Kardinal Lehmann: Kohl liebte den Speyrer Dom

Etwas seltsam sei es, dass Altkanzler Helmut Kohl in Speyer beerdigt werde, findet Kardinal Karl Lehmann. Auf gemeinsamen Spaziergängen hätten sie sich früher auch über Glaubensfragen ausgetauscht.

Zeitgeschichte | Mainz - 28.06.2017

Der Mainzer Kardinal Karl Lehmann blickt voraus auf die Trauerfeier für seinen Freund Helmut Kohl am Samstag. Dass der verstorbene Altkanzler in Speyer beerdigt werde, sei "zwar etwas seltsam, aber auch ein bedeutungsvolles Zeichen seiner Herkunft", sagte Lehmann der "Zeit" (Donnerstag). Die große Liebe des Politikers habe immer dem Dom von Speyer gegolten. Und: "Mir gefällt, dass neben der immer etwas großspurigen nationalen und europäischen Dimension solcher Staatsakte hier auch das Lokale eine Rolle spielt." Kohls Liebe für dessen Pfälzer Heimat sei kein oberflächliches Provinzlertum gewesen, "sondern der Wunsch nach Halt, auch nach Frieden und Aussöhnung."

Herzhaft, fromm und nicht dogmatisch

Auf gemeinsamen Spaziergängen hätten beide Männer sich auch über Glaubensfragen ausgetauscht, sagte der emeritierte Bischof von Mainz weiter. Kohl habe sich besonders für Religionsfreiheit interessiert und die Frage, "wie sie sich mit dem Anspruch des Glaubens auf Gewissheit verträgt". Er habe Kohl als "herzhaft und nüchtern fromm" erlebt, so Lehmann. "Jedenfalls trat er nie frömmelnd auf, setzte auch seine Kirchenzugehörigkeit nicht als politische Waffe ein." Er habe ein hohes Maß an religiöser Toleranz besessen. "Dogmatismus war ihm fremd."

Der Kardinal äußerte sich auch zu den Meinungsverschiedenheiten in der Familie des Verstorbenen. Es sei furchtbar, dass Kohls Sohn Walter nicht mehr an das Totenbett seines Vaters herangekommen sei. "Dass Walter Kohl zu Lebzeiten des Vaters ein Buch gegen ihn schrieb, habe ich jedoch nie verstanden." Er selbst werde aus gesundheitlichen Gründen nicht an der Trauerfeier für Kohl teilnehmen, erklärte Lehmann. "Ich denke seit der Todesnachricht vor allem im Gebet immer wieder an ihn. Dies bleibt meine tiefste Verbundenheit", so der 81-Jährige.

Auch der frühere US-Außeminister Henry Kissinger, ebenfalls ein Freund des Verstorbenen, würdigte Kohl in der aktuellen "Zeit". Kohls Politik habe darauf gezielt, "die Hinterlassenschaft jahrhundertealter Konflikte zu überwinden", schreibt Kissinger in einem Gastbeitrag. Und weiter: "Der Lebensmut, der Kohl befähigte, trotz angeschlagener Gesundheit stets von Neuem sein Vermächtnis zu formulieren, bezeugte seinen festen Glauben - an sein Volk, an die Alte Welt und an die atlantische Partnerschaft." (jhe/KNA)

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