Ist das der älteste Text in deutscher Sprache?

Wissenschaftler aus aller Welt blicken derzeit auf das österreichische Stift Admont. In dessen Bibliothek machte ein Wiener Forscher einen spektakulären Zufallsfund.

Wissenschaft | Bonn/Admont - 16.05.2017

Der Fund war unscheinbar, aber von unschätzbarem historischem Wert: Ende 2012 stöberte Martin Haltrich in der Klosterbibliothek von Admont in einem Karton mit alten Handschriften. Dem Wiener Forscher fielen zwei Fragmente eines alten Pergaments in die Hand, beschrieben mit lateinischen und althochdeutschen Worten. Haltrich ahnte sofort, etwas Besonders gefunden zu haben. Er fotografierte die Stücke, schickte die Bilder an Kollegen weiter. Eine Forschergruppe rund um den Wiener Germanisten Stephan Müller begutachtete die Stücke. Am Freitag stellten sie am Fundort, dem österreichischen Benediktinerstift, schließlich ihre Ergebnisse der Fachöffentlichkeit vor: Haltrich hatte ungefähr 1.200 Jahre alte Fragmente des sogenannten Abrogans entdeckt.

Drei sehr alte Abschriften dieses dreisprachigen Lexikons waren bislang bekannt. Neben den bereits umfangreich erforschten Ausgaben in St. Gallen, Paris und Karlsruhe lagerte über Jahrhunderte unbemerkt auch in Admont ein viertes Exemplar – oder jedenfalls Teile davon. Lediglich zwei kleinere Pergamentstücke fand der Wiener Forscher Haltrich in einer Kladde mit Reststücken. Genug allerdings, um für Aufsehen in der Fachwelt zu sorgen.

Ein Relikt aus der Zeit Karls des Großen

"Es ist auf jeden Fall eine wissenschaftliche Sensation", sagt der Bibliothekar von Admont, Pater Maximilian Schiefermüller. Aus Sicht des Historikers sind die Fundstücke aus zwei Gründen besonders spannend. Vor allem gehe es dabei um das hohe Alter, denn die Stücke zählen zu den frühesten Abschriften des mittelalterlichen Glossars. Das originale Abrogans stammt aus dem späten 8. Jahrhundert, also aus der Zeit Karls des Großen. Die nun gefundenen Fragmente entstanden, wie die bereits bekannten Exemplare, nur wenige Jahre später um die Jahrhundertwende. Eine weitere Besonderheit der Admonter Fragmente sei ihre "abweichende Gestalt", sagt Schiefermüller. "Aufgrund der sprachlichen Gestaltung dürfte der Schreiber das Buch selber weiterentwickelt haben."

Der Admonter Abrogans

Der "Abrogans" gilt als das älteste Buch deutscher Sprache – obwohl es vornehmlich lateinische Worte enthält: Es führt seltene lateinische Begriffe aus biblischen Quellen und ihre Erklärungen im gebräuchlicheren Alltagslatein auf, jeweils mit Glossen in althochdeutscher Sprache versehen. Als Titel des Werks wurde später einfach der erste Eintrag gewählt: "abrogans", damals übersetzt mit "demütig". Eine Besonderheit der Admonter Ausgabe besteht darin, dass dort die lateinischen Begriffe vollständig alphabetisch sortiert sind, vergleichbar einem modernen Wörterbuch. Zudem fanden die Forscher darauf bislang unbekannte Begriffe der althochdeutschen Sprache. Sowohl für die nun erstmals analysierten Fragmente, wie auch die Originalausgabe, den "Ur-Abrogans", gilt: Auftraggeber und Entstehungsort sind bislang unbekannt.

"Upcycling" im Stil des 18. Jahrhunderts

Immerhin konnte das Team der Admonter Klosterbibliothek den Weg rekonstruieren, den die beiden antiken Schriftstücke in den letzten Jahrzehnten bis zu ihrer Wiederentdeckung genommen hatten: In der Mappe, in der Haltrich die Ausrisse Ende 2012 fand, lagen diese wohl erst seit 1963. Zuvor waren die Pergamentstücke als Flicken auf den lädierten Einband eines Buchs aus dem 18. Jahrhundert geleimt gewesen. Vermutlich hatte damals ein Buchbinder die Pergamente aus den Abfällen umliegender Klosterbibliotheken gekauft und auf diese Weise wiederverwertet. In den 1960er Jahren wurden sie dann im Zuge einer Restaurierung vom Bucheinband abgelöst und ohne genauere Untersuchung in einem unscheinbaren Karton mit anderen Fragmenten eingelagert.

Wie ihre Konservierung war schließlich auch die Wiederentdeckung Beiwerk eines eigentlich ganz anderen Vorhabens. Haltrich, selbst Klosterbibliothekar im Wiener Stift Klosterneuburg, war in der Admonter Bibliothek, um hebräische Handschriften zu digitalisieren. Aus Neugier stöberte er in den dort aufbewahrten Fragmenten und machte dabei seine historische Entdeckung.




Der weltberühmte Lesesaal der Stiftsbibliothetk von Admont.


Und nicht nur Haltrichs Begeisterung für die Pergamente ist groß: "Momentan haben wir Anfragen aus aller Welt", berichtet Schiefermüller über die Reaktionen der Fachwelt. Seit dem Bekanntwerden des sensationellen Fundes möchten Wissenschaftler aus ganz Europa die Stücke selbst untersuchen. Bislang haben Experten für Schrift und Sprache sowie die verwendeten Materialien eine erste Datierung unternommen. Zur genaueren Erforschung der Fragmente möchte das Stift Admont weiterhin eng mit der internationalen Fachwelt kooperieren, sagt der Archivar: "Momentan verschicken wir die Scans überall hin." Für das kommende Jahr seien bereits eine umfassende Publikation sowie eine Ausstellung im Klostermuseum geplant.

Wenn der Archivar zum Schatzgräber wird

Vielleicht kann bis dahin auch die Herkunft der Fragmente genauer bestimmt werden. Denn im Stift selbst können sie nicht entstanden sein; dieses wurde erst 1074 gegründet, also gut zwei Jahrhunderte nach der Niederschrift des Abrogans. Ende des 18. Jahrhunderts wurde die weltberühmte Stiftsbibliothek mit ihrer herausragenden Sammlung alter Handschriften und Drucke errichtet. "Archivarisch gesehen ist die Geschichte der Region der letzten 950 Jahre bei uns aufbewahrt", beschreibt Schiefermüller, der zugleich Prior von Admont ist, den mehrere hunderttausend Bände umfassenden Bestand. Ob er hofft, darin noch einmal einen Fund wie die Abrogans-Fragmente zu machen? "Es kann natürlich sein, dass noch mehr dabei ist."

Von Kilian Martin

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