"Ein Grundrecht lässt sich nicht beschränken"

Nach sechs Jahren als Direktor des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes scheidet Pater Frido Pflüger aus dem Amt. Im Interview mit katholisch.de zieht er Bilanz - und spricht über Ankerzentren und Familiennachzug.

Flüchtlinge | Berlin - 11.06.2018

Frage: Pater Pflüger, nach sechs Jahren endet an diesem Montag Ihre Amtszeit als Deutschland-Direktor des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes. Mit welchen Gefühlen scheiden Sie aus dem Amt?

Pflüger: Ich bin dankbar für die Zeit hier, die asylpolitisch ja sehr bewegt war. Aber ich freue mich nun auch auf neue Herausforderungen.

Frage: Sie sprechen es an: Die vergangenen Jahre waren in Sachen Flucht und Asyl geradezu eine Achterbahnfahrt. Was wird Ihnen aus Ihrer Amtszeit besonders in Erinnerung bleiben?

Pflüger: Als ich vor sechs Jahren aus Nairobi zurückkam, wo ich den Jesuiten-Flüchtlingsdienst in Ostafrika geleitet hatte, wurde in Deutschland monatelang über die Aufnahme von 5.000 Flüchtlingen aus Syrien gestritten. Das waren in Ostafrika Tagesschwankungen! Dann habe ich die enorme Hilfsbereitschaft der Menschen hier in Deutschland seit dem Herbst 2015 erlebt. Leider hat die Politik dieses Engagement nicht unterstützt, sondern sich von einer lautstarken Minderheit von einer Verschärfung des Asylrechts zur nächsten treiben lassen. Die Politik hätte stattdessen besser die Millionen Ehrenamtlichen unterstützt, die sich hierzulande für Flüchtlinge einsetzen. Denn die Mehrheit in diesem Land befürwortet eine Gesellschaft, die Menschen in Not aufnimmt.

Frage: Wie bewerten Sie denn vor diesem Hintergrund die aktuelle Debatte über Flüchtlinge in Deutschland?

Pflüger: Deutschland verliert die globale Dimension oft aus den Augen. Hierzulande wird kaum davon gesprochen, dass mehr als 80 Prozent der Flüchtlinge von Entwicklungs- und Schwellenländern aufgenommen werden – also von Ländern, die weitaus ärmer sind als wir. In Deutschland machen Asylsuchende und anerkannte Flüchtlinge gerade einmal zwei Prozent der Bevölkerung aus, insofern ist die Debatte über das Thema hierzulande völlig überzogen. Andere Themen – zum Beispiel der Klimawandel oder sozialpolitische Fragen, die deutlich mehr Menschen betreffen – kommen im Vergleich viel zu kurz.

Neuer Direktor für den Jesuiten-Flüchtlingsdienst in Deutschland

Nachfolger von Pater Frido Pflüger an der Spitze des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes (JRS) in Deutschland wird an diesem Montag Pater Claus Pfuff (52). Pfuff stammt aus dem bayerischen Weilheim und trat 2009 in den Jesuitenorden ein; zuletzt war er als Schulseelsorger am Berliner Canisius-Kolleg tätig. Der JRS wurde 1980 aus Anlass der Lage vietnamesischer Bootsflüchtlinge gegründet. Heute begleiten seine etwa 1.000 Mitarbeiter über eine halbe Million Flüchtlinge und Zuwanderer in mehr als 50 Ländern. In Deutschland leisten sie Seelsorge und Rechtshilfe für Abschiebungshäftlinge und Zuwanderer ohne Aufenthaltsstatus. (stz)

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Frage: Bundesinnenminister Horst Seehofer ist im März mit dem Ziel angetreten, in der Flüchtlingspolitik künftig einen deutlich restriktiveren Kurs zu fahren. Wie beurteilen Sie die bisherigen flüchtlingspolitischen Maßnahmen der neuen Regierung?

Pflüger: Um mit etwas Positivem anzufangen: Ich bin gespannt, ob die Bundesregierung ernst damit macht, Fluchtursachen zu bekämpfen. Der Koalitionsvertrag nennt in diesem Zusammenhang ausdrücklich ungerechte Handelsbeziehungen und Waffenexporte. Wenn die Bundesregierung die Handelsbeziehungen mit Entwicklungs- und Schwellenländern gerechter gestaltet und Rüstungsexporte einschränkt, statt autoritäre Regime im Namen der Migrationskontrolle weiter aufzurüsten, wären das richtige Schritte. So könnten sich Fluchtursachen verringern lassen, an denen Deutschland und die Europäische Union eine massive Mitschuld tragen.

Frage: Und was sehen Sie kritisch?

