"Ich fühle mich nicht beleidigt"

Der Kapitalismus, die Ökumene, wiederverheiratet Geschiedene oder die Rolle der Frauen: Erneut hat Papst Franziskus in einem Interview einen Parforceritt über aktuelle kirchliche Fragen getan. Diesmal im Gespräch mit der italienischen Tageszeitung "La Stampa". Unter anderem setzt er sich gegen ihn erhobene Vorwürfe zur Wehr.

Medien | Rom - 15.12.2013

Der Kapitalismus, die Ökumene, wiederverheiratet Geschiedene oder die Rolle der Frauen: Erneut hat Papst Franziskus in einem Interview einen Parforceritt über aktuelle kirchliche Fragen getan. Diesmal im Gespräch mit der italienischen Tageszeitung "La Stampa". Unter anderem setzt er sich gegen ihn erhobene Vorwürfe zur Wehr.

So wehrt sich der dagegen, er vertrete in seiner Wirtschaftsethik "marxistische" Ansichten. "Die marxistische Ideologie ist gescheitert. Aber in meinem Leben habe ich viele menschlich gute Marxisten getroffen, und deshalb fühle ich mich nicht beleidigt", sagte er im Interview. In seinem ersten Lehrschreiben "Evangelii gaudium" stehe nichts, was nicht mit der katholischen Soziallehre übereinstimme.

Die Ungerechtigkeiten der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung habe er nicht mit "technischem Blick" betrachtet, erklärte Franziskus der Zeitung. Die Absicht seiner Ausführungen sei vielmehr gewesen "eine Fotografie" dessen zu präsentieren, was passiert sei. Die kapitalistische Wirtschaftstheorie verspreche, dass die Armen davon profitierten, wenn ein Glas so voll sei, dass es überfließt. "Was stattdessen passiert: Wenn das Glas voll ist, vergrößert es sich auf wundersame Weise und für die Armen fließt nie etwas ab", so der Papst.

Ultra-konservative Christen in den USA hatten Franziskus als "Marxisten" denunziert, weil er in "Evangelii gaudium" das kapitalistische Wirtschaftssystem der Gegenwart in scharfer Form kritisiert. In dem Schreiben heißt es unter anderem, dieses System töte Menschen und sei für die krasse Ungleichverteilung des Reichtums auf der Welt verantwortlich.

"Ökumene des Blutes"

Überdies hält Franziskus angesichts von weltweiter Verfolgung und Gewalt gegen Christen die Annäherung der Kirchen für eine seiner wichtigsten Aufgaben. "Für mich hat die Ökumene Priorität", sagte er. In der heutigen Zeit gebe es eine "Ökumene des Blutes" zwischen den Christen. "In manchen Ländern töten sie Christen, weil diese ein Kreuz tragen oder eine Bibel besitzen. Und bevor man sie tötet, wird nicht gefragt, ob sie Anglikaner, Katholiken, Lutheraner oder Orthodoxe sind. Das Blut ist gemischt."

Die Christen der verschiedenen Konfessionen seien in diesem Leid vereint, auch wenn es ihnen bisher noch nicht gelungen sei, die notwendigen Schritte aufeinander zuzugehen. Dafür sei die Zeit vielleicht noch nicht reif.

Als Beispiel für die Einheit im Leiden erinnerte der Papst an die Hinrichtung von katholischen wie auch protestantischen Geistlichen durch die Nationalsozialisten. Diese hätten für die Verkündigung derselben christlichen Botschaft ihr Leben gelassen.

Keine Frauen als Kardinäle

Die vielen orthodoxen Kirchenführer, die er in den vergangenen Monaten getroffen habe, sehe er als Brüder, sagte Franziskus. "Es ist ein Schmerz, dass wir die Eucharistie noch nicht gemeinsam feiern können, aber die Freundschaft existiert." Der Weg bestehe darin, zusammenzuarbeiten und für die Einheit zu beten.

Zugleich hat der Papst die Idee zurückgewiesen, künftig könnten in der katholischen Kirche Frauen zu Kardinälen erhoben werden. Wer dies anstrebe, leide unter "Klerikalismus", sagte Franziskus. "Die Frauen in der Kirche müssen wertgeschätzt, aber nicht 'klerikalisiert' werden", betonte er. Die Idee des Frauenkardinalats bezeichnete der Papst als ein "Schlagwort", von dem er nicht wisse, woher es komme.

Der Ausschluss wiederverheirateter Geschiedener von der Eucharistie ist nach den Worten von Papst Franziskus nicht als Strafe zu verstehen. "Es ist gut, sich dies vor Augen zu halten", sagte er "La Stampa". Zugleich stellte er klar, dass er die Frage der Kommunion für Geschiedene, die eine neue Ehe eingehen, in seinem Lehrschreiben "Evangelii gaudium" noch nicht angesprochen habe, wenn auch manche Passagen so verstanden worden seien. Das Problem werde aber beim kommenden Konsistorium im Februar und den beiden Bischofssynoden 2014 und 2015 behandelt.

Zuvor hatte Franziskus im Gespräch mit der Zeitung die Aussage des Lehrschreibens bekräftigt, die Sakramente der Taufe und der Eucharistie seien als Heilmittel für die Menschen und nicht als eine Prämie zu verstehen. "Einige haben dabei sofort an die Sakramente für wiederverheiratete Geschiedene gedacht, aber ich bin nicht auf bestimmte Fälle eingegangen."

Distanz zur Politik

Ihm sei es vielmehr um ein Prinzip gegangen. "Wir müssen eher versuchen, den Glauben der Leute zu fördern anstatt ihn zu kontrollieren", sagte Franziskus. Dies erfordere sowohl Mut als auch Umsicht. So habe er im vergangenen Jahr etwa das Verhalten von Priestern kritisiert, die sich weigerten, die Kinder minderjähriger Mütter zu taufen.

Die Kirche muss nach Überzeugung von Papst Franziskus immer eine ausreichende Distanz zur Politik wahren. Beide Kräfte wirkten auf parallelen Pfaden. Diese dürften sich nur dort treffen, wo es um die Hilfe für Menschen gehe, sagte er weiter. Wenn es zwischen beiden Kräften zu einer Verbindung ohne die Menschen komme, "beginnt jene Ehe mit der politischen Macht, die zu einem Verfaulen der Kirche führt: durch Geschäfte, durch Kompromisse", so der Papst.

Kirche und Politik müssten ihre jeweiligen Aufgaben und Berufungen im Blick behalten - "vereint nur für das Gemeinwohl". Ansonsten bestehe stets die Gefahr, dass die Kirche durch die Politik korrumpiert werde. Auch die Politik werde beschmutzt, wenn sie für Geschäfte missbraucht werde. (meu/KNA)

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