"Ein neues Miteinander wagen"

Pater Anselm Grün und dem ehemaligen EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider liegt die Versöhnung der Christen am Herzen. Im katholisch.de-Interview sprechen sie über die Zukunft der Ökumene.

Reformation | Bonn - 06.07.2017

Gibt es im Jahr des Reformationsjubiläums vielleicht doch mehr Gemeinsamkeiten beider Kirchen, als gemeinhin gedacht wird? Pater Anselm Grün von der Benediktinerabtei Münsterschwarzach und der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, haben sich in ihrem Buch "Luther gemeinsam betrachtet" gründlich mit dieser Thematik auseinandergesetzt. Katholisch.de sprach mit den beiden Autoren.

Frage: Wie stehen Sie zum gemeinsamen Abendmahl?

Anselm Grün: Wenn ich im Gästehaus unserer Abtei in Münsterschwarzach Kurse gebe, lade ich immer alle ausdrücklich ein, zur Kommunion zu gehen, weil manche evangelische Christen sich nicht trauen. Aber wenn ich sie einlade, kommen sie gern. Dass der katholische Pfarrer die Eucharistie etwas anders feiert als der evangelische, entspricht der Vorstellung der jeweiligen Konfession. Wichtig ist der Glaube, dass Jesus in der Hostie präsent ist. Dazu gehören die Einsetzungsworte "Das ist mein Leib" und "Das ist mein Blut". Ist dies gegeben, spricht nichts gegen ein gemeinsames Abendmahl.

Nikolaus Schneider: Nach unserem Verständnis sind alle getauften Christen, die das Bedürfnis haben, zum Abendmahl zu gehen, eingeladen. Wir machen das nicht an den Grenzen der Konfession fest. Wir Protestanten haben unterschiedliche Auffassungen darüber, wie die Präsenz Christi beim Abendmahl zu verstehen ist. Doch selbst diejenigen im evangelischen Bereich, die Brot und Wein rein symbolisch verstehen, sagen und glauben: "Christus ist gegenwärtig". Es gibt bei uns allerdings zuweilen immer noch eine liturgische Lässigkeit, die eine Missachtung der Glaubensinhalte signalisiert. Doch hier haben wir Evangelischen in den letzten Jahren nachgelernt – nicht zuletzt durch unsere Abendmahlgemeinschaft mit den Altkatholiken.

Frage: Hatte die Reformation und damit die Spaltung der Kirche vor 500 Jahren ihre Berechtigung?

Grün: Päpste und Bischöfe waren damals unbeweglich und versteckten sich hinter ihrer Macht, so dass sie sich für theologische Themen nicht interessierten. Wo Kirche aber zu sehr nach Macht strebt, ist keine Diskussion mehr möglich. Sicher ist es ein Auftrag der Reformation an die katholische Kirche, sich nicht zu sehr hinter der Macht zu verstecken. In Rom gibt es nämlich immer noch konservatives Denken – allerdings nicht beim jetzigen Papst. Die katholische Kirche tut manchmal so, als ob sie Moral und Verhalten festschreiben könnte. Luther hatte Recht, als er dagegen rebellierte.

Schneider: Glücklicherweise hat sich die katholische Kirche durch die Reformation deutlich verändert. Doch ein gewisser Machtanspruch ist immer noch vorhanden. Nur wenn Rom es erlaubt, darf sich in der Kirche Grundlegendes ändern. Das ist ein Punkt, den ich bis heute kritisch sehe. Da bin ich Luther ganz nah und sage: Nein, so nicht! Bitte offene Kommunikationsprozesse, Kollegial- und Synodalentscheidungen!

Pater Anselm Grün gehört zu den meistgelesenen deutschen Autoren. Die spirituellen Bücher des Benediktiners erscheinen im Vier-Türme-Verlag der Abtei Münsterschwarzach, zu der er gehört.
 KNA

Ein Streitpunkt zwischen Katholiken und Protestanten ist auch heute noch das Dogma über die unbefleckte Empfängnis und die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel. Wie denken Sie darüber?

Grün: Maria ist Typus des erlösten Menschen. Und was von ihr gesagt wird, gilt auch für uns. Die unbefleckte Empfängnis ist nichts anderes als das, was im ersten Kapitel des Epheserbriefes und auch in der Liturgie gesagt wird: Wir alle sind von Anbeginn der Welt in Christus auserwählt, heilig und makellos zu sein. Es heißt also nicht, dass Maria etwas Besonderes ist und wir die armen Sünder. So wird es leider oft interpretiert. Aber das ist nicht die katholische Dogmatik.

