Franziskus will Petrusamt als "dienenden" Primat

Der Papst ist der Bischof von Rom – aber eben doch nicht wie alle anderen Bischöfe. Nun hat Franziskus erklärt, was für ihn "Primat" bedeutet und welches Verhältnis er zum Rest der Kirche haben will.

Kirche | Bonn - 11.10.2017

Wie ist das Verhältnis zwischen dem Papst und den übrigen Bischöfen der Weltkirche? Diese Frage spielt nicht nur im ökumenischen Dialog mit der orthodoxen Kirche eine zentrale Rolle. Auch innerhalb der katholischen Kirche kommt sie regelmäßig aufs Tapet, nämlich dann, wenn es um die katholischen Ostkirchen geht. Beim Treffen mit deren Leitern hat Papst Franziskus nun seine Antwort auf die Frage gegeben.

Er wolle einen "diakonalen Primat" ausüben, so Franziskus. Er sei überzeugt, dass die Rolle des Papstes als "Diener der Diener Gottes" in der Kirche stärker betont und wertgeschätzt werden müsse. Zugleich erklärte Franziskus erneut, was für ihn der Kern des Papstamtes ist: ein "Vorsitz für die Liebe und in der Liebe". Der Pontifex bedient sich häufig dieses Zitats von Ignatius von Antiochien. Der Kirchenmann des 2. Jahrhunderts gilt katholischen wie orthodoxen Christen als wichtiger Gewährsmann für das Bischofsamt. In Rom wird er jedoch vorrangig mit seiner Aussage über die Ortskirche der damaligen Reichshauptstadt zitiert: Diese habe den "Vorsitz der Liebe" gegenüber allen anderen Kirchen, wie es auch Papst Franziskus schon unmittelbar nach seiner Wahl am 13. März 2013 betonte.

Große Autonomie für kleine Kirchen

Für das Verhältnis von Rom zu den unierten Kirchen ist diese Definition wesentlich. Denn die 23 katholischen Ostkirchen gehören zwar zum weltweiten Katholizismus, sind aber in ihren inneren Angelegenheiten weitgehend selbstständig. Ihre Synoden geben sich etwa eigene Gesetze und wählen selbstständig ihre Patriarchen. Das sichtbare Zeichen der Verbundenheit mit Rom ist vor allem die Anerkennung des Papstes. Traditionell sind die römischen Bischöfe bemüht, diese Bande nicht überzustrapazieren.

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So zeigte auch Franziskus bei seiner knappen Ansprache vor den Patriarchen am Montag wohlwollende Demut, indem er den traditionell zuletzt genannten seiner päpstlichen Titel betonte: "Servus servorum Dei" – "Diener der Diener Gottes" wolle er sein. Den Ostkirchen-Oberhäuptern gab er insgesamt die Botschaft, stärker auf Kollegialität setzen zu wollen als auf seine Primatsansprüche. Konkret machte Franziskus das am Thema der Bischofsernennungen deutlich. Anders als im Westen behält sich der Vatikan bei den Ost-Bischöfen in der Regel nur ein Vetorecht vor, überlässt die Wahl aber ansonsten den Kirchen selbst. Er bitte die Patriarchen und Synoden bei dieser wichtigen Aufgabe um gute Zusammenarbeit, ließ der Papst sie nun wissen.

Im Vatikan waren die Leiter der Ostkirchen aus einem Anlass versammelt, der ebenfalls auf ihre Sonderrechte hinweist: Seit 100 Jahren besteht die Kongregation für die Ostkirchen, welche dieser Tage ihre Jubiläums-Vollversammlung abhielt. Die Behörde trägt der ostkirchlichen Autonomie auch im Vatikan Rechnung, indem sie die Aufgaben verschiedener anderer kurialer Einrichtungen zentral übernimmt. Ob Bischöfe, Ordensleute oder Laien: die im Westen durchaus bedeutsamen Weisungen der Kurie haben im Osten keine unmittelbare Gültigkeit. Dies zeigt auch nicht zuletzt das eigene Kirchenrecht für die Ostkirchen, der "Codex Canonum Ecclesiarum Orientalium". Auch Papst Franziskus hat diesen bereits modifiziert. Ende 2014 erlaubte er den Ostkirchen, verheiratete Priester nicht wie bisher nur in ihren geografischen Kernregionen einzusetzen, sondern auch in der westlichen "Diaspora". Ein Stück mehr Freiheit für die unierten Kirchen.

Welche Rolle spielt der Papst für Orthodoxe?

Die weit überwiegende Zahl der Lateiner in der katholischen Kirche berühren solche Entscheidungen und Worte aus Rom freilich nicht. An anderer Stelle dürften sie jedoch sehr wohl auf Interesse stoßen, nämlich bei den orthodoxen Kirchen. In den zurückliegenden Jahren wurden im ökumenischen Dialog zahlreiche Etappenziele erreicht, die das Ziel der Einheit stetig näher rücken lassen. Allerdings steht für die nächsten Gesprächsrunden ein Thema auf dem Plan, bei dem eine Einigung bislang kaum vorstellbar erscheint: das Verhältnis zwischen Papst und Bischöfen der Kirche. Die orthodoxe Seite hatte zuletzt immerhin schon selbst von einem "Vorsitz der Liebe" gesprochen. Vielleicht wird demnächst auch über einen "diakonalen Primat" diskutiert.

Von Kilian Martin

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