Nesthocker mit klaren Visionen

Dass Josef Schuster einmal Präsident des Zentralrats der Juden werden könnte, hat er nicht geplant. "Ehrlich gesagt war das Präsidentenamt anzustreben, nicht meine Lebensplanung", sagt der 60-Jährige. Er bedauert es sehr, dass Dieter Graumann nach vier Jahren im Amt nicht wieder angetreten ist. "Ich wäre sehr gern weiter Vizepräsident unter Graumann geblieben", sagt Schuster.

Zentralrat der Juden | Würzburg - 30.11.2014

Dass Josef Schuster einmal Präsident des Zentralrats der Juden werden könnte, hat er nicht geplant. "Ehrlich gesagt war das Präsidentenamt anzustreben, nicht meine Lebensplanung", sagt der 60-Jährige. Er bedauert es sehr, dass Dieter Graumann nach vier Jahren im Amt nicht wieder angetreten ist. "Ich wäre sehr gern weiter Vizepräsident unter Graumann geblieben", sagt Schuster.

Die beiden verbindet viel. Sie sind etwa im gleichen Alter und gehören zu der ersten Generation, die den Massenmord an den europäischen Juden im Zweiten Weltkrieg nicht mehr selbst erlebt hat. Sie haben außerdem die gleichen Visionen für den Zentralrat und ähnliche Gedanken zur Situation der jüdischen Gemeinden in Deutschland. Ziel: Offenheit und Pluralismus des Judentums zu stärken. "Es ist mir wichtig, die Arbeit, die Herr Graumann so erfolgreich begonnen hat, fortzusetzen", sagt Schuster deshalb auch.

Schuster lobt seinen Vorgänger ausdrücklich für den personellen Umbau des Zentralrats - vor allem professioneller sei er dadurch geworden. Zudem habe er mit der Bundesregierung einen neuen Staatsvertrag ausgehandelt und so die finanziellen Hilfen verdoppeln können. Zudem habe er stark daran gearbeitet, das öffentliche Bild vom Judentum von den Themen Trauer und Gedenken an den Holocaust zu lösen und zu zeigen, dass Judentum auch zukunftsgewandt und fröhlich sein könne.

Ein Mann mit Kippa gedenkt in der Synagoge in Mainz (Rheinland-Pfalz) dem 75. Jahrestag der Pogromnacht.
 picture alliance/dpa/Fredrik von Erichsen

Wurzeln der Familie liegen in Deutschland

Josef Schuster wurde 1954 im israelischen Haifa geboren. Seine Eltern zogen aber nur wenig später wieder zurück nach Würzburg. Die Wurzeln der Familie liegen hier. Seit Jahrhunderten lebt sie schon in Unterfranken. Sein Vater überlebte mehrere Konzentrationslager und baute in den 1970er-Jahren in Würzburg eine Synagoge auf. Und obwohl Schusters Eltern ihre Religion traditionell gelebt haben, war schon seine Kindheit von Offenheit bestimmt: "Meine Eltern waren sicherlich religiöser, als ich es bin, sie hatten aber als Hausrabbiner den zum damaligen Zeitpunkt einzigen liberalen Rabbiner in Deutschland. Ich bin ich auch von Haus aus eigentlich sehr offen geprägt."

Schuster ist seit fast 32 Jahren verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Und er ist Würzburger im Herzen. Kindergarten, Schule, Medizinstudium, Arzt-Ausbildung zum Internisten - alle wichtigen Schritte im Leben geht er in Unterfranken. Und das wird auch so bleiben, sagt er. Eine Zeitung beschrieb ihn mal als Nesthocker, "das fand ich ganz amüsant und auch irgendwie passend".

Seine Praxis im Herzen der Residenzstadt werde er deshalb unverändert weiterführen. "Beim Präsidentenamt handelt es sich um ein Ehrenamt. Es ist also notwendig, dass man einen Hauptberuf ausübt, denn irgendwo müssen die Brötchen her kommen", erklärt er ganz pragmatisch. Nebenbei engagiert er sich zudem als Arzt bei der Wasserwacht und im Rettungsdienst.

Seit 2010 Vizepräsident des Zentralrats

Dass sich mit dem Vorrücken an die Spitze des Zentralrats der deutschen Juden dennoch einiges in seinem Alltag verändern wird, ist ihm bewusst. "Ich denke, ich werde gerade auf bayerischer Ebene versuchen, noch mehr zu delegieren", sagt Schuster, der Präsident des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern und Vorsitzender der Kultusgemeinde in Würzburg und Unterfranken ist.

