Gefangen zwischen Sexarbeit und Voodoo-Priestern

Fliehen sie nach Europa, landen sie in der Zwangsprositution. Wehren sie sich, werden ihre Familien in Nigeria getötet. Schwester Lea Ackermanns Verein Solwodi rettet hunderte Frauen vor diesem Schicksal.

Frauen | Bonn - 08.10.2017

Schwester Lea Ackermann hustet heftig am Telefon. Sie hat viel gesprochen und sich aufgeregt. Der Anlass: Zwangsprostitution von Nigerianerinnen. "Diese Frauen werden zu Tausenden in unser Land gebracht. Man kann ja nicht sagen, dass man sie übersehen kann, aber sie werden trotzdem nicht gesehen. Sie werden hier zu einer Ware gemacht. Das ist ungeheuerlich", sagt die Vorsitzende der Hilfsorganisation Solwodi zum Schutz von Frauen in Not.

Die Zwangsprostitution von Nigerianerinnen in Europa grassiert. Nach einem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung sind bis 2015 mehr als 21.000 Nigerianerinnen über die Mittelmeerroute nach Europa gekommen. Neunzig Prozent der Ankömmlinge seien von den Menschenhändlern für die Prostitution bestimmt.

In den Beratungsstellen und Schutzhäusern des Vereins Solwodi in Deutschland, den die Ordensfrau Lea Ackermann 1985 gegründet hat, haben 2016 rund 230 Nigerianerinnen Zuflucht gesucht. Insgesamt hätten 261 Frauen beim Erstkontakt angegeben, Opfer von Menschenhandel oder Zwangsprostitution zu sein. "Beim Erstkontakt sagen die Frauen nicht alles. Es fällt ihnen sehr schwer, zu dem zu stehen, was ihnen passiert ist. Das kommt erst nach einer Weile", sagt Schwester Ackermann. Der Kontakt zu den Frauen entsteht meistens über die Polizei, da die Frauen illegal in Deutschland sind und von den Beamten in die Schutzhäuser gebracht werden.

Die Geschichte der jungen Nigerianerinnen beginnt in ihrer Heimat, vorwiegend in Benin-Stadt im Süden des Landes, einem richtigen "Zentrum" des Menschenhandels, wie es Schwester Annemarie Pitzl, rechte Hand von Schwester Ackermann, erklärt. "Dort sind die sogenannten Madames, die früher zum Teil selbst einmal in der Prostitution waren. Diese Frauen arbeiten mit Schleuserbanden zusammen. Sie sprechen junge Frauen an oder werden von den jungen Frauen angesprochen, die nicht wissen, was dahinter steht." Die Madames organisierten dann einen Transport nach Europa, vorwiegend nach Italien. "Aus Kreisen der Botschaft weiß ich, dass junge Frauen, die von sich aus ein Visum für Italien beantragen, es praktisch nicht gewährt bekommen, weil bekannt ist, dass sie dann in der Prostitution landen." Die Visa würden also auf illegalen Wegen beschafft bzw. gefälscht.

Vor der Abreise der Vodoo-Zauber

Bevor die Frauen dann ausreisen, findet eine Vodoo-Zeremonie statt. Gegenüber Voodoo-Priestern müssen die Frauen Gehorsam und die Rückzahlung von bis zu 75.000 Euro für ihre Reise nach Deutschland schwören. Damit werden sie finanziell abhängig gemacht. Gleichzeitig droht man ihnen bei Ungehorsam mit Schaden an der eigenen Gesundheit oder der Gesundheit der Familie. Leicht ist es nicht, die Frauen aus dem Teufelskreis herauszuholen, weil die Vodoo-Priester ihre Drohungen auch schon mal in die Tat umsetzen. "Eine Frau hat mir erzählt, dass ihr Sohn angefahren wurde. Das war ihr angedroht worden. Ihr Sohn und ihr Mann wurden beide in Nigeria getötet", sagt Ackermann.

Schwester Lea Ackermann (r.), Gründerin der Hilfs- und Menschenrechtsorganisation Solwodi, und ihre Nachfolgerin, Schwester Annemarie Pitzl.
 KNA

Schwester Pitzl, die selbst jahrelang in Nigeria mit Frauen gearbeitet hat, fügt hinzu: "Die Menschen in Nigeria sind religiös sehr ansprechbar, spirituell interessiert und das wird mit solchen Ritualen ausgenutzt. Sie werden zum Teil auch vorher mit Drogen bearbeitet." Außerdem verändere die Angst das Verhalten der Frauen: "Es passieren ihnen Sachen, die ohne diesen Druck nicht geschehen würden, etwa wenn sie stolpern oder sich ein Bein brechen. Die Drohungen haben eine tiefe psychologische Wirkung. Da dran zu kommen ist sehr schwierig, es braucht eine lange Begleitung und vor allen Dingen Vertrauen."

Frauen, die nach Nigeria zurückgeschickt werden, leben gefährlich

Hinzu kommt, dass das kriminelle Netzwerk, was die Frauen in die Zwangsprostitution gebracht hat, weit verzweigt ist. Laut Bundeskriminalamt reicht es von westafrikanischen Zuhältern, Geldwäschern, Passverleihern, bis hin zu Dokumentenfälschern und Schleusern. "Frauen, die wieder nach Nigeria zurückgeschickt werden sollen, haben dort keine Chance, weil sie auf jeden Fall aufgegriffen werden", weiß Schwester Pitzl.

