Hirte und Manager

Früher hat man gesagt, dass der Pfarrer jedes seiner Schäfchen kennt. Bei Markus Pottbäcker ist das nicht so. Denn der Propst der Pfarrei St. Urbanus in Gelsenkirchen muss sich um 38.000 Katholiken kümmern. Katholisch.de hat ihn in Deutschlands größter Pfarrei besucht.

Seelsorge | Gelsenkirchen - 22.06.2015

Früher hat man gesagt, dass der Pfarrer seine Schäfchen kennt. Vielleicht sogar jedes einzelne. Markus Pottbäcker lehnt sich in seinem Stuhl zurück, verschränkt die Hände, denkt nach. Hinter ihm kann man durch das Fenster des Büros seinen "kleinen Dom" sehen. "Nein", sagt er dann, "meine Schäfchen kann ich sicher nicht alle kennen." Das ist keine große Überraschung. Denn der "kleine Dom" hinter ihm ist die Kirche St. Urbanus in Gelsenkirchen. Sie gehört zur größten Pfarrei Deutschlands. Und Pottbäcker ist ihr Propst.

Angefangen hat hier alles mit den Umstrukturierungen, die das Bistum Essen als eine der ersten deutschen Diözesen im Jahr 2005 für unausweichlich hielt. Das Ruhrbistum wurde zum Seismographen des gesellschaftlichen Wandels, der auch – oder gerade – vor der Kirche nicht Halt macht. Die Zahl der Gläubigen geht seit Jahren stark zurück und mit ihnen die Kirchensteuereinnahmen. Deshalb traf der damalige Bischof Felix Genn, heute Oberhirte in Münster, zum Jahresbeginn 2005 eine drastische Entscheidung: 259 Gemeinden sollten zu 43 Pfarreien fusionieren und 96 Kirchengebäude aufgegeben werden.

Das hatte auch Auswirkungen für die Katholiken im Gelsenkirchener Norden. Aus ehemals 14 eigenständigen Pfarreien wurden zunächst sieben, bevor daraus im Jahr 2007 schließlich die heutige Großpfarrei St. Urbanus mitten im Ruhrgebiet entstand. Zu ihr gehören aktuell rund 38.000 Gläubige. Zum Vergleich: Im gesamten Bistum Görlitz leben gerade einmal knapp 30.000 Katholiken.

Zwei Stunden für die Pfarreierkundung - mit dem Auto

"Die erste Erkundung meiner neuen Pfarrei hat viel Zeit gebraucht", gesteht Propst Pottbäcker. Seit September 2014 ist er hier. Gemeinsam mit seinem Vorgänger, dem heutigen Essener Weihbischof Wilhelm Zimmermann, hat er damals seine neue Heimat in Augenschein genommen. "Etwa zwei Stunden sind wir mit dem Auto durch das Gebiet der Pfarrei gefahren", erinnert sich der 48-Jährige. Und dabei sei er nicht einmal ausgestiegen, um in eine der Kirchen zu gehen.

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Markus Pottbäcker, Propst in der Großpfarrei St. Urbanus.
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Gut zehn Monate später ist Pottbäcker, als Duisburger selbst ein Kind des Ruhrgebiets, im Alltag angekommen. Sein Telefon hat er an diesem Morgen für die Zeit des Interviews lautlos geschaltet. "Sonst kann es passieren, dass es alle fünf Minuten klingelt", sagt er und eilt vom Schreibtisch zurück in die Sitzecke seines Büros. Täglich erreichen ihn 20 bis 30 Anrufe und noch einmal genauso viele E-Mails. Es geht um Absprachen, Fragen, Einschätzungen. Die Telefonate führt er hauptsächlich mit den Mitarbeitern seines 15-köpfigen Pastoralteams, zu dem Priester, Diakone, Gemeinde- und Pastoralreferenten gehören.

50 Anrufer am Vormittag sind keine Seltenheit

Die meisten Anrufer landen jedoch erst gar nicht im Büro von Pottbäcker, sondern wenige Meter davor: bei Pfarrsekretär Jörg Michalik. Der arbeitet im Gegensatz zu seinem Chef schon seit 25 Jahren hier und hat die Umstrukturierungen am eigenen Leibe erleben müssen. Erst war er für die Pfarrei Christus König als Sekretär, Küster und Kirchenmusiker tätig. Dann folgte die Fusion mit St. Urbanus. "Christus König wurde erst Filialkirche und schließlich abgerissen", erinnert er sich. Nun ist er für die Gesamtpfarrei zuständig und hat täglich nicht nur jede Menge Publikumsverkehr, sondern im Schnitt auch rund 50 Anrufer am Telefon – und das allein am Vormittag.