Schneider: Da stimme ich mit Ihnen überein. Aber wenn es so ist und wenn das im Grunde für uns alle gilt, warum brauche ich dann noch ein Dogma über Maria? Das ist für meine Begriffe völlig überflüssig. Damit tue ich mich schwer. Darüber hinaus bekomme ich ein Problem, wenn zu Maria gebetet wird

Grün: Es gab in der Mariologie Tendenzen, die übertrieben waren. Rein logisch würde ich sagen: Lasst das weg! Aber nun ist es einfach geschehen, und die Frage bleibt, wie wir es interpretieren können, damit es stimmig wird. Zum anderen: Wir Katholiken beten nicht zu Maria, sondern bitten sie, für uns zu beten. Die Gottesmutter wird also nicht angebetet. Ich muss allerdings zugeben, dass es in der katholischen Kirche Formen aggressiver Marienverehrung gibt, die unangenehm und oft sehr konservativ und infantil sind.

Nikolaus Schneider war von 2003 bis 2013 Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland und von 2010 bis 2014 Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland.
 dpa

Was gefällt Ihnen an der jeweils anderen Konfession?

Schneider: In der katholischen Spiritualität und der Fähigkeit, Volksfrömmigkeit mit Leib und Seele, mit Kopf und Herz zu leben, sehe ich eine bleibende Herausforderung an uns evangelische Christen. Mich spricht die Verbindlichkeit an, in der die römisch-katholische Kirche als eine Weltkirche zusammenlebt. Der innerevangelische Ökumene-Begriff geht nicht von einer, sondern von verschiedenen Kirchen aus, die sich gegenseitig anerkennen und miteinander verbunden sind. Aber es bleiben unterschiedliche Kirchen. Die Betonung des Andersseins und der Fremdheit scheint mir im evangelischen Lager größer als in der katholischen Weltkirche. Ich sehe es als große Herausforderung für uns Evangelische, unsere reformatorische Freiheit mit einer Verbindlichkeit zu allen protestantischen Kirchen so zu leben, dass wir ein größeres Maß an Einheit konkret erfahren.

Grün: Das eine ist: In der katholischen Kirche müssen aus finanziellen Gründen die Kirchenmusiker immer mehr reduziert werden. Das ist ein Weg in die falsche Richtung. Musik ist jedoch ein ganz wichtiger Weg der Katechese. Da sollten wir uns von der evangelischen Kirche herausfordern lassen. Das andere ist der Aspekt der Vielfalt. Wichtig ist, diese zu akzeptieren, aber sich trotzdem gegebenenfalls korrigieren zu lassen. Sichtbar werden kann die Einheit in der Vielfalt, in gegenseitiger Gastfreundschaft und in gemeinsamen theologischen Kommissionen. Die sollten allerdings nicht darum ringen, was katholisch und was evangelisch ist. Es geht darum, eine gemeinsame Form zu finden, damit nicht alles auseinanderdriftet.

Wie erleben Sie die Situation der Ökumene im 21. Jahrhundert?

Schneider: Mit der Aufbruchstimmung nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil haben wir ökumenisch unglaublich viel erreicht. Wenn man daran denkt, wie das Miteinander der Kirchen noch bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg aussah und was in der Zeit danach alles gewachsen und entstanden ist, kann man nur dankbar sein und sich freuen. Durch die Art, wie Papst Franziskus sein Amt führt, vermittelt er eine Menge ökumenischer Anstöße.

Grün: Das Reformationsjubiläum hat eine gewisse Dynamik und stellt uns alle vor die Herausforderung, über Ökumene nachzudenken. Vom Klima her, gerade jetzt mit Papst Franziskus, der nicht so dogmatisch ist und alles genau regeln will, sehe ich die Chance, ein neues Miteinander zu wagen.

Von Margret Nußbaum

Buchtipp

Anselm Grün / Nikolaus Schneider: Luther gemeinsam betrachtet. Reformatorische Impulse für heute. Herausgegeben von Klaus Hofmeister und Lothar Bauerochse. 207 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 18,99 Euro, Vier-Türme-Verlag, Münsterschwarzach.

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