Schuster gilt als ruhiger Denker. "Josef Schuster ist ein sehr bedächtiger Mann, der seine Schritte immer abwägt", sagt der deutsch-jüdische Historiker Michael Wolffsohn. "Die jüdische Gemeinschaft war, ist und bleibt pluralistisch. Das ist ihre Faszination. Josef Schuster ist ausgewogen, bedächtig und offen genug, um die unterschiedlichen Strömungen zu einem vernünftigen Dialog zusammen zu führen, der die Kontinuität des jüdischen Lebens garantiert."

Das wissen auch liberale Juden zu schätzen. "Wir erwarten von Dr. Schuster Kontinuität, da er zusammen mit seinem Vorgänger Dr. Graumann aktiv den Prozess der Öffnung des Zentralrats gegenüber dem liberalen Judentum betrieben hatte", sagt Jan Mühlstein, Vorstandsvorsitzender der Liberalen Jüdischen Gemeinde Beth Shalom in München.

Von Christiane Gläser (dpa)

Kardinal Marx gratuliert zur Wahl

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, gratulierte Schuster und wünschte dem neuen Präsidium Kraft, Mut und Gottes Segen. In seinem Glückwunschbrief schreibt Marx, die jüdische Gemeinschaft habe in Schuster "einen Präsidenten, der sich schon seit vielen Jahren für ein in der Tradition verwurzeltes und gleichzeitig den Herausforderungen der Gegenwart zugewandtes Judentum einsetzt." Dazu gehöre auch sein Engagement für die christlich-jüdischen Beziehungen. Er freue sich darauf, diese Beziehungen in den kommenden Jahren fortzuentwickeln, so Marx. Der Münchner Kardinal kündigte an, die Bischöfe würden auch weiterhin "gegen jede Form von Antijudaismus und Antisemitismus öffentlich eintreten". Ausdrücklich dankte Kardinal Marx auch dem bisherigen Zentralratsvorsitzenden Graumann. Dieser habe sich große Verdienste um die jüdische Gemeinschaft und "um unsere ganze Gesellschaft" erworben. "Für uns war er ein offener und verlässlicher Gesprächspartner, dem erkennbar an einem guten Verhältnis zur katholischen Kirche gelegen war", so der Vorsitzende der Bischofskonferenz. (KNA)

Jüdisches Leben in Deutschland

Jüdisches Leben auf dem Gebiet der Bundesrepublik gibt es seit mehr als 1.700 Jahren. Vor der nationalsozialistischen Machtergreifung lebten 1933 auf dem Gebiet des Deutschen Reiches rund 570.000 Juden. In der Folge des Holocaust wurden 180.000 von ihnen ermordet, sehr viele flohen. 1950 gab es nur noch etwa 15.000 Juden in Deutschland. Eine Zukunft jüdischen Lebens im Land der Täter schien unwahrscheinlich und war innerjüdisch umstritten. Derzeit beziffert der Zentralrat der Juden die Zahl der Mitglieder in den 108 zum Zentralrat gehörenden jüdischen Gemeinden auf 101.300. Der größte Teil davon kam in den vergangenen Jahren aus Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Spitzenorganisation sowie politischer Sprecher ist der 1950 gegründete Zentralrat der Juden in Deutschland. Er gibt die Wochenzeitung "Jüdische Allgemeine" heraus, trägt die Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg und unterstützt die "Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland". Die größten Gemeinden sind in Berlin, München, Frankfurt am Main und Düsseldorf. Die meisten jüdischen Gemeinden nennen sich "Einheitsgemeinden", die verschiedene Strömungen unter einem Dach vereinen wollen, aber eher orthodox geprägt sind. Inzwischen gründete sich in manchen Städten zusätzlich eine liberal ausgerichtete Gemeinde. Zur neuen Vielfalt gehören auch Gruppen, die für eine säkulare jüdische Kultur eintreten. In mehreren deutschen Städten gibt es mittlerweile jüdische Museen, neben Berlin etwa in Frankfurt am Main, Köln, und München. Jüdische Einrichtungen stehen unter ständigem Polizeischutz. Antisemitische Ausschreitungen und Übergriffe, Bedrohungen und Beschimpfungen haben in diesem Jahr insbesondere im Zusammenhang mit dem Gaza-Konflikt zugenommen. Große Besorgnis in den Gemeinden gibt es auch wegen des islamistischen Terrorismus. (KNA)

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