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Pfingsten

Gute Netzwerker

Warum sich das Christentum im Römischen Reich ausbreitete

Bonn - 09.06.2014

Feuerzungen, Reden in vielen Sprachen, Heiliger Geist und Sturmgebraus: Der biblische Bericht über die Pfingstereignisse in Jerusalem nennt viele theologische Gründe, warum aus einer angsterfüllten Jüngerschar Jesu mutige Missionare wurden. Pfingsten gilt als das Geburtsfest der Christenheit.

Damit verbindet sich auch die Frage, warum eine kleine jüdischen Sekte innerhalb von drei Jahrhunderten zur Staatsreligion im Römischen Reich werden konnte - und das ohne Waffen und trotz Verfolgung und Spott der Eliten.

Darauf gibt es sehr unterschiedliche Antworten. Eine klingt sehr modern: Für den in den USA lehrenden katholischen Neutestamentler Hans-Josef Klauck sind es vor allem die engen sozialen Netze der ersten Christen, die zur schnellen Ausbreitung beigetragen haben. So hätten die Paulusbriefe über private Kanäle verbreitet werden müssen, da die öffentliche Post den Militärs und Verwaltungsspitzen des römischen Reiches vorbehalten war. Dadurch sei eine Gruppenidentität auch über größere Räume hinweg entstanden.

Die frühen Christen waren gute Netzwerker

Auch die Münsteraner Althistorikerin Eva Baumkamp meint, dass die frühen Christen gute Netzwerker waren und ein modern anmutendes Kommunikationssystem aufbauten. "Im Römischen Reich des dritten Jahrhunderts korrespondierten verfolgte Bischöfe von Karthago bis Kleinasien über ihre Religion und machtpolitische Fragen", analysiert sie. Viele Christen und Gemeinden konnten gleichzeitig daran teilhaben.

Positiv wirkte sich auch die vergleichsweise gute Infrastruktur des Römischen Reiches aus: Das gut ausgebaute Straßennetz ermöglichte das Reisen und Versenden von Post. Die neutestamentlichen Texte waren in Griechisch verfasst, das im ganzen östlichen Mittelmeerraum Verwaltungssprache war. Und spätestens durch die lateinischen Übersetzungen, der Handelssprache des Westens, konnten die Texte im ganzen Reich verstanden werden. "Unter dem Druck der Verfolgung durch die römischen Kaiser Decius (250-251) und Valerian (257-260) versuchten die Christen früh, ihre theologischen Probleme zu lösen", sagt Baumkamp. Das habe wie ein Motor gewirkt.

Heiligenfiguren auf dem Dach des Petersdoms in Rom.
Heiligenfiguren auf dem Dach des Petersdoms in Rom.  andrea-goeppel.de/

Die Briefe erfüllten nach Erkenntnissen der Forscherin zudem machtpolitische Zwecke. Viele ins Exil geflohene Bischöfe hätten ihren Gemeinden weiter Handlungsanweisungen gegeben. Zugleich handelten die Kleriker per Briefverfahren Hierarchien aus. "Vor allem Bischöfe größerer Städte wie Rom, Karthago, Alexandria oder Lyon waren bald nicht mehr bloß Sprachrohr ihrer Einzelgemeinde, sondern beanspruchten, die gesamte Provinz zu vertreten", erläutert die Althistorikerin.

Manche Hollywood-Streifen begründen die dynamische Ausbreitung des Christentums damit, dass die ersten Christen Angehörige der Unterschicht waren, die sich gegen Unterdrückung auflehnten. Der Münchner evangelische Theologe Friedrich Wilhelm Graf weist das allerdings zurück: "Das ist ein Erklärungsansatz, der aus dem 19. Jahrhundert stammt und vor allem bei der Arbeiterbewegung attraktiv war", sagt er.

Überwindung sozialer Schichten

Das Christentum sei aber zugleich auch ein Oberschichten-Phänomen gewesen. "Es hat viele Menschen in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen angesprochen und ihnen einen Sinn gegeben. Diese Vielseitigkeit ist sicher eines der Erfolgsgeheimnisse." Auch für den Münchener Theologen Roland Kany hat die Erfolgsgeschichte des Christentums etwas mit der Überwindung von sozialen Schranken zu tun. Grenzen zwischen Herr und Sklave, Mann und Frau, Jude und Grieche wurden übersprungen.

Nach Einschätzung von Graf greift ein ganzes Bündel von Erklärungen: Das Überwinden sozialer Schranken, Mildtätigkeit, Mitleid und die Hoffnung auf Auferstehung. Darüber hinaus bot das Christentum gegenüber den Vielgötter-Religionen im Römischen Reich einen Mehrwert: Man konnte sich auf einen Gott konzentrieren und zugleich auch sozial handeln. Die Christen sorgten für Alte und Kranke, kümmerten sich um würdige Bestattungen. "Das alles ist für uns heute selbstverständlich, war aber in der Antike revolutionär."

Von Christoph Arens (KNA)

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