Experte: Rückkehr von Christen unwahrscheinlich

Kehren die Christen nach Mossul zurück, wenn der "Islamische Staat" besiegt wurde? Der Nahost-Experte Otmar Oehring glaubt nicht daran - aus mehreren Gründen.

Irak | Würzburg/Mossul - 08.11.2016

Christen im Irak beobachten die Offensive auf Mossul nach Einschätzung des Nahost-Experten Otmar Oehring inzwischen mit Ernüchterung. "Nach Mossul werden keine Christen zurückkehren", sagte er im Interview der in Würzburg erscheinenden Zeitung "Die Tagespost" (Dienstag). Als Koordinator Internationaler Religionsdialog der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) hatte Oehring den Irak vor kurzem bereist.

Die Radikalisierung der muslimischen Bevölkerung von Mossul habe lange vor der Eroberung durch die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) begonnen, so der Experte weiter. Häuser von Christen seien gekennzeichnet worden, Nachbarn und Kollegen hätten Christen signalisiert, dass in der nordirakischen Stadt kein Platz mehr für sie sei. "Dass Versöhnung noch möglich ist, muss man leider immer deutlicher bezweifeln", so Oehring.

Würden Christen zurückkehren, fehle ihnen das Geld für Maßnahmen zum Wiederaufbau; auch gebe es keine Sicherheitsgarantie. Blauhelme könnten in einem souveränen Staat nicht stationiert werden. "Und Einflussnahme auf die irakische Regierung - etwa durch die USA -, wie sich das manche Kirchenführer vorstellen, wird kaum etwas bewirken."

Zahl der Flüchtlinge aus Mossul stark angestiegen

Der chaldäische Patriarch Louis Raphael Sako hatte dagegen erst kürzlich die Hoffnung geäußert, dass Mossul wieder "zu einem multikulturellen Treffpunkt unterschiedlicher Kulturen, Ethnien und Religionen" wird. In der Stadt und der umgebenden Ninive-Ebene müssten nach der Befreiung vom "Islamischen Staat" die Rechte aller Bürger, Volks- und Religionsgruppen geachtet und Korruption und Diskriminierung bekämpft werden, zitierte der römische Pressedienst "Asianews" in der vergangenen Woche aus einem Schreiben des Kirchenoberhaupts. Die Christen müssten wieder Vertrauen zu ihren islamischen Nachbarn aufbauen können.

Die Zahl der Flüchtlinge aus Mossul ist unterdessen stark angestiegen. Seit Beginn der Offensive auf die Großstadt vor drei Wochen seien mehr als 34.000 Menschen von den Gefechten vertrieben worden, erklärte die Internationale Organisation für Migration (IOM). Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR twitterte am Montag, das entspreche einem Anstieg um mehr als 50 Prozent innerhalb von zwei Tagen.

Der Anstieg der Flüchtlingszahlen kommt wenige Tage, nachdem irakische Eliteeinheiten erstmals auf Mossuls Stadtgebiet vorgedrungen sind. In der Hochburg der Terrormiliz Islamischer Staat sollen nach Schätzungen noch mindestens 1,5 Millionen Menschen leben.

Hilfsorganisationen hatten vor Beginn des Angriffs gewarnt, bis zu einer Millionen Menschen könnten vertrieben werden. Die Helfer klagen zudem, ihnen fehle es an Geld. Das UNHCR hat nach eigenen Angaben für die Mossul-Nothilfe von den benötigten rund 200 Millionen US-Dollar (etwa 180 Millionen Euro) erst 48 Prozent bekommen. (bod/KNA/dpa)

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