Mehr als nackte Zahlen

Das Heilige Jahr ist zu Ende. Diesmal gab es weltweit Heilige Pforten; allein in Rom kamen 20 Millionen Menschen. Aber lässt sich so der Erfolg des Jahres bemessen? Und was bleibt von der Barmherzigkeit?

Heiliges Jahr | Bonn - 21.11.2016

Der Letzte macht die Tür zu. In diesem Fall war es Papst Franziskus, der am Sonntag die Heilige Pforte am Petersdom verschloss und damit das Jahr der Barmherzigkeit in einer feierlichen Zeremonie auch im Vatikan beendete. In den Diözesen überall auf der Welt hatte man – auf Wunsch des Pontifex – bereits eine Woche zuvor getan. Was bleibt nun aber von diesem Heiligen Jahr? Was bleibt von der Barmherzigkeit?

Misst man den Erfolg eines säkularen Großevents – etwa einem Musikfestival –, dann geht es vor allem um die Zahl der Besucher. Würde man gleiche Maßstäbe nun auch hier anlegen, müsste das Heilige Jahr wohl als "Rohrkrepierer" bezeichnet werden. Das verrät allein ein Blick nach Rom. Dort hatte man vor Beginn des Heiligen Jahres mit etwa 30 Millionen Pilgern kalkuliert. Zugegeben: Die Zahl war hochgegriffen. Pater Helmut Rakowski, der beim Päpstlichen Rat für Förderung der Neuevangelisierung für die Durchführung des Jahres zuständig ist, sprach davon, dass hinter den hohen Prognosen der Stadt Rom auch strategische Überlegungen steckten, etwa mit Blick auf finanzielle Zuschüsse.

Jubiläumsablass vor der eigenen Haustür

Traut man jedoch den aktuellen Schätzungen, werden es vielleicht nur knapp halb so viele Menschen sein, die die Ewige Stadt im Heiligen Jahr besuchen. Die römische Tourismusbranche spricht sogar davon, dass man die rund 14 Millionen Pilger des Vorjahres vielleicht noch unterbietet. Im Vatikan will man davon allerdings nichts wissen, sondern verweist auf die mehr als 20 Millionen Menschen, die bisher eine der fünf Heiligen Pforten in Rom durchschritten haben. Da jedoch ein einziger Pilger alle Pforten besucht haben kann – eventuell sogar mehrfach – und damit gut und gerne fünf bis zehn Mal gezählt wird, ist diese Zahl nur wenig aussagekräftig.

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Weihbischof Ulrich Boom ist in Deutschland für das Heilige Jahr verantwortlich. Im Interview zieht er Bilanz - und spricht über Obergrenzen und Hassbotschaften.

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Ist das Heilige Jahr also gefloppt? Rom alleine ist dafür kein Indikator. Dafür hat Papst Franziskus selbst gesorgt. Denn erstmals in der mehr als 700 Jahre alten Geschichte des Jubeljahres bestimmte der Pontifex, dass es auch außerhalb der italienischen Hauptstadt Heilige Pforten geben soll – in jeder Diözese weltweit. Auch wenn alle Wege nach Rom führen, war es für die Gläubigen also leichter, sich seinen Jubiläumsablass direkt vor der eigenen Haustür abzuholen.

In Deutschland war auch das allerdings nur von mäßigem Erfolg gekrönt – zumindest, wenn man auf die nackten Zahlen blickt. In Altötting etwa, einem von Deutschlands meistbesuchten Wallfahrtsorten, ist sowohl die Zahl der angemeldeten Pilgergruppen (rund 1.200) als auch die der Beichten (rund 40.000), die in einem Heiligen Jahr für das Erlangen eines Ablasses nötig sind, nahezu gleich geblieben. Da jedoch 80 Prozent der Pilger allein oder als Kleingruppen ohne Anmeldung kämen, könne man keine genauen Zahlen nennen, sagt Wallfahrtsrektor Günther Mandl. "In den Marienmonaten Mai und Oktober waren es aber wohl ein paar Pilger mehr als sonst."

Ich bin kein Mensch, der alles in Zahlen bemessen muss.

Weihbischof Ulrich Boom

Ähnliche Ergebnisse liefern stichprobenartige Umfragen bei den Kathedralkirchen, Pfarreien oder auch Klöster mit Heiligen Pforte. Im Osnabrücker oder Erfurter Dom stiegen die Beichtzahlen ebenso wenig wie im sächsischen Benediktinerkloster Wechselburg. Doch es gibt auch Ausnahmen: Dort, wo die Volkskirche noch nicht in den letzten Atemzügen liegt, zum Beispiel in den Diözesen Regensburg oder Augsburg, berichten die Pressesprecher von gestiegenen Beichtzahlen und gut besuchten Heiligen Pforten.

