Ein "katholisches Mädchen" für die SPD

August Bebel verglich das Verhältnis von SPD und Kirche noch mit "Feuer und Wasser". Doch diese Zeiten sind vorbei: Ab April soll die Katholikin Andrea Nahles die SPD als Vorsitzende aus der Krise führen.

Parteien | Berlin - 14.02.2018

Für Franz Müntefering war es "das schönste Amt neben dem Papst". Martin Schulz dagegen erinnerte als Vorsitzender der SPD eher an den leidgeprüften Ijob aus dem Alten Testament. Zermürbt von zahllosen Niederlagen und Nackenschlägen gab der 62-Jährige das Amt an der Spitze der Partei im Februar wieder ab – nach nicht einmal zwölf Monaten, in denen er von 100 Prozent Zustimmung und einer schier grenzenlosen Euphorie um "Sankt Martin" bis ins Bodenlose fiel.

Stattdessen soll künftig Andrea Nahles versuchen, die einst so stolze SPD in eine bessere Zukunft zu führen. Präsidium und Vorstand der Partei beschlossen, die 47-Jährige als neue Vorsitzende zu nominieren. Nahles soll auf einem Parteitag am 22. April in Wiesbaden gewählt werden, bis dahin wird SPD-Vize Olaf Scholz die Partei kommissarisch führen. Läuft alles so, wie von den Führungsgremien geplant, soll Nahles nach ihrer Wahl als neue Vorsitzende den Absturz der SPD in die Bedeutungslosigkeit verhindern.

Die katholischste Vorsitzende der SPD-Geschichte

Sollte Nahles tatsächlich Parteivorsitzende werden, wäre das gleich aus mehreren Gründen bemerkenswert. Zum einen wäre Nahles in der 155-jährigen Geschichte der SPD die erste Frau an der Spitze der Partei. Zum anderen wäre sie wohl die katholischste Vorsitzende, die die Sozialdemokraten je hatten. Anders als die meisten ihrer Vorgänger ist Nahles – die sich selbst einst als "katholisches Mädchen vom Land" bezeichnet hat – auch als Spitzenpolitikerin noch tief im christlichen Glauben verwurzelt. In der SPD, deren Verhältnis zum Christentum in den Anfangsjahren laut Mitbegründer August Bebel "wie Feuer und Wasser" war, ist das immer noch etwas Besonderes.

Gab im Februar entnervt sein Amt als SPD-Vorsitzender auf: Martin Schulz.
 KNA/Markus Nowak

In der Tat dauerte es Jahrzehnte, bis es zu einer Aussöhnung zwischen den Sozialdemokraten und der Kirche kam. Noch 1931 – mehr als 50 Jahre nach Bebels Aussage – äußerte Papst Pius XI. (1922-1939) die Auffassung, dass es unmöglich sei, gleichzeitig guter Katholik und wirklicher Sozialist zu sein. Viel zu radikal waren den Kirchen die Ideen der Sozialisten, umgekehrt waren insbesondere die Bischöfe in den Augen der Partei zu sehr Teil der verhassten Obrigkeit.

Dabei hatten Ende des 19. Jahrhunderts auch Kirchenvertreter begonnen, sich um die Arbeiter in den Städten zu kümmern. "Unsere Religion ist nicht wahrhaft katholisch, wenn sie nicht wahrhaft sozial ist", brachte es etwa der Mainzer Arbeiterbischof Wilhelm Emanuel von Ketteler auf den Punkt. Schließlich machte auch Papst Leo XIII. (1878-1903) in seiner Enzyklika "Rerum novarum" die soziale Frage zum Thema. Auf der anderen Seite waren Sozialisten trotz antiklerikaler Grundhaltung vom Urchristentum fasziniert. Jesus habe bei vielen Arbeitern als "Sozialrevolutionär" schlechthin gegolten, so der Historiker Stefan Ummenhofer.

Annäherung nach dem Zweiten Weltkrieg

Erst 1959 kam es – auch vor dem Hintergrund der gemeinsamen Verfolgungserfahrung in der Zeit des Nationalsozialismus – zu einer spürbaren Annäherung zwischen SPD und Kirche. Mit ihrem Godesberger Programm verabschiedete sich die Partei endgültig von dem Anspruch, eine Weltanschauungspartei zu sein, zugleich erkannte sie den besonderen Auftrag und die Eigenständigkeit der Kirchen an. Heute bezeichnen Partei und Kirche ihr Verhältnis als partnerschaftlich. Laut einer Untersuchung sind die Mitglieder der SPD sogar überdurchschnittlich kirchlich organisiert, rund 73 Prozent von ihnen gehören einer Kirche oder anderen Religionsgemeinschaft an.

