Ein Leben wider die Angst

Konfliktscheu wäre wohl das falsche Wort, um Charlotte Knobloch zu beschreiben. 80 Jahre wird die ehemalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden am Montag. Für die elegante Dame ist das kein Grund, sich aufs Altenteil zurückzuziehen. Wo auch immer sie einen Hauch Antisemitismus wähnt, legt sie sich an.

Judentum | Bonn - 29.10.2012

Konfliktscheu wäre wohl das falsche Wort, um Charlotte Knobloch zu beschreiben. 80 Jahre wird die ehemalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden am Montag. Für die elegante Dame ist das kein Grund, sich aufs Altenteil zurückzuziehen. Wo auch immer sie einen Hauch Antisemitismus wähnt, legt sie sich an.

So hat sie es schon als Vertreterin von 108 jüdischen Gemeinden mit 106.000 Mitgliedern in ihrer Amtszeit von 2006 bis 2010 getan hat. Im Eklat um den Holocaust-Leugner und Traditionalistenbischof Richard Williamson unterbricht sie 2009 den Kontakt zur katholischen Kirche.

Knobloch weißt Kritik zurück

Auch nach dem Ende ihres Vorsitzes mischt sie weiter im politischen Geschehen mit: "Wollt ihr uns Juden noch?" kritisiert sie jüngst im Zuge der Beschneidungsdebatte den aus ihrer Sicht wachsenden Antisemitismus im Land. Und dass das Olympische Komitee ein Gedenken an die Opfer des Attentats von 1972 ablehnt, nennt sie "einen Schandfleck auf der olympischen Weste". Warum sie das nicht mehr als Zentralratsvorsitzende sagt? Sie habe Jüngere ranlassen wollen, erklärt Knobloch.

Die Vermutung, es könne an Kritik gelegen haben, weist sie zurück: "Wer eine Führungsposition innehat, ist immer auch Kritik ausgesetzt und muss auch für das einstehen, was man gar nicht verschuldet hat." Kritik habe sie erlebt, seit sie zum ersten Mal ihren Fuß als Vorsitzende in die Gemeinde gesetzt hätte.

Angst vor der Heimat

Das war 1982. Damals wählte die jüdische Gemeinde Münchens Knobloch in ihren Vorstand, der Beginn ihrer politischen Karriere, wie sie selbst sagt. Knobloch war Vizepräsidentin und Präsidentin des Zentralrats der Juden. Sie ist Vize des Europäischen Jüdischen Kongresses und des Jüdischen Weltkongresses sowie Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde in ihrer Heimat München. Eigentlich wollte sie nach dem Krieg dorthin auf keinen Fall zurückkehren. Zu groß war die Angst.

Wenn Knobloch von ihrer Jugend spricht, ist sie plötzlich gar nicht mehr die streitbare Dame. Ihre Stimme klingt weich, wenn sie von Erfahrungen erzählt, die manche spätere Empörung nachvollziehbar machen. Vier Jahre ist Charlotte alt, als ihr bewusst wird, dass sie anders ist als andere Kinder. Was ein Jude ist, will sie von ihrer Großmutter wissen. Die "Reichskristallnacht" erlebt die damals Sechsjährige in München. An der Hand des Vaters läuft sie an der brennenden Synagoge vorbei, spürt seine Angst. Niemand von den Umstehenden habe etwas unternommen. "Da bin ich in Tränen ausgebrochen."

Sie überlebt den Holocaust

Den Holocaust überlebt die Rechtsanwaltstochter auf dem Hof einer Katholikin in Franken. Die ehemalige Hausangestellte ihres ausgewanderten Onkels gibt sie als ihre Tochter aus. Nach der Befreiung habe zwar die existenzielle Bedrohung nicht mehr bestanden. "Aber die Angst hat überlebt." Sie überlegt, zum Onkel in die USA zu gehen. Ihn in den Nachkriegsjahren ausfindig zu machen, ist jedoch unmöglich.

Und so kehrt sie nach München zurück, trifft Menschen, die sie eigentlich nicht mehr hatte sehen wollen, heiratet 1951 den Kaufmann Samuel Knobloch, einen Überlebenden des Krakauer Ghettos. Die Geburt des Sohnes durchkreuzt neue Auswanderungspläne. "Die Koffer standen aber weiterhin auf dem Speicher", nicht nur wegen anderer Ausgewanderter. Viele von ihnen konnten nicht verstehen, "dass jüdische Menschen im sogenannten Land der Mörder leben konnten". Und doch richtet sich Knobloch dort ein und führt im Zentralrat die Linie von Ignatz Bubis fort.

"Auch ich bin in die entlegensten Orte der Republik gefahren, um jüdisches Leben zu erklären und als jüdischer Mensch präsent zu sein." Stolz aber sei sie vor allem auf ihre Kinder und die Tatsache, dass das jüdische Leben nach München zurückgekehrt sei.

Die neue Hauptsynagoge Ohel Jakob ist ihr in Stein gehauenes Lebenswerk. 2003 bei der Grundsteinlegung sagte sie auch, sie habe ihre Koffer ausgepackt. Aus dem Nebeneinander von Juden und Nichtjuden in diesem Land sei ein Miteinander geworden. "Dass das Normalität wird", ist denn auch ihr Geburtstagswunsch - allen jüngsten Irritationen zum Trotz.

Von Veronika Wawatschek

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