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Konflikte

Kleine Kurskorrektur

Patriarch Kyrill I. stellt sich gegen Präsident Putin

Bonn/Moskau - 21.03.2014

Die russisch-orthodoxe Kirche gilt als Machtstütze von Kremlchef Wladimir Putin. Aber in der Krim-Frage rückt der Moskauer Patriarch Kyrill I. von ihm ab. Das 67 Jahre alte Kirchenoberhaupt blieb - im Gegensatz zu Spitzenvertretern der Muslime und Juden - nicht nur Putins großer Rede zum Anschluss der ukrainischen Halbinsel fern. Am Mittwochabend gab die Kirche auch noch bekannt, die orthodoxe Krim-Diözese gehöre weiter zur ukrainischen Kirche.

Das oberste Leitungsgremium, der Heilige Synod, habe in seiner Sitzung nicht über eine Änderung des "administrativen Status" der Diözese der Halbinsel beraten, sagte der Sprecher des Moskauer Patriarchats, Wladimir Legoida. Die Kirche sei bereit "alles Mögliche zu tun für den Wiederaufbau brüderlicher Beziehungen zwischen Russland und der Ukraine sowie den Frieden auf der Krim".

Der Synod, dem unter dem Vorsitz des Patriarchen 14 Bischöfe aus sieben Ländern angehören, vermeidet allerdings eine klare Stellungnahme zum Krim-Konflikt. In einer Erklärung heißt es lediglich: "Die Grenzen der Kirche werden nicht von politischen Präferenzen, ethnischen Unterschieden oder gar Staatsgrenzen bestimmt." Die Krim sei und bleibe "ein unveräußerlicher Teil unserer einheitlichen und multinationalen Kirche".

Eine Abkehr der ukrainischen Bischöfe von Moskau verhindern

Die russisch-orthodoxe Kirche zählt bis auf Georgien und Armenien alle ehemaligen Sowjetrepubliken zu ihrem Territorium - also auch die Ukraine. Allerdings haben die einzelnen Länder unter Moskaus Oberhoheit eigene Kirchenverwaltungen. Nach der Annexion der Krim steht das Moskauer Patriarchat vor der Frage, ob es die dortige Diözese der ukrainischen Kirche entzieht und der russischen Kirche zuschlägt.

Dabei kann es durchaus im Interesse von Patriarch Kyrill I. sein, die Krim kirchenintern vorerst unter ukrainischer Führung zu belassen. Andernfalls stieße er viele ukrainische Gläubige und Kleriker vor den Kopf. Am Ende könnte sogar eine Abkehr der ukrainischen Bischöfe von Moskau stehen.

Archivnummer: KNA_251208  KNA

Erfolgloser Appell der ukrainischen Kirche

Das wäre fatal für Kyrill I.: Die Ukraine, zweitgrößter Staat Europas, gilt als Kernland der russischen Orthodoxie. Von dort ging vor mehr als 1.000 Jahren die Christianisierung des Riesenreiches aus. Schon 1992 sagte sich ein Teil der Kirche von Moskau los; das neue Kiewer Patriarchat wird zwar von der Weltorthodoxie nicht anerkannt, zählt aber in der Ukraine laut Umfragen etwa so viele Anhänger wie die Kirche des Moskauer Patriarchats.

Die selbstständige ukrainische Kirche appellierte Anfang März erfolglos an Kyrill I., für die "territoriale Integrität des ukrainischen Staates" einzutreten. Das kommissarische Oberhaupt der ukrainisch-orthodoxen Kirche, Metropolit Onufri (69), warnte, wenn russische Truppen in der Ukraine einmarschierten, könne dies Ukrainer und Russen in eine Konfrontation mit "katastrophalen Folgen" führen.

Die Krim als "blutende Wunde"

Vergangene Woche sprach Onufri mit Blick auf Russlands Eingreifen auf der Krim in einer Moskauer Kirchenzeitung von einer "blutenden Wunde", die nur schwer heilen werde. Metropolit Augustin, ukrainischer Militärbischof, hielt es zu Beginn des Konflikts sogar für eine gute Idee, dass ukrainische Soldaten die Krim verteidigten. Wenn jemand die Krim-Invasion rechtfertigen wolle, dann, so Augustin, "werde ich als orthodoxer Bischof einer mit Russland verbundenen Kirche antworten, dass ich nie meinen Segen dafür geben werde, dass die ukrainischen Soldaten ihre Waffen niederlegen". Es könne "keinen Zweifel geben, dass die ukrainischen Soldaten ihren Eid erfüllen müssen".

Offene Kritik an der Annexion muss Putin von Kyrill I. allerdings nicht fürchten. Ein hoher Patriarchatsvertreter lobte sogar den Militäreinsatz auf der Halbinsel und sprach von einer "Friedensmission". Kyrill I. selbst stellte sich mehrfach deutlich hinter den Kremlchef. "Sie persönlich, Wladimir Wladimirowitsch, haben eine großartige Rolle bei der Korrektur des Laufes unserer Geschichte gespielt", pries er Putin kurz vor der Präsidentenwahl im März 2012. Gut möglich, dass der Patriarch das immer noch so sieht. Nur würde er es aus kirchenpolitischen Gründen gewiss nicht sagen.

Von Oliver Hinz (KNA)

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