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Union und SPD haben sich auf einen Koalitionsvertrag geeinigt. Im abschließenden Entwurf geht es auch um Religionsfreiheit und der Rolle der Kirchen in Deutschland. Katholisch.de gibt einen Überblick.

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Auf diesem Fundament könnte die Katholikin Nahles aufbauen. Und das, obwohl sie noch vor wenigen Jahren wohl kaum jemand in der SPD für den Spitzenposten auf dem Schirm gehabt hätte. Vielen in der Partei galt die ehemalige Juso-Vorsitzende als zu links und zu krawallig. Spätestens in der vergangenen Legislaturperiode erarbeitete sich die Germanistin jedoch einen guten Ruf als ebenso fleißige wie erfolgreiche Arbeitsministerin. So setzte sie mit viel Pragmatismus und im zähen Ringen mit der Union unter anderem die Rente mit 63 und den Mindestlohn durch – zwei Herzensprojekte ihrer Partei.

Trümmerfrau vor maximaler Herausforderung

Nach dem Desaster um Martin Schulz ist Nahles so etwas wie die Trümmerfrau der SPD. Als Vorsitzende müsste die Partei modernisieren, verjüngen, die dramatische strukturelle Schwäche in Ost- und Süddeutschland angehen, eine Zukunftsidee entwickeln, die SPD wieder näher an die Menschen heranrücken. Mehr an Herausforderung geht kaum.

Dass sie ihre Partei begeistern und mitreißen kann, hat sie wiederholt gezeigt – zuletzt beim Sonderparteitag am 21. Januar in Bonn, als sie mit einer wuchtigen Rede die Koalitionsverhandlungen mit CDU und CSU rettete. Nach einem matten Auftritt von Martin Schulz legte sie ihr Manuskript zur Seite und setzte stattdessen voll auf Emotionen. Sie sei in der Politik, weil sie Großes im Kleinen sehe, eben die kleinen Veränderungen, von denen aber Millionen Menschen profitierten. "Die zeigen uns 'nen Vogel", brüllte sie mit Blick auf die Wähler, wenn man trotz der guten Sondierungsergebnisse nicht mit der Union über eine Neuauflage der Großen Koalition verhandele.

Ein roter SPD-Luftballon schwebt vor blauem Himmel.
Das Verhältnis der SPD zur katholischen Kirche war über Jahrzehnte angespannt. Inzwischen bezeichnen Partei und Kirche ihr Verhältnis jedoch als partnerschaftlich.
 dpa/Arno Burgi

Nahles wuchs in einem katholischen Elternhaus in der Eifel auf. Nach dem Abitur studierte sie Politik, Philosophie und Germanistik in Bonn. Parallel dazu stieg sie in der SPD auf: Bereits als 18-Jährige trat sie in die Partei ein, 1995 wurde sie Bundesvorsitzende der Jusos. Mitglied im SPD-Parteivorstand ist sie seit 1997, dem Präsidium gehört sie seit 2003 an. In den Bundestag kam sie erstmals 1998. Bevor sie Arbeitsministerin wurde, war sie vier Jahre lang SPD-Generalsekretärin.

Das Christsein als Kompass für Gerechtigkeitsfragen

Ihr christlicher Glauben gibt Nahles Orientierung für ihr politisches Handeln. "Aus meinem Christsein lässt sich mein Kompass für Gerechtigkeitsfragen entwickeln", erklärte sie vor einigen Jahren in einem Interview. Und weiter: "Im Grunde entstand das linke, das sozialdemokratische Engagement aus meinem Engagement in der katholischen Kirche." So war Nahles unter anderem Messdienerin und in einer ökumenischen Jugendgruppe aktiv. Mittlerweile ist sie Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK). Ihr Glaube habe sie als Mensch geprägt, lange bevor sie in die SPD eingetreten sei, betont sie. Damit "hausieren" gehen wolle sie aber nicht.

Trotzdem macht sie keinen Hehl daraus, dass im Bundestag bei ethischen Fragen ihr Glaube und das daraus abgeleitete Menschenbild eine wichtige Rolle spielen. So etwa als der Bundestag über strengere Vorlagen beim Embryonenschutz oder über die Neuregelung der Sterbehilfe abstimmte. Unkritisch sieht sie ihre Kirche trotzdem nicht. So bemängelt sie etwa deren Umgang mit Homosexuellen. Auch sei Abtreibung für sie keine Sünde, es müsse ihr allerdings eine gründliche Gewissensentscheidung vorausgehen. Fragen dieser Art dürften für Nahles spätestens ab April aber erst einmal in den Hintergrund rücken. Ihre neue Mission lautet dann vermutlich: Die Partei vor dem Abgrund retten.

Von Steffen Zimmermann

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