"Einfache Sprache und Symbole"

Muss die Kirche bei der Gestaltung ihrer Gottesdienste mit der Zeit gehen oder die Tradition wahren? Der Theologe Benedikt Kranemann äußert sich im Interview über Liedauswahl und Muslime im ökumenischen Gottesdienst.

Kirche | Bergisch Gladbach - 18.09.2016

Die Arbeitsgemeinschaft katholischer Liturgiewissenschaftlerinnen und Liturgiewissenschaftler (AKL) kam Anfang September in Bergisch Gladbach bei Köln zu ihrer fünftägigen Jahrestagung zusammen. Über die Ergebnisse sprach die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) mit dem Vorsitzenden, dem Erfurter Theologen Benedikt Kranemann.

Frage: Herr Professor Kranemann, wie erklären Sie Otto-Normalverbrauchern Ihr Fachgebiet?

Kranemann: Ganz einfach. Wir beschäftigen uns mit Gottesdiensten und ihren Ritualen. Da gibt es zu den verschiedensten Anlässen eine ganze Bandbreite unterschiedlicher liturgischer Feiern: Messfeiern am Sonntag, Hochzeiten, Taufen, Stundenliturgie, Beerdigungen, ökumenische Gottesdienste und - ein relativ neues Phänomen - öffentliche Gedenkfeiern nach katastrophalen Ereignissen wie dem Absturz der Germanwings-Maschine im vorigen Jahr oder die Trauerfeier nach dem Amoklauf in München vor wenigen Wochen. Immer geht es uns in der Liturgiewissenschaft um die Frage, wie sich bei den verschiedenen Anlässen die Rituale abspielen, mit denen sich Menschen an Gott wenden, und welche Theologie sich in ihnen ausdrückt.

Frage: Die Gestaltung von Gottesdiensten stößt immer wieder auf Kritik. Den einen sind sie zu langweilig und wenig lebensnah, den anderen zu wenig ehrfürchtig und heilig...

Kranemann: Wir haben bei unserer Tagung in die Geschichte geschaut, in die Spätantike genauso wie ins Mittelalter oder die Liturgische Bewegung des 20. Jahrhunderts. Und dabei wurde deutlich, dass Gottesdienste immer wieder einen Wandel durchgemacht haben und es zu vielen Zeiten zeitgleich nebeneinander verschiedene Modelle und Ausprägungen des Gottesdienstes gegeben hat. An dieser Vielfalt kann man den Versuch ablesen, mit Menschen in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen und mit verschiedenen kulturellen Hintergründen Gottesdienst zu feiern. Die Vielfalt der Geschichte kann auch in der Gegenwart als Legitimation von Vielfalt in der Liturgie verstanden werden.

Professor Dr. Benedikt Kranemann
Der Erfurter Theologe Benedikt Kranemann ist Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft katholischer Liturgiewissenschaftlerinnen und Liturgiewissenschaftler (AKL).
 KNA

Frage: Streitpunkt bei Hochzeiten ist immer wieder die Liedauswahl. Sind aktuelle Hits tabu für Gottesdienste?

Kranemann: Natürlich gibt es zeitgenössische Lieder, die auch Platz in einem Gottesdienst haben können. Die Frage ist, was ist in einer Liturgie, also einem Geschehen zwischen Gott und Mensch, angemessen? Das schließt Aktualität keinesfalls aus, wie die Geschichte zeigt. Anderes wurde als ungeeignet ausgeschieden. Auch im Laufe der Geschichte wurde um solche Fragen immer wieder gerungen.

Frage: In den zurückliegenden Jahrzehnten hat es viele neue kulturelle Entwicklungen gegeben. Die Kirche kommt da kaum mit...

Kranemann: ...muss sich aber dennoch mit den kulturellen Ausdrucksformen der Gegenwart auseinandersetzen und überlegen, wie sie die neuen Ansätze mit ihrer Tradition verbinden kann. Im Bereich von Jugendliturgie oder -ritualen, etwa bei den Nightfever-Gottesdiensten, finden sich ganz andere Musikstile als in den normalen Gemeindegottesdiensten. Da ist ziemlich viel in Bewegung.

