Missbrauchskommission beklagt Versagen von Müttern

Die Unabhängige Missbrauchskommission hat ihren ersten Zwischenbericht vorgelegt. Darin klagt sie vor allem über ein Versagen vieler Mütter. Aber auch deutliche Kritik an der Bundespolitik wird laut.

Missbrauch | Berlin - 14.06.2017

Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung von Kindesmissbrauch hat am Mittwoch in Berlin einen ersten Zwischenbericht vorgelegt. Danach haben sich in den vergangenen Monaten rund 1.000 Betroffene bei dem Gremium gemeldet. 200 Menschen konnten die Mitglieder bereits anhören. Die Vorsitzende der Kommission, Sabine Andresen, sprach mit Blick auf die Einrichtung des Gremiums von einer wichtigen Entscheidung der Politik. Dieser Schritt zeige, dass die Gesellschaft bereit sei, Verantwortung zu übernehmen, so Andresen.

Die Kommission nahm ihre Arbeit vor einem Jahr auf. Sie untersucht sexuellen Kindesmissbrauch in der Bundesrepublik und in der DDR und hört sich dazu Schilderungen von Betroffenen an. Aus dem nun vorgestellten Zwischenbericht geht hervor, dass sich Mütter bei sexuellem Missbrauch in Familien zu selten schützend vor ihre Kinder gestellt haben. Gegenüber der Kommission berichteten demnach Erwachsene, wie sie als Kinder oft keine oder erst spät Hilfe erfuhren. Denn Familienangehörige reagierten trotz ihres Wissens um die Übergriffe nicht. Insbesondere Mütter hätten Missbrauch als Mitwissende geduldet und ihn dadurch unterstützt, heißt es in der Studie. Täterinnen waren sie dagegen selten.

Betroffene berichten von erschütternden Schicksalen

"Der Bericht gibt einen tiefen Einblick in das Versagen von Müttern", sagte Johannes-Wilhelm Rörig, Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, der Deutschen Presse-Agentur. "Es gab Fälle, in denen Kinder ihre Mütter gefragt haben: 'Weißt du überhaupt, was der Papa mit mir macht?'. Und die Mütter haben dann ihre Töchter als Hure oder Schlampe beschimpft." Die Sammlung der Einzelschicksale sei erschütternd, ergänzte er. Die Untersuchung zeige aber auch, wie wenig Mütter sich bei finanziellen und emotionalen Abhängigkeiten vom Partner zu helfen wüssten.

Linktipp: Lob für die Präventionsarbeit der Kirche

Der Missbrauchsbeauftragte der Regierung sieht die kirchliche Präventionsarbeit auf einem guten Weg. Doch noch immer täten sich manche Einrichtungen schwer damit. Er nennt ein Beispiel aus Süddeutschland. (Artikel von Mai 2017)

Zum Artikel

Manche Betroffene hätten zum ersten Mal über ihre Erlebnisse gesprochen, sagte Rörig weiter. Er sei sehr froh, dass es die Kommission trotz des Widerstands der großen Koalition gebe. Rörig warf der Regierung mangelndes Engagement bei der Bekämpfung von sexuellem Kindesmissbrauch vor. Nach Bekanntwerden der ersten großen Missbrauchsskandale sei die Aufmerksamkeit groß gewesen. Doch das habe sich mittlerweile geändert. Politik und Gesellschaft seien in den vergangenen Jahren abgestumpft. "Viele verdrängen die Missbrauchsopfer, sie schauen wieder weg", so Rörig.

Mit Blick auf die Aufarbeitung kritisierte er Bundessozialministerin Andrea Nahles (SPD). Sie habe es versäumt, die Reform des Opferentschädigungsgesetzes auf den Weg zu bringen. "Das ist eine Riesenenttäuschung für die Betroffenen", sagte er. Das Verfahren, das Betroffenen derzeit zugemutet werde, sei dem Rechtsstaat nicht würdig. Eine Reform des Gesetzes steht seit längerer Zeit aus. Nach dem derzeit geltenden Opferentschädigungsgesetz erhalten viele Betroffene von Missbrauch nach seinen Worten oftmals nicht die Hilfe - etwa durch Therapien -, die sie benötigen. Ein vom Bund und einigen Bundesländern aufgelegter Hilfsfonds, der eigentlich als Übergangslösung geplant war, wurde deswegen schon verlängert.

Kommission fordert mehr Geld

Bereits am Wochenende hatte die Kommissions-Vorsitzende Andresen beklagt, dass ihr Gremium über zu wenig Geld verfüge und deshalb keine Anmeldungen für vertrauliche Anhörungen von Betroffenen mehr entgegennehmen könne. Die Kommission wird bis 2019 – zum Ende der Amtszeit des Missbrauchsbeauftragten Johannes-Wilhelm Rörig – mit rund 1,4 Millionen Euro pro Jahr finanziert. Aus dem Familienministerium kommen etwa 1,2 Millionen Euro. 200.000 Euro gibt das Bundesjustizministerium. (kim/dpa/KNA)

RSS-Feeds  |  Impressum  |  Über uns  |  Datenschutz  |  © 2017