"Gegrüßet seist du, Königin": Loblied und Hilferuf

Es ist einer der ganz großen Klassiker unter den Marienliedern: "Gegrüßet seist du, Königin". Doch der freudige, pompöse Lobgesang auf die Gottesmutter hat auch seine Schattenseiten.

Serie: Marienlieder | Bonn - 15.05.2018

Zugegeben: Trotz eines Großen Latinums gibt es nur einige wenige Texte auf Latein, die ich aus dem Stehgreif fehlerfrei rezitieren kann. Das Pater noster zählt dazu, das Tantum ergo – und die wohl bekannteste marianische Antiphon: das Salve Regina (GL 666,4). Dieser Hymnus hatte mich schon nach dem ersten Hören bei einer Priesterbeerdigung "gepackt"; natürlich zunächst wegen seiner wunderbaren Melodie, nach näherer Beschäftigung mit dem Text dann aber auch wegen seiner kraftvollen Bildsprache. Da verwundert es wenig, welcher deutsche Titel zu meinen liebsten Marienliedern zählt: "Gegrüßet seist du, Königin" (GL 536), das sich inhaltlich in weiten Teilen am klassischen Salve Regina orientiert.

Das populäre Marienlied begleitet mich von Kindesbeinen an, gehört es doch seit jeher zum Standard-Liedrepertoire meiner Heimatgemeinde – eine Maiandacht ohne "Gegrüßet seist du, Königin" käme mir daher fast unvollständig vor. Aber nicht nur auf dieser persönlichen Ebene fasziniert mich das Lied. Da ist zunächst der Text: Maria wird mit einer Reihe von Attributen angesprochen, die die ganze Bandbreite ihrer besonderen heilsgeschichtlichen Stellung abdecken. Sie ist die "Königin", die "erhabne Frau", die "Herrscherin" – machtvolle Titel, die Maria aufgrund ihrer Gottesmutterschaft als die Größte unter den Heiligen, als Himmelskönigin ausweisen (Strophe 1). Damit aber nicht genug: Sie ist darüber hinaus "Mutter der Barmherzigkeit", "unseres Lebens Süßigkeit", "unsere Hoffnung" und "Zuflucht" (Strophen 2 und 3). Hier wird nun also die Beziehung Marias zu den Menschen, den Singenden, hervorgehoben. Gerade wegen ihrer Vorrangstellung im Himmel wird die Gottesmutter auch zur machtvollen Helferin auf Erden.

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"Gegrüßet seist du, Königin" gesungen vom Mädchenchor St. Marien in der katholischen Kirche Unbefleckte Empfängnis in Harsewinkel-Marienfeld.
 Benjamin Krysmann

Beide Ebenen – Himmel und Erde – werden jeweils im Refrain verquickt: Hier fordern die irdischen Sänger die himmlischen Heerscharen zur einer festlichen Ovation auf: "Freut euch, ihr Kerubim, lobsingt, ihr Serafim...". Die Engel sollen demnach in das Marienlob einstimmen, zusammen mit den Menschen die gemeinsame Königin grüßen. Und das mit einem dreifachen Hoch auf die Gottesmutter: "Salve, salve, salve, Regina!"

Der Ton wird ernst

In der zweiten Hälfte des Liedes wird dann ein wesentlich ernsterer Ton angeschlagen. "Wir Kinder Evas schrein zu dir", heißt es da. Und: "Aus Tod und Elend rufen wir" (Strophe 4). Deutlich wird hier, dass die Singenden aus einer wirklichen Notsituation heraus ihren Gruß an die Gottesmutter richten. Kein Friede, Freude, Eierkuchen. Auf Erden herrscht eben noch nicht die ewige Glückseligkeit des Himmels. Umso mehr bedarf der Mensch der mächtigen Fürsprache Mariens, sie ist "unsre Helferin" bei Gott (Strophe 5). Wer auf ihre Fürbitte vertraut, wer gottgefällig lebt, der darf letztlich auch darauf setzen, dass er nach seinem Tod einmal selbst das ewige Heil schauen wird: "Und zeig uns Jesus nach dem End" (Strophe 6).

Diese schöne Botschaft des Liedes wird noch einmal untermauert durch die strahlend-festliche Melodie. Fast noch besser als durch klassisches Orgelspiel, kommt sie durch eine Blaskapelle zur Geltung. Man könnte meinen, dass zum Mittelteil mit den schreienden Kindern Evas diese pompöse Gute-Laune-Musik nicht ganz passt. Für das Gesamtkonzept des Liedes hingegen trifft sie meines Erachtens genau den richtigen Ton, geht es hier doch um einen Lobgesang – durch Menschen und Engel gleichermaßen. Wirklich passend, um eine Königin zu grüßen.

Bis das "Gegrüßet seist du, Königin" in der uns heute bekannten textlichen und melodischen Form vorlag, sollten jedoch einige Jahrhunderte ins Land ziehen. Eine erste Textfassung geht auf den Münchner Priester Johann Georg Seidenbusch zurück, der im Jahr 1687 seine deutsche Version des fast 1.000 Jahre alten Salve Regina veröffentlichte. Diese Fassung verfügte noch über ganze 13 Strophen. Schnell erfreute sich das Lied großer Beliebtheit und fehlte bald in keinem katholischen Andachtsbuch mehr. Text und Melodie variierten allerdings von Ort zu Ort. Der Kehrvers erhielt zu Beginn des 18. Jahrhunderts seinen heute gebräuchlichen Wortlaut. Fast zur selben Zeit entstand auch die im Gotteslob abgedruckte Melodie, deren Urfassung im Mainzer Gesangbuch von 1712 steht. 1947 schließlich wurde eine für den deutschsprachigen Raum einheitliche siebenstrophige Fassung des "Gegrüßet seist du, Königin" geschaffen. Diese befindet sich – leicht abgeändert und um eine Strophe verkürzt – auch im aktuellen Gotteslob.

Neben der hierzulande geläufigen Melodie hat sich übrigens noch eine weitere durchsetzen können, deren Urversion in einem Hildesheimer Gesangbuch von 1736 enthalten war. Diese Melodie nahmen deutsche Auswanderer mit in die USA, wo das Lied einen englischen Text erhielt und unter dem Titel "Hail, Holy Queen" populär wurde. Weltweite Berühmtheit erlangte es in dieser Gestalt durch die Filmkomödie "Sister Act" von 1992.

Von Tobias Glenz

Serie: Lieblings-Marienlieder

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