Iraks Christentum unter Trümmern begraben

Einst blühten hier viele der frühesten christlichen Gemeinden. Doch der Terror des IS hat binnen weniger Jahre Hunderttausende Christen aus dem Irak vertrieben. Die verlassenen Kirchen hat die Miliz verwüstet.

Terror | Mossul - 11.06.2017

Am Ortseingang von Karakosch steht heute ein hohes Kreuz direkt neben dem Fahnenmast mit der irakischen Nationalflagge. Die Szene spiegelt eine Normalität vor, die schon lange nicht mehr existiert. Ein halbes Jahr nach der Vertreibung des IS durch die irakische Armee und kurdische Peschmerga im Oktober 2016, bleibt die einst größte christliche Stadt des Landes, rund 30 Kilometer südöstlich von Mossul, ein fast verlassener, ein zerstörter Ort.

Einst lebten in Karakosch 50.000 Christen, die meisten syrisch-katholisch oder syrisch-orthodox. Wenige Stunden, bevor die Terrorkrieger im August 2014 einrückten, verließen die Einwohner ihre Stadt in panischer Flucht. Heute zeugen geplünderte oder niedergebrannte Häuser und demolierte Kirchen vom "gottgefälligen" Regiment der Dschihadisten. Die syrisch-katholische Kirche St. Georg diente ihnen als Bombenfabrik. Die Befreier fanden dort noch hunderte Bomben und Granaten vor.

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Nur wenige Minuten blieben den Dominikanerinnen von Karakosch vor zwei Jahren, um aus ihrem Kloster zu fliehen. Inzwischen ist die Stadt im Nordirak vom IS befreit. Doch die Rückkehr der Nonnen war traurig. (Artikel von November 2016)

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Das inzwischen rußgeschwärzte Gemäuer der Kathedrale von der Unbefleckten Empfängnis verwandelten die IS-Terroristen in einen Schießstand - von Kalaschnikows durchsiebte Schaufensterpuppen lagen überall herum, berichteten Augenzeugen. Andere Gotteshäuser in Karakosch wie die Kirche Mar Behnam und Sara verwüsteten sie ohne jeden Nutzen. Dächer wurden gesprengt, Kreuze und Heiligenstatuen zerschlagen, Holzbänke umgerissen, Liederbücher zerfetzt und im Raum verteilt.

Geisterstädte bieten keine Heimat mehr

Viele Christen kehrten nach der Rückeroberung noch einmal kurzzeitig nach Karakosch zurück. Doch der Anblick ihrer zerstörten Häuser und die ungewisse Sicherheitslage in der umkämpften Region trieben sie schnell wieder in die Flüchtlingslager. Die weite Ninive-Ebene, die Heimat des uralten irakischen Christentums, bietet den Angehörigen der vielen verschiedenen Konfessionen keine Heimat mehr.

Auch Bartella, nicht weit von Karakosch, ist so eine Geisterstadt. Tausende assyrische Christen lebten dort. Im Sommer 2014 flohen die meisten vor dem angreifenden IS, großteils in die sicheren Kurdengebiete. Die wenigen Ausharrenden stellte die Terrormiliz nach koranischem Gesetz vor die Alternative, zum Islam zu konvertieren oder die Unterwerfungssteuer zu zahlen - oder zu sterben.

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Nachdem christliche Dörfer im Irak vom "Islamischen Staat" befreit wurden, kehrten einige der Bewohner zurück. Angela Gärtner von der Caritas ist Irak-Expertin und spricht im Interview über die Situation. (Artikel von Juni 2017)

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Auch in Bartella fielen Kirchen, Häuser und Geschäfte der blinden Zerstörungswut der Gotteskrieger zum Opfer. Dort wurde der Friedhof geschändet, sogar Tote sollen gefleddert worden sein. An eine Rückkehr nach der Befreiung im Herbst 2016 dachten die wenigsten. Überall versteckte Sprengfallen und IS-Parolen an den Wänden - "Wir kommen wieder" - taten ein Übriges.

Für den Salzburger Ostkirchenexperten Dietmar Winkler steht fest: Den Islamisten geht es um die völlige Auslöschung der christlichen Kultur im Irak und in Syrien. Die Vernichtung dieses Kulturerbes habe ein "ungeheures Ausmaß" erreicht, sagte er im Mai bei einer Tagung in Salzburg. Allein im Irak seien rund 100 Kirchen, Klöster und kirchliche Einrichtungen zerstört. Darunter sind baugeschichtliche Schätze wie das Mar-Elija-Kloster südlich von Mossul, das die Terroristen mit Bulldozern in Schutt verwandelten.

Auch wenn der IS militärisch früher oder später erledigt sein dürfte - eines seiner Hauptziele, die "Entchristung" des Nahen Ostens, hat er fast erreicht. Allein von den rund 1 Million irakischen Christen haben schätzungsweise zwei Drittel das Land verlassen. Auch die Befreiung von Trümmerhaufen wie Karakosch oder Bartella wird diesen Strom nicht aufhalten, sagen Helfer vor Ort.

Von Christoph Schmidt (KNA)

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