Die so unter massivem psychischem Druck stehenden Opfer sind laut Bundeskriminalamt nur schwer zu einer Aussage gegen die Täter zu bewegen. Schwester Ackermann hatte erst vor wenigen Tagen ein Gespräch mit einer Frau, die Zeugin in einem Menschenhandelsprozess ist. Die Polizei wolle mehr wissen, aber die Frau habe bereits jetzt wahnsinnige Angst, weil sie einen Vodoo-Schwur gemacht habe. Sie sei total verstört. "Sie sagt: Es ist nicht so schlimm, wenn ich sterbe, aber wenn den Kindern meiner Schwester aus meinem Dorf etwas zustößt – kann ich das meiner Familie zumuten, nur weil ich etwas gesagt habe?" Schwester Ackermann hat ihr gut zugeredet. "Ich sagte ihr, die guten Kräfte sind stärker als die bösen. Und wir beten dann auch."

Solwodi versucht den Frauen mit der christlichen Religiosität eine Alternative aufzuzeigen und sie mit Arbeit und Bildung auch geistig aus dem Teufelskreis herauszuholen. Wichtig sei, dass sie in den Schutzhäusern nicht nur herumsäßen und über ihr Schicksal grübelten, sondern man müsse sie in Fortbildungen bringen, in Sprachkurse. "Sie müssen Ziele vor sich haben", betont Ackermann. Die Mühlen der Bürokratie mahlten aber oft zu langsam. "Eine Frau sagte mir: Schwester Lea, ich werde hier verrückt, ich esse, schlafe, esse, schlafe. Sonst sitze ich immer nur herum."

Schwester Lea Ackermann mit den kenianischen Solwodi-Mitarbeiterinnen Susan (l.) vor dem Hauptsitz der Organisation in Boppard-Hirzenach.
 KNA

Der Worst Case aber ist eine Abschiebung entweder zurück in ihre Heimat oder in das Erstkontaktland in Europa; in den meisten Fällen also Italien. Dort gibt es kaum Schutz für die Frauen, sodass sie wieder in die Prostitution gezwungen werden. Deshalb fordert Solwodi eine Aussetzung des Dublin-Verfahrens, wenn nachgewiesen sei, dass die Frauen Betroffene von Menschenhandel, von Zwangsprostitution, Beschneidung, und anderen Verbrechen seien.

Forderung nach besserem Schutz für weibliche Asylbewerberinnen

Außerdem setzt sich Solwodi für geschlechtsspezifische Asylgründe ein. "Wenn ein Mann sagt, er wird in seiner Heimat als Soldat in den Krieg eingezogen, kann er hier bei uns Asyl bekommen. Wenn eine Frau sagt, sie sei weggelaufen aus einer Gewaltehe, wenn sie zurückgehe, werde sie vielleicht umgebracht, dann hat sie keine Garantie auf Schutz", so Ackermann. Ferner macht sich Lea Ackermann mit ihrem Verein für ein Sex-Kauf-Verbot stark, wie es das bereits in Schweden gibt. Dabei würden nicht die Frauen kriminalisiert, sondern es sei den Freiern verboten, sexuelle Dienstleistungen zu kaufen. "Denn es gilt ja bekanntlich: Ohne Käufer kein Markt!", sagt Lea Ackermann – dieses Mal mit sehr klarer Stimme. Die Opfer des Menschenhandels sind oft noch sehr jung, zwischen 13 und 24 Jahre alt und sie kommen oft aus ärmlichen Verhältnissen, lebten vorher in Slums. Viele von ihnen können weder lesen noch schreiben. Für sie bietet Solwodi Alphabetisierungskurse an, begleitet sie bei Behördengängen, sucht Arbeitsstellen.

Die Aufklärung bereits in Nigeria ist schwierig

Die Aufklärung, um eine Ausreise der Frauen aus ihrer Heimat bereits vor Ort zu verhindern, gestaltet sich hingegen als schwierig. Zwar grassiert der Menschenhandel aus Nigeria schon jahrelang, doch wirklich herumgesprochen hat sich das Thema nicht, denn Prostitution ist ein Tabu. "Für nigerianische Familien ist es eine Katastrophe, wenn eine junge Frau in der Prostitution ist. Sie hat dann keinen Platz mehr im Familienverband. Insofern ist das kein offizielles Thema", weiß Schwester Pitzl nach ihrer langjährigen Nigeria-Erfahrung. Das gleiche Problem sei auch in Bezug auf HIV und AIDS zu beobachten. "Da gibt es überall riesige Plakate, dass die Leute wissen sollten, wie es um sie steht, aber gleichzeitig wird nicht offen darüber gesprochen." Hinzu kommt das Problem, dass Frauen nach Einschätzung von Schwester Pitzl in der Gesellschaft Nigerias eine untergeordnete Rolle spielen. Wenn in einer Familie das Geld knapp wird, nehmen die Eltern als erstes ein Mädchen aus der Schule. "Es ist auch nicht so schlimm, wenn ein Mädchen keine Berufsausbildung macht, weil sie ohnehin heiratet", so Pitzl.

Die Wurzel des Problems der Ausbeutung der Frauen liegt nach Schwester Pitzl aber in der Armut und den Unrechtsstrukturen des Landes. Trotz großen Ölreichtums lebt ein Großteil der Bevölkerung Nigerias in Armut. Ausbeutung beginnt da manchmal schon in der eigenen Familie. "Ich habe Familien besucht, in denen ein reicher Verwandter eine riesige Villa auf sein Grundstück setzte, während seine armen Verwandten als Diener – oder eher als Sklaven – in an die Grundstücksmauer geklebten Hütten lebten. Der reiche Verwandte hat nichts zur Verbesserung ihrer Situation unternommen. Da haben die reichen Nigerianer viel von den früheren europäischen Kolonialherren übernommen."

Von Claudia Zeisel

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Dieser Artikel ist zuerst auf dem katholisch.de-Partnerportal weltkirche.katholisch.de erschienen.

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