Am Eingang von Michaliks kleinem Reich steht ein Schild mit der Aufschrift "Büro für spektakulär-spontane Wunscherfüllung". Das Motto versuche man auch in die Tat umzusetzen, so der Pfarrsekretär. Die Gläubigen bräuchten Auszüge aus dem Taufregister für ihre Trauung, die Bestatter wollten Informationen über Verstorbene und auch der Pfarrsaal werde gerne gemietet, zählt er auf. Michalik ist für all das zuständig, weil die Kirchen-, Tauf- und Sterbebücher hier zentral für die sieben Gemeinden geführt werden, die zur Großpfarrei St. Urbanus gehören. Manchmal wollten die Anrufer aber auch nur eine Telefonnummer eines Wallfahrtsbüros, sagt er. "Dafür sind wir zwar eigentlich nicht zuständig, aber versuchen dennoch zu helfen." Spektakulär-spontane Wunscherfüllung eben.

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Jörg Michalik, Pfarrsekretär und Kirchenmusiker in der Großpfarrei St. Urbanus.
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Zum Gebiet der Pfarrei St. Urbanus gehören aber nicht nur die Gemeinden samt Kirchen, die sich über sechs unterschiedliche Stadtteile erstrecken, sondern auch drei Krankenhäuser, Altenheime, Kindergärten, Kleiderkammern, Begegnungsstätten oder ein Schülercafé. "Außerdem kommen noch ein Friedhof und rund 200 Mietwohnungen hinzu, um die wir uns kümmern", erklärt Verwaltungsleiter Friedrich Klute. Zusammen mit drei Mitarbeiterinnen kümmert er sich um die Finanzen, die Immobilien und das Personal der Großpfarrei. Die mache aktuell etwa einen Jahresumsatz von 2,5 bis 3 Millionen Euro und habe insgesamt 45 Angestellte. Allerdings viele davon  – wie Reinigungskräfte oder Organisten – in Teilzeit, so dass man in St. Urbanus insgesamt auf etwa 20 volle Stellen kommt.

Zwischen Tür und Angel

Einmal in der Woche treffen sich der Verwaltungsleiter und Propst Pottbäcker zum "Jour-Fix", um langfristige Dinge zu besprechen. Der Rest geschieht zwischen Tür und Angel. So wie bei Pottbäcker überhaupt vieles zwischen Tür und Angel geschieht. Die Frage, ob er noch Seelsorger sei oder doch schon Manager, beantwortet er salomonisch mit einer Gegenfrage: "Ist das denn ein Gegensatz?" Pottbäcker tauft, traut, beerdigt, feiert die Eucharistie oder spendet die Krankensalbung.

Einen großen Teil seiner Zeit verbringt er dann aber doch im Büro, gibt Pottbäcker zu. Alle zwei Wochen trifft er sich mit seinem Pastoralteam, um über Alltägliches wie Urlaubsvertretungen zu sprechen oder darüber, was es in den einzelnen Gemeinden Neues gibt. Doch nicht nur. Es geht auch um Ideen und Konzepte für die Zukunft. Von den Themen her denken, Neues ausprobieren, über die Grenzen der eigenen Gemeinde schauen. Das sei für die pastoralen Mitarbeiter noch immer schwierig, weil nach wie vor zu sehr in regionaler Verantwortung gedacht werde, sagt der Propst.

Großpfarrei St. Urbanus

Dass St. Urbanus zur Großpfarrei wird, war 2007 erst einmal nicht viel mehr als ein bürokratischer Akt der Bistumsleitung. So wundert es nicht, dass sie auch acht Jahre später noch immer eher Verwaltungseinheit als Glaubensgemeinschaft ist. Personal und Finanzen werden zentral gesteuert, doch ansonsten agieren die Gemeinden weitgehend selbstständig. Sie feiern Gottesdienste, bieten Katechese an und veranstalten Gemeindefeste. Fünf der sieben Gemeinden haben auch noch ihren eigenen Pastor, so dass sich das Leben fast ausschließlich dort verändert hat, wo die eigene Kirche geschlossen wurde und der Priester zum Gottesdienst aus der Nachbargemeinde vorbeischaut.

"Ein Aufbauprozess ist immer auch ein Identifikationsprozess"

Deshalb fällt es nicht nur dem Personal, sondern auch den Gläubigen schwer umzudenken. Gerade im Bistum Essen sei das so, meint Pottbäcker. Denn nach der Gründung des Bistums 1958 hätten viele derer, die noch heute in den Gemeinden aktiv sind, ihre Pfarreien mit aufgebaut. "Und ein Aufbauprozess ist immer auch ein Identifikationsprozess", weiß der Propst. Das führe dann eben auch zur Abgrenzung. Jahrzehnte habe man den Gläubigen gesagt: Schaut auf euren Stadtteil, schaut auf eure Gemeinde. "Und jetzt sagen wir ihnen: Nein das war doch nicht so gut."