Natürlich gibt es zeitgenössische Lieder, die auch Platz in einem Gottesdienst haben können. Die Frage ist, was ist in einer Liturgie, also einem Geschehen zwischen Gott und Mensch, angemessen?

Benedikt Kranemann

Frage: Stichwort Germanwings-Absturz und große Trauerfeier im Kölner Dom. Welche Anforderungen gibt es an solche Feiern, die sich ja wesentlich auch an Kirchenferne und nicht nur an Kircheninterne richtet?

Kranemann: Diese vom Fernsehen übertragene und damit sehr konsequent öffentliche Liturgie bedeutet eine besondere Herausforderung, weil sie inmitten der pluralen Gesellschaft begangen wird. Es sind schreckliche Ereignisse, bei denen wir alle mit unseren Erklärungsmöglichkeiten an Grenzen stoßen. Von den Gottesdiensten erwarten die Menschen Hilfen, mit dem Leid umzugehen und die Nähe zu den Opfern auszudrücken. Was wir hier in den zurückliegenden Jahren erlebt haben, scheint mir sehr gut gelungen zu sein: eine Liturgie mit ganz einfachen Ausdrucksformen und Symbolen und Beteiligungsformen. In Köln und kürzlich nach dem Amoklauf in München wurden sogar Muslime in die ökumenischen Gottesdienste einbezogen. Das sind auf Zukunft hin wichtige Schritte, die man theologisch begleiten muss.

Frage: Hat das auch Rückwirkungen auf die alltägliche Liturgie?

Kranemann: Ich denke schon. Eine einfache Sprache finden und entsprechende Symbole ausbilden - das wird auch Rückwirkungen auf den normalen Gemeindegottesdienst haben. Jetzt ist dort schon zu beobachten, wie durch freie Formen wie Fürbitten versucht wird, das konkrete Leben der Menschen einzubeziehen.

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Frage: Wie viel Festgelegtes muss es denn geben und wie viel Freiheit darf sein?

Kranemann: Wenn Menschen zu einer Messfeier, Taufe oder einem Begräbnis kommen, dann müssen sie wissen, was sie dort erwartet, um sich auf das Geschehen des Gottesdienstes - die Begegnung zwischen Gott und Mensch - konzentrieren zu können. Insofern braucht eine Liturgie immer auch aus theologischen Gründen eine Ordnung. Aber dann gibt es viele Spielräume und Gestaltungsmöglichkeiten, die richtig genutzt werden müssen - etwa bei der Liederauswahl, bei den Fürbitten und und und... Es wird auch nicht so gehen, dass ein Gottesdienst völlig normkontrolliert ist. Es braucht Freiräume, um für unterschiedliche Gruppen, Lebenssituationen und Kulturen Liturgie zu gestalten.

Frage: Bei Ihrer Tagung haben sich Liturgiewissenschaftlerinnen zu einem Netzwerk zusammengeschlossen. Warum?

Kranemann: Unserer Arbeitsgemeinschaft Liturgie gehören ungefähr 100 Personen aus dem deutschen Sprachraum an - und darunter sind etwa 30 Doktorandinnen und Habilitandinnen. Im deutschen Sprachgebiet gibt es aber derzeit nur eine einzige Theologin auf einem liturgiewissenschaftlichen Lehrstuhl. Das neue Netzwerk will sich besonders um die Geschichte von Frauen in der Liturgie kümmern, etwa über die Liturgien von Ordensfrauen oder die Spiritualität von Frauen forschen. Zudem kommt das Netzwerk den Bemühungen der Deutschen Bischofskonferenz entgegen, Frauen stärker in der theologischen Wissenschaft zu fördern.

Von Andreas Otto (KNA)

Linktipp: Musik und Kerzen helfen trauern

Nach großen Katastrophen suchen Menschen Sinn und Zuflucht in Ritualen. Die Liturgiewissenschaft hat sich solchen Trauerfeiern bisher wenig befasst. In Erfurt fand 2015 eine wissenschaftliche Tagung statt, auf der der Frage nach der Form des Trauerns nachgegangen wurde. (Artikel vom 14. 5. 2015)

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