfang Mai 2016 endete die Trierer Diözesansynode. Nun gehe es nicht nur um Strukturfragen, sondern vor allem um Perspektivwechsel und konkrete Maßnahmen, sagt Generalvikar Georg Bätzing. (Artikel vom 20. Mai 2016)

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Mancherorts wird das nicht so gesehen, so auch in der Eifel, wo Dellwing lebt. Er ist stolz darauf, was er und seine Pfarrei alles erreicht haben, gerade, was die Finanzen angeht: Spenden und Zuschüsse, die für die Kirche eingeworben wurden. Was als Verwaltungsentlastung und Schritt in die Zukunft gedacht ist, kommt hier als Zentralisierung, ja Enteignung an.

Kirchenrecht schreibt Pfarreien vor

Den Begriff "Zentralisierung" will der Trierer Generalvikar Ulrich Graf von Plettenberg nicht verwenden: "Eigentlich wollen wir sogar dezentralisieren und vor Ort genau hinschauen, was dort gebraucht wird." Denn die "Pfarrei der Zukunft", so steht es im Abschlussdokument der Synode, soll "Gemeinschaft von Gemeinschaften entwickeln und verschiedene Orte kirchlichen Lebens hervorbringen".

Diese "Gemeinschaften" und "Orte" heißen dann aber nicht mehr Pfarrei – vielleicht ist das ein Grund für den vehementen Protest. Es entsteht das Gefühl, dass etwas Bestehendes zerstört werden soll, das vielen Menschen am Herzen liegt. "Die bisherigen Pfarreien sind Orte der Beheimatung, der Kirche vor Ort", sagt auch der Generalvikar. Dass die neuen Verwaltungseinheiten "Pfarreien" heißen sollen, hat kirchenrechtliche Gründe: Die Pfarrei ist die vom Kirchenrecht vorgesehene Form der Gliederung eines Bistums. Wer Strukturen straffen und vereinfachen will, kommt an diesem Begriff nicht vorbei. Das macht die Diskussion so schwierig: Die 900 Pfarreien sollen zwar abgeschafft und in knapp über 30 "Pfarreien der Zukunft" überführt werden – doch die Gemeinden, gerade dort, wo sie wie bei Helmut Dellwing in der Eifel noch lebendig sind, sollen weiterhin als Orte des kirchlichen Lebens bestehen. Dennoch wird die Diskussion oft so geführt, als sollten auch diese gewachsenen Gemeinschaften zerschlagen werden. So kommentierte etwa der "Trierer Volksfreund", die regionale Tageszeitung, dass es den Anschein habe, die Kirche habe "auf den zunehmenden Nachfrageschwund keine anderen Antworten auf Lager […] als ein kommerziell geführtes Unternehmen, als Banken oder Poststellen: Sie machen Filialen dicht und ziehen sich aus der Fläche zurück."

Bischof Stephan Ackermann
Nach Abschluss der Diözesansynode ist Triers Bischof Stephan Ackermann mit tausenden Gläubigen in einer "Resonanzphase" über die Umbaupläne ins Gespräch gekommen. Die Ergebnisse sind in die neusten Entwürfe eingeflossen.
 Bistum Trier

Doch das soll gerade nicht so sein, erklärt der Saarbrücker Dechant Benedikt Welter, der in der Synode selbst an der Entwicklung der "Pfarrei der Zukunft" beteiligt war. Die Reform soll gerade den Spielraum eröffnen, nahe bei den Menschen zu sein, und zwar nicht nur bei denen, die in Pfarreistrukturen zuhause sind. Dass die Zahl der Pfarreien so deutlich reduziert wird, hat für Welter Methode: Die Versuchung soll gar nicht erst entstehen, die neue Pfarrei mit der alten zu verwechseln, die Organisation der bisherigen Pfarreien auf den neuen Zuschnitt zu projizieren – eine "Pfarrei der Zukunft" sei nicht einfach eine "XXL-Pfarrei". An die Stelle des Bildes einer zentralen Anlaufstelle tritt das Bild eines Netzwerks aus unterschiedlichen Angeboten an verschiedenen Orten. Die Synode spricht von "lokal angepassten Themenzentren und Möglichkeiten der Begegnung". Das gilt auch für den ländlichen Raum, wo es noch volkskirchliche Strukturen gibt.

Auch im ländlichen Raum bleibt nicht alles wie früher

Denn auch dort nimmt die Säkularisierung zu, auch dort kann die Kirche nicht einfach darauf bauen, dass die gesellschaftlichen Trends zur Individualisierung vorübergehen. Welter betont, dass die Kirche ihre Monopole aus den Zeiten geschlossener katholischer Milieus verloren hat: Im sozialen Bereich, bei der Freizeitgestaltung, bei der Gestaltung von Lebenswenden, erst recht, was die Moral angeht – überall ist die Kirche nicht mehr selbstverständlich. Für die Struktur der Kirche bedeute das, eine grundsätzlich missionarische und diakonische Haltung einzunehmen. Und dafür sei eine flexiblere Struktur mit einer schlankeren, zentralen Verwaltung besser geeignet als viele kleine Pfarreien, die alle dasselbe Gesamtangebot an Seelsorge und Dienstleistungen anbieten müssen.