Das deckt sich mit den Erfahrungen von Kaplan Marius Schmitz. Auch er findet die Reaktionen auf die Umstrukturierungen nur allzu menschlich. "Jeder will seinen Kirchturm erhalten und schaut erst einmal auf sein näheres Umfeld", sagt er. Und Mitarbeiter, die seit 20 Jahren die gleiche Katechese machten und das vielleicht sogar erfolgreich, wollen damit natürlich nicht auf einmal aufhören.

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Friedrich Klute, Verwaltungsleiter der Großpfarrei St. Urbanus.
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Dennoch glaubt der 31-Jährige, dass man gemeinsam dahin kommen müsse, "die Vielfalt in einer so großen Pfarrei als Chance zu sehen". Nicht jede Gemeinde brauche ihren eigenen Bibelkreis oder ihre eigene Freizeitgruppe. In der Jugendarbeit ist man da schon einen Schritt weiter: Schmitz, der seit Sommer 2014 in St. Urbanus tätig ist, organisiert in Kooperation mit der benachbarten Pfarrei St. Hyppolytus ein Jugendpastorales Zentrum für den Gelsenkirchener Norden: das "JuHU".

Es seien Prozesse, die nicht mehr aufzuhalten sind, betont Pottbäcker. Natürlich gehe durch das Konzept Großpfarrei zwangsläufig auch ein Stück Nähe zu den Menschen verloren. Dennoch ist er sich sicher: "Wir müssen uns von der Seelsorge verabschieden, wie es sie lange Jahre gegeben hat." Aber er spüre, dass das auch seine Mitarbeiter und die Gläubigen wissen. Die Bereitschaft, die eigenen Grenzen zu verlassen, sei durchaus da. Aber vier bis fünf Jahre werde dieser Prozess sicher noch in Anspruch nehmen. Mittlerweile haben Pottbäcker und sein Team aber auch schon erste Erfolge vorzuweisen. So haben sie eine gemeinsame Firmvorbereitung für die gesamte Großpfarrei entwickelt. "Modularisierte Hinführung zum Firmsakrament" nennt der Propst das. Für die Erstkommunion plant er ähnliches.

Spirituelle und liturgische Angebote schon jetzt vielfältig

Im Jahr 2012 wurden in der Großpfarrei 45 Paare getraut, 209 Kinder getauft und 245 junge Menschen gingen zur Erstkommunion. Auch das spirituelle und liturgische Angebot ist aufgrund der Größe der Pfarrei schon jetzt vielfältig – wenn man denn über die eigene Gemeindegrenze hinausschaut. Es gibt Exerzitien im Alltag, geistliche Begleitungen und Gottesdienste für verschiedene Alters- und Interessengruppen. Allein an Sonntagen finden in den Gemeindekirchen und Krankenhauskapellen 14 verschiedene Messen statt. In Zukunft soll jedoch noch mehr möglich werden.

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Sr. Carmen Reifenscheid, Gemeindereferentin in der Großpfarrei St. Urbanus.
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"Den Schalter einfach umlegen, kann man aber nicht", sagt Martin Verfürth. Der Pfarrgemeinderatsvorsitzende spürt, dass auch die Bereitschaft der Gläubigen allmählich größer wird, Verantwortung auf Ebene der Großpfarrei zu übernehmen. Man versuche das zu fördern, indem gemeinsame Wallfahrten und Maiandachten angeboten würden. Bisher laufe alles aber noch immer nach dem Subsidiaritätsprinzip. "Die größeren Gemeinden, in denen es noch gut läuft, machen ihr Ding alleine", sagt Verfürth. Die kleineren schlössen sich dagegen zusammen, wenn sie etwas nicht mehr stemmen könnten.

Das Ziel von Propst Pottbäcker ist es deshalb, den Wert einer Großpfarrei künftig noch stärker aufzuzeigen. Bei so vielen Menschen gebe es die unterschiedlichsten Kompetenzen und eine große Flexibilität. Die Gemeinden, die Gläubigen und auch die hauptamtlichen Mitarbeiter sollen voneinander lernen. Das Ziel müsse es sein, dass die pastoralen Mitarbeiter in der Großpfarrei irgendwann nur noch für die Firmung oder die Erstkommunion zuständig seien und nicht mehr für eine einzelne Gemeinde. "Vor Ort wird das aber durch andere Menschen, durch Ehrenamtliche geleistet und noch stärker geleistet werden müssen", glaubt er. Dann steht er auf und verabschiedet sich. Der Propst hat noch einen wichtigen Termin.

Leben in der Großpfarrei

Die Pfarrei St. Urbanus gehört zum Bistum Essen und ist die größte Pfarrei in ganz Deutschland. Sie hat elf verschiedene Kirchen. Auf unserer Karte finden Sie Informationen zu Standorten und Gottesdienstzeiten.

Von Björn Odendahl

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