Marx: Ohne Karl Marx keine katholische Soziallehre

Am 5. Mai würde Karl Marx 200 Jahre alt. Aus diesem Anlass sprach Kardinal Reinhard Marx über seinen Namensvetter und würdigte ihn. Das Kommunistische Manifest habe ihn "durchaus beeindruckt", so Marx.

Bischöfe | Frankfurt - 30.04.2018

Der Münchner Kardinal Reinhard Marx sieht in seinem Namensvetter Karl Marx ein wichtiges Korrektiv des kapitalistischen Systems. "Wohlstand und Profite sind nicht alles, woran sich eine Gesellschaft orientieren darf", sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz im Interview der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Der Markt führe nicht automatisch zu einer gerechten Gesellschaft.

Das Kommunistische Manifest habe ihn "durchaus beeindruckt", so Marx, auch weil es "in einer großartigen Sprache verfasst" sei. Und die Analysen von Marx hätten auch zum Entstehen der katholischen Soziallehre entscheidend beigetragen. Man müsse den 200. Geburtstag von Marx in der kommenden Woche nicht feiern, ergänzte der Kardinal: "Dafür besteht für mich als katholischer Bischof kein Anlass. Aber gedenken sollten wir."

Der Kardinal beklagte "enorme soziale Ungleichheiten und ökologische Schäden, die die kapitalistische Dynamik zu verantworten" habe. Dass sich das gebessert habe, sei "keine Errungenschaft des Kapitalismus, sondern Ergebnis eines Kampfes gegen diese Auswüchse". Auch diese Erkenntnis sei Karl Marx zu verdanken: "Der Markt ist nicht so unschuldig, wie er sich im Lehrbuch der Ökonomen darstellt. Dahinter stehen machtvolle Interessen."

"Einer der ersten ernstzunehmenden Sozialwissenschaftler"

Der Bischofskonferenz-Vorsitzende warnte davor, nur auf "materielle Verbesserungen zu schauen". Man müssen auch sehen, "wer die Lasten trägt und wer Verlierer ist". Karl Marx habe gezeigt, "dass die Menschenrechte ohne materielle Teilhabe unvollständig bleiben", so der Münchner Erzbischof. Marx habe deutlich gemacht, dass "auf die wirklichen Verhältnisse zu achten" sei. Mit der Betonung der Empirie sei er "einer der ersten ernstzunehmenden Sozialwissenschaftler".

Karl Marx.
 John Jabez Edwin Mayal / International Institute of Social History in Amsterdam / Gemeinfrei

Zum 200. Geburtstag würde der Kardinal seinen Namensvetter gerne fragen, ob ihn ärgert, was die Menschen aus seinen Ideen gemacht haben. Am Ende könne man zwar "historisch einen Denker nicht davon trennen, was andere später in seinem Namen getan haben", gerade wenn es böse Folgen hatte. Für die Verbrechen des Stalinismus mache er Karl Marx aber nicht verantwortlich.

Keine "direkte Verbindung" zum späteren Marxismus-Leninismus

Zwar gebe es in dessen Schriften "den einen oder anderen totalitären Gedanken" wie den Kollektivismus, der das Individuum nicht achte. Doch in direkte Verbindung zum späteren politischen Marxismus-Leninismus oder gar zu den sowjetischen Straf- und Arbeitslagern könne man Karl Marx nicht bringen, so Kardinal Marx. Freiheit sei unteilbar. "Wirtschaftliche Freiheit ohne politische Freiheit geht nicht"; da könne ihn auch China "nicht vom Gegenteil überzeugen".

Marx zog auch eine Linie zum aktuellen Rechtspopulismus und zur Fremdenfeindlichkeit. Deren Wurzeln lägen ebenfalls in einer neuen sozialen Spaltung. "Wenn das Gefühl bei den Menschen entsteht, die Gesellschaft biete nicht mehr für alle Chancengerechtigkeit, dann kann es politisch gefährlich werden." Wo nur das Wirtschaftswachstum im Blick sei und nicht die Interessen aller, so Marx, löse sich der soziale Zusammenhalt auf. (KNA)

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