Allerdings, um zum Ausgangspunkt zurückzukehren, ist das Heilige Jahr kein Musikfestival. Und vielleicht geht es deshalb mehr um Qualität statt um Quantität, um den Einzelnen und was Barmherzigkeit für ihn bedeutet. Auch der Würzburger Weihbischof Ulrich Boom, der in Deutschland für das Heilige Jahr verantwortlich ist, sieht das so. "Ich bin kein Mensch, der alles in Zahlen bemessen muss", sagt er. Und: "Ich meine, Gott gefällt das Zählen nicht so." Ob es hier Gottes erhobenen Zeigefinger zur Rechtfertigung braucht, sei einmal dahingestellt. Aber eines ist klar: Fernab der Pilgerströme gab es während der vergangenen knapp zwölf Monate jede Menge kleine und große Zeichen der Barmherzigkeit.

Die erste eröffnete Pforte war nicht prunkvoll

Ein großes etwa folgte gleich zu Beginn des Jahres. Nicht die prunkvolle Pforte im Herzen der katholischen Welt, die des Petersdoms in Rom, war die erste, durch die die Pilger hindurchschreiten konnten. Stattdessen ging der Papst wieder einmal "an die Ränder". Bei seinem Besuch in Zentralafrika öffnete er das schlichte Tor der Kathedrale von Bangui in Zentralafrika und machte die Stadt so nach eigenen Worten zur "spirituelle Hauptstadt der Welt".

Jede Tür einer Gefängniszelle sollte es in diesem Heiligen Jahr ermöglichen, sich von den Sündenstrafen reinzuwaschen. Hier die "Heilige Pforte" in der JVA Nürnberg.
 Julia Haase

Franziskus ging aber noch einen Schritt weiter: Nicht nur die Kathedralen überall auf der Welt erhielten eine Heilige Pforten, sondern auch die Caritas-Mensa im römischen Hauptbahnhof Termini. Und selbst jede Tür einer Gefängniszelle sollte es ermöglichen, sich von den Sündenstrafen reinzuwaschen. Ungeachtet dessen, wie oft dieses Angebot wahrgenommen wurde, ist das ein starkes Zeichen. Erst vor wenigen Tagen erinnerte der Papst noch einmal daran. Mit Blick auf die Häftlinge sagte er, dass Christen alles tun müssten, "um ihnen ihre Würde wiederzugeben". Das gleiche gilt für die Obdachlosen. Tausende von ihnen pilgerten am vergangenen Wochenende auf dessen Einladung nach Rom.

Zurück nach Deutschland: Auch hier glaubt der Altöttinger Wallfahrtsdirektor Mandl, dass das Jahr trotz allem "reiche Früchte getragen hat". Spirituelle Früchte etwa, in dem die Pilger die Gottesmutter Maria unter dem Wallfahrtsmotto "Mutter der Barmherzigkeit" besser kennenlernen konnten. Aber auch ganz praktische Früchte der gelebten Barmherzigkeit. "Wir haben zahlreiche Aktionen für Asylbewerber gestartet und uns um Unterkünfte für sie gekümmert", sagt Mandl. In Kevelaer, ebenfalls berühmter Wallfahrtsort, sieht man das ähnlich. Auch hier gab es keinen großen Anstieg bei den Pilgerzahlen, aber ein bewusstes Auseinandersetzen mit dem Thema Barmherzigkeit. "Das war in einem Jahr mit so vielen Problemen, mit Terror und Naturkatastrophen besonders wichtig", sagt Wallfahrtsdirektor Rolf Lohmann.

Ein Gewinn für die gelebte Barmherzigkeit

Die Liste ließe sich beliebig weiterführen: Das Gasthaus in Recklinghausen, in dem Obdachlose eine warme Mahlzeit erhalten, erhielt eine Heilige Pforte – ganz nach dem Vorbild des Papstes. In der vorösterlichen Bußzeit gab es unter dem Motto "24 Stunden für den Herrn" besondere Gebetszeiten, Gottesdienste, Anbetung und Musik in den verschiedenen Diözesen. Hinzu kamen diverse Workshops und Themenabende zu den Werken der Barmherzigkeit in den einzelnen Pfarreien.

Was bleibt nun also vom Heiligen Jahr? Die Heilige Pforte, die Beichte und der damit zusammenhängende Ablass waren nur schwer bis gar nicht vermittelbar – und deshalb auch wenig gefragt. Für die gelebte Barmherzigkeit war es dagegen ein Gewinn. Gefangene, Obdachlose und Flüchtlinge standen – vor allem auch durch den Papst – im Fokus des Jahres. Bleibt zu hoffen, dass sich das mit dem Verschließen der Heiligen Pforten nicht ändert. Bei Franziskus ist das unwahrscheinlich. Aber jeder einzelne Gläubige ist gefragt.

Von Björn Odendahl

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Das Heilige Jahr der Barmherzigkeit ist beendet. Papst Franziskus schloss am Sonntag die Heilige Pforte und feierte auf dem Petersplatz eine Messe, bei der er die Menschen zu mehr Nächstenliebe aufforderte. Ein Papstschreiben an die ganze Kirche soll tags drauf veröffentlicht werden.

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