Gestorben wird immer

Verbrennen oder begraben, eine Beerdigung mit Namen oder anonym, auf dem Friedhof oder in einem Wald unter Bäumen: Die Möglichkeiten der Bestattung sind vielfältig. Gerade im Totenmonat November wird die Frage, wie Menschen mit ihren Verstorbenen umgehen, viel diskutiert. Kritische Stimmen beklagen einen Wandel der Trauerkultur, den Verlust von Ritualen, das Verdrängen des Todes aus der Gesellschaft.

Tod und Trauer | Bonn - 30.11.2013

Verbrennen oder begraben, eine Beerdigung mit Namen oder anonym, auf dem Friedhof oder in einem Wald unter Bäumen: Die Möglichkeiten der Bestattung sind vielfältig. Gerade im Totenmonat November wird die Frage, wie Menschen mit ihren Verstorbenen umgehen, viel diskutiert. Kritische Stimmen beklagen einen Wandel der Trauerkultur, den Verlust von Ritualen, das Verdrängen des Todes aus der Gesellschaft.

Veränderungen in der Bestattungskultur sind in der Geschichte nicht ungewöhnlich. "Sie gehen mit gesellschaftlichen Veränderungen einher", erklärt Reiner Sörries, Theologe und Kunsthistoriker. Dabei folge die Bestattungskultur stets zeitlich verzögert auf den gesellschaftlichen Wandel.

Das zeigt sich auch aktuell: So spiegele sich das Internet, das in den 90er Jahren aufkam, inzwischen auch in der Trauerkultur wider. "Für meine Generation mag eine Traueranzeige per Kurznachricht oder ein QR-Code am Grabstein, der per App Name und Lebensdaten übermittelt, pietätlos erscheinen", sagt der 61-Jährige Sörries. Die sogenannten Digital Natives empfänden das womöglich anders, gibt er zu bedenken.

Das Holz ging aus

Die Faktoren, die Ausbildung und Veränderung von Trauerformen beeinflussen, sind weltanschaulich-religiöser Art, aber auch praktischer Natur, erklärt der Kunsthistoriker. Zum Ende der Antike löste die Körper- die Feuerbestattung ab. Der Grund: Im Mittelmeerraum ging das Holz aus.

Sörries ist Direktor des Museums für Sepulkralkultur – sepulcrum ist lateinisch für Grab. Das Museum in Kassel gibt eindrucksvolle Einblicke in Trauerbräuche im mitteleuropäischen Raum vom ausgehenden Mittelalter bis in die Gegenwart. Es zeigt Zeugnisse, die aus der Vergangenheit erzählen: Eine Sense des Knochenmanns – die furchteinflößende, mittelalterliche Vorstellung des Todes.

Daneben die Skulptur des schönen Jünglings Thanatos, in der griechischen Mythologie Zwillingsbruder des Schlafes, von der Aufklärung als tröstliche Todesfigur übernommen. Weitere Ausstellungsstücke sind ein weißes Totenhemd aus dem 19. Jahrhundert und eine Todesanzeige für Hauskatze Mikesch aus der Zeitung.

Der abgetrennte Kopf eines Mannes aus Hessisch-Lichtenau, Kreis Kassel.
Der Tod und wir: Ausstellungstück einer Schau aus dem Museum für Sepulkralkultur in Kassel im Jahr 2012.
 KNA

Schautafeln zeigen die Entwicklung von Friedhöfen, vom mittelalterlichen Kirchhof über das erste Krematorium bis hin zu Friedwäldern. Schließlich ist da eine in den Vereinsfarben blau-weiß gehaltene Schmuckurne für Fans des Hamburger Sportvereins. Zwischen die historischen Zeugnisse mischen sich zeitgenössische Kunstwerke, die sich mit dem Tod auseinandersetzen. Sie treten in Dialog mit der Vergangenheit.

Urne statt Sarg

Die Gegenwart außerhalb der Museumsmauern: Immer weniger Menschen wählen eine Erdbestattung. Urnenbeisetzungen nehmen zu, ebenso alternative Formen wie Baum- oder Seebestattungen. Dabei ist die Wahl auch eine Kostenfrage. So steigt die Zahl der Sozialbestattungen. Thomas Linne, Leiter der Abteilung Friedhofsangelegenheiten in Frankfurt stellt fest: "Das Verhältnis von Urnen- zu Erdbestattungen liegt hier bei 66 zu 34 Prozent. Das war vor fünf Jahren umgekehrt."

Dies spiegelt sich in immer mehr Freiflächen auf Friedhöfen. Sie sind für die Kommunen ein Pflege- und Instandhaltungsproblem. Um auf den Trend zu reagieren, lud die Stadt Frankfurt im Herbst zu einem Friedhofssymposium. Wissenschaftler, Experten und Bürger diskutierten Fragen zum Thema. "Uns war wichtig, die kulturellen Aspekte zu berücksichtigen", so Linne, "wir wollten keine rein wirtschaftliche Sichtweise." Das Symposium sei von den Bürgern gut angenommen worden, resümiert der Abteilungsleiter. Es besteht Gesprächsbedarf.

50 Kilometer von Frankfurt entfernt, im hessischen Taunusstein ist der Arbeitsplatz von Alexa Döringer. In dicker Jacke und Wollmütze blickt die blonde, junge Frau zu den Wipfeln der Bäume hinauf. Kalter Nebel hängt zwischen ihnen. Die Forstwege bedeckt feuchtes Laub. Döringer arbeitet an einem der 50 Standorte von Friedwald, dem bekanntesten deutschen Anbieter von Baumbestattungen.

Neue Freiheiten

"Ich begleite die Menschen bei der Baumauswahl und den Beisetzungen", so Döringer. Die meisten entschieden sich in Vorsorge für "ihren" Baum. "Emotionale Grenzsituationen", beschreibt die junge Frau in ihrer freundlich-ruhigen Art. Warum sich immer mehr Menschen für Baumbestattungen entschieden? '"Viele fühlen sich in der Natur frei, Abschied individuell zu gestalten", so Döringers Erfahrung, "das spendet Trost."

Friedwälder sind nur eine der Alternativen. Wissenschaftler Sörries diagnostiziert eine neue Vielfalt der Möglichkeiten. "Früher galten feste Regeln, Riten. Ein Geländer, das Sicherheit gab." Heute habe der Mensch mehr Möglichkeiten, mit Trauer umzugehen. Freiheiten, die Verunsicherung erzeugen. Freiheiten, die zu einer persönlichen Auseinandersetzung führen können, findet Döringer: "Mit dem Tod und dem Leben."

Von Vanessa Renner

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