Linktipp: "Das Dach brennt und wir diskutieren"

Die Kirche debattiert über die falschen Themen, meint Thomas von Mitschke-Collande. Der Unternehmensberater sagt: Es muss weniger um Zölibat und Frauendiakonat gehen und mehr um die Rolle der Gläubigen. (Interview von September 2017)

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In Welters eigenem Seelsorgegebiet kann das schon erprobt werden: Die Pfarreien des Dekanats Saarbrücken sollen dem aktuellen Entwurf zufolge eine Pfarrei der Zukunft werden. Schon jetzt wird dort intensiv kooperiert und differenziert an unterschiedlichen Orten Unterschiedliches geleistet. Neben der Landeshauptstadt gehören auch Gemeinden im ländlichen Raum dazu. Wenn die Verwaltung an einem Ort gebündelt wird, werden Ressourcen frei für unterschiedliche Konzepte: An Brennpunkten in der Großstadt kann etwa der Schwerpunkt auf diakonische Angebote und Sozialpastoral gelegt werden, auch wenn es dort bisher keine große Gemeinde gibt. An anderen Orten der Pfarrei wird dagegen der Schwerpunkt auf Kultur oder besondere Formen der Spiritualität gelegt. Wo es bisher schon lebendige Gemeinden und Gruppen gibt, sollen sie weiter bestehen.

"Konstruktiver Machtverlust" der Priester

Für Priester bedeutet die neue Struktur ein Umdenken. Welter spricht von einem "konstruktiven Machtverlust", wenn nicht jeder Priester auch als Pfarrer in "Großgrundbesitzermanier" für alles zuständig sein muss. Er erwartet eine höhere Zufriedenheit, wenn Priester von ihren Verwaltungstätigkeiten entlastet werden und sich auf Dienste konzentrieren können, die ihren Fähigkeiten besonders entsprechen. Mit ähnlichen Argumenten begrüßt auch der Berufsverband der Pastoralreferenten im Bistum die "Pfarreien der Zukunft". Schon jetzt würden sie in großen Räumen arbeiten und ihre Tätigkeit als Vernetzungsaufgabe verstehen.

"Mit diesem Perspektivwechsel unterbricht das Bistum Trier die Gewohnheiten und Abläufe des bisherigen kirchlichen Lebens vor Ort", heißt es im Synodenabschlussdokument – und rührt an liebgewordenen Traditionen. Das führt auch zu ungewöhnlichen Protestaktionen: In Mehring an der Mosel, nahe Trier, haben sich am vergangenen Sonntag gut 400 Menschen zu einer Gebets-Mahnwache getroffen, um betend gegen die Reform zu protestieren.

Menschen sind zu einer Tagung in einer Kirche versammelt.
Die abschließende Vollversammlung der Synode im Bistum Trier im April 2016. Gut 300 Synodale haben über Zukunftsthemen der Diözese beraten und als Ergebnis unter anderem die "Pfarreien der Zukunft" beschlossen.
 KNA

Die Diskussion wird aber nicht nur rein kirchlich geführt; auch Kommunalpolitiker beteiligen sich. Einer, der besonders kritisch ist, ist der Landrat des Landkreises Bitburg-Prüm, Joachim Streit. Er hat im Sommer einen Brandbrief nach Trier an Bischof Stephan Ackermann geschickt. Mit der Strukturreform befürchtet er eine "Implosion einer Kultur, die in eintausend Jahren in der Eifel gewachsen ist" und zeichnet ein apokalyptisches Bild: "[M]an darf nicht tausenden von engagierten Christen den Stuhl vor die Tür stellen. Die Kirche beraubt sich selbst der Basis vor Ort und nimmt den Gläubigen das Vertrauen. Gerade die Treuesten werden ausgelöscht. Dieser Implosion wird eine Explosion folgen und die Kirche gebiert Wutbürger um den eigenen Kirchturm."

Transparenter Prozess

Wie ein Wutbürger klingt Helmut Dellwing nicht. Er erzählt vom Engagement in seiner Pfarrei, von der Dorfgemeinschaft, in der die Volkskirche noch lebt, wo Pfarrgemeinde und Vereine vielfältig verschränkt sind, wo man sich gegenseitig hilft. Die Beschlüsse der Synode hält er für weltfremd, für gefährlich, von oben übergestülpt. 100 Pfarreien will er zusammen haben, in denen sich die Pfarrgemeinderäte wie er gegen die Reform "von oben" aussprechen.

Aber "von oben" sollte eigentlich nichts entschieden werden. Die Grundsätze der Reform hat die Diözesansynode entwickelt, die Bischof Ackermann 2013 einberufen hatte. Fast 300 Synodale, Priester und Laien, Hauptberufliche und Ehrenamtliche, junge und alte Gläubige, hatten über Jahre die Zukunft des Bistums beraten. Auch die Umsetzung der Pfarreireform war auf Beteiligung ausgelegt: In einer "Resonanz-Phase" kamen bis Ende September 2017 Tausende Teilnehmer bei insgesamt acht "Resonanzveranstaltungen" mit dem Bischof zusammen; 3000 Fragebögen zur neuen Raumgliederung gingen ein, viele Briefe mit detaillierten Rückmeldungen. Eine Telefon-Hotline steht für Rückmeldungen zur Verfügung. Der Prozess wird in einem Blog begleitet, die Entwürfe für die neuen Zuschnitte der Pfarreien mit ausführlichen Begründungen online gestellt.

Mittlerweile liegt der zweite Entwurf der neuen Pfarreigrenzen vor. Am Ende ist der Prozess damit noch lange nicht. Nach der bistumsweiten Diskussionsphase ist 2018 ein formales Anhörungsverfahren angesetzt, erst 2020 treten die neuen Grenzen in Kraft. Bis dahin gibt es noch viel Gelegenheit, zu diskutieren. "Es gilt, Neues mutig auszuprobieren und das zu korrigieren, was nicht gelingt", hat die Synode es formuliert.

Von Felix Neumann

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