Pflüger: Die geplante Neuregelung beim Familiennachzug. Dass der auch in Zukunft tausenden Flüchtlingsfamilien verweigert werden soll, ist schädlich für die Integration. Ein solches Grundrecht lässt sich nicht willkürlich auf 1.000 Menschen pro Monat beschränken. Das widerspricht allen Beteuerungen, dass uns der Schutz von Ehe und Familie wichtig sei. Mit den engsten Angehörigen zusammenleben zu können, ist ein wichtiger christlicher Wert. Wenn das mehr sein soll als leeres Gerede, dann muss dieser Schutz auch für Familien in Notsituationen gelten.

Frage: Horst Seehofer will möglichst bald auch sogenannte Ankerzentren gründen. Dort sollen Asylbewerber zentral untergebracht werden und so lange bleiben, bis sie in Kommunen verteilt oder in ihr Herkunftsland abgeschoben werden. Wie bewerten Sie dieses Konzept?

Pflüger: Mit der Unterbringung von Asylsuchenden in Massenunterkünften, womöglich noch weit abgeschieden und ohne Kontakt zu Nachbarn oder unabhängigen Beratungsstellen, werden keine Probleme gelöst. Im Gegenteil: Das schafft neue Probleme. Der Name Ankerzentren für diese abgeschiedenen Massenunterkünfte ist übrigens völlig irreführend: Anker klingt nach Halt, Ankommen und Sicherheit. Die Situation, die Flüchtlingen dort zugemutet wird, ist aber eine von Unsicherheit und Ausgrenzung.

Pater Frido Pflüger war seit 2012 Direktor des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes in Deutschland.
 JRS

Frage: Wenn Sie zu Ihrem Abschied mit Blick auf die Flüchtlingspolitik einen Wunsch frei hätten: Wie würde der lauten?

Pflüger: Ich würde mir mehr Mut zur Verteidigung humanistischer Werte hier in Deutschland und mehr Solidarität mit den Ländern außerhalb Europas wünschen. Bundeskanzlerin Merkel hat im Herbst 2015 mit ihrer Weigerung, die deutschen Grenzen vor Flüchtenden zu verschließen, eine großartige humanitäre Entscheidung getroffen. Millionen von Menschen haben diese Entscheidung in einzigartiger Weise tatkräftig unterstützt und tun das bis heute. Ich frage mich, warum von diesem Mut und dieser Menschlichkeit in der augenblicklichen Asylpolitik fast nichts mehr zu spüren ist.

Frage: Im Herbst werden Sie nach Ostafrika zurückkehren und dort den Jesuiten-Flüchtlingsdienst in Uganda leiten. Uganda ist ein Land, das in den vergangenen Jahren ebenfalls viele Flüchtlinge und Binnenvertriebene aufgenommen hat. Wie wird dort mit diesen Menschen umgegangen?

Pflüger: Uganda – das 30 Millionen Einwohner hat und wirtschaftlich viel schwächer ist als Deutschland – hat in den vergangenen Jahren mehr als eine Million Menschen aufgenommen und spricht sich ausdrücklich gegen Obergrenzen aus. Alle wissen dort, dass Menschen nur aus großer Not fliehen. Das ist eine völlig andere Grundeinstellung gegenüber Schutzsuchenden, als sie die Politik in Deutschland prägt. Flüchtlinge, die in Uganda ankommen, werden vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen registriert. Dann erhalten sie ein Stück Land, damit sie sich selbst versorgen können, und eine sofortige Arbeitserlaubnis. Das ist nicht nur wirtschaftlich sinnvoll, sondern belässt den Flüchtlingen auch ihre Würde.

Frage: Was könnte Deutschland vor diesem Hintergrund von Uganda für den Umgang mit Flüchtlingen lernen?

Pflüger: Die Einsicht, dass Flüchtlinge nicht freiwillig kommen, sondern auch lieber zuhause wären. Und dass es allen besser geht, wenn man ihnen hilft, selbstständig zu leben, statt sie in eine staatlich verordnete Abhängigkeit und Untätigkeit zu drängen. Vor allem aber wissen die Menschen in Afrika: Ein Flüchtling ist ein Mensch wie du und ich; er ist keine Zahl. Er hat ein Schicksal, Erfahrungen – und er bringt etwas mit, das der ganzen Gesellschaft weiterhelfen kann.

Von Steffen Zimmermann

Zur Person

Pater Frido Pflüger SJ (*1947) war seit 2012 Direktor des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes in Deutschland. Davor war er Regionaldirektor des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes in Ostafrika. Dorthin wird Pflüger im Herbst zurückkehren, um die Leitung des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes in Uganda zu übernehmen.

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