Puppen getauft und Tische beerdigt

Die Kirchen werden leerer, Berufungen zum geweihten Leben fehlen. Was bewegt einen jungen Menschen dazu, Priester werden zu wollen? Katholisch.de hat einen Priesteramtskandidaten begleitet.

Glaube | Eichstätt - 03.05.2017

Zwei Kirchen, sieben Kapellen, fünf Dörfer: Das ist die Pfarrei Reichertshofen im Bistum Eichstätt. 2018 wird hier ein Neupriester seine Primiz feiern. Der Weiheantrag für seine bevorstehende Diakonenweihe im Juni liegt auf seinem Schreibtisch: Simon Heindl ist 26 und will Priester werden. Ein tatsächliches Berufungserlebnis hatte er nie. "Mein persönlicher Weg hat sich so entwickelt, dass es für mich am Ende meiner Schulzeit einfach klar war", erzählt er. Bis zum Abitur war er Ministrant. Zwei Priesterweihen im Dom zu Eichstätt hat er als Jugendlicher aus der ersten Reihe miterlebt, bei den anschließenden Primizen ministiert. Die beiden Geweihten, zwei Brüder, kommen aus demselben Dorf wie er. Man kennt sich.

Und auch im vergangenen Jahr wurde ein junger Mann aus seiner Heimatpfarrei zum Priester geweiht. Vier Priester aus derselben Pfarrei innerhalb von 15 Jahren – was ist hier so besonders? Simon Heindl kann es nicht sagen. Man sei hier einfach "gut katholisch" aufgewachsen und sozialisiert. Einen Pfarrbrief gibt es nicht, in den Dorfnachrichten nehmen die kirchlichen Aktivitäten per se mehrere Seiten ein: Kolping, Pfarr- und Gemeindebüchereien, Aktivitäten der Ministranten, Gottesdienstordnungen. Alles ist katholisch. Eine evangelische Kirche oder Kapelle gibt es nicht. In der Kindheit und Jugend von Simon Heindl seien fast alle in seinem Alter in der Kirche aktiv gewesen. Mit dem Priester von damals steht er noch heute in gutem Kontakt. Er habe viel zu seiner Entscheidung beigetragen.

In der Pfarrkirche St. Elisabeth der Pfarrei Reichertshofen hat Simon Heindl jahrelang ministiert.
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In den letzten Jahren seiner Schulzeit lernte Simon Heindl zudem junge Kapläne aus der nahe gelegenen Stadt Neumarkt kennen und verspürt den Wunsch, das Gleiche zu machen. Sein Umfeld reagierte damals nicht überrascht: "Es gab ja auch kein 'Outing' in dem Sinne. Wer mich kennt, der weiß, wie viel mir die Kirche am Herzen liegt." 2010 geht er ins Priesterseminar nach Eichstätt.

Glauben, leben, lernen

Am Anfang der Ausbildung steht das Propädeutikum. Ein Jahr lang war Simon Heindl gemeinsam mit 17 anderen Kandidaten der bayerischen Kirchenprovinzen und der fünf ostdeutschen Bistümern im Bamberger Priesterseminar. Nicht alle sind bei der Entscheidung geblieben, Priester werden zu wollen: Weniger als die Hälfte von ihnen empfängt dieses Jahr die Diakonenweihe. Das Propädeutikum versteht sich als Glaubens-, Lebens- und Sprachenschule. Die Kandidaten lernen dort, den eigenen Glauben zu vertiefen, in der Praxis caritativ tätig zu sein und zwei alte Sprachen (Latein, Altgriechisch oder Hebräisch) für das spätere Studium.

Zehn Semester Theologiestudium an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt schließen sich an diesen Vorkurs an. Währenddessen leben die Kandidaten unterschiedlicher Jahrgänge gemeinsam im Seminar. So sollen sie zusammen in das geistliche Leben hineinwachsen: Gemeinsames Stundengebet, tägliche Messfeiern, Unterricht mit dem Spiritual, Gespräche. Insgesamt acht Jahre dauert die Ausbildung bis zur Weihe. Eine lange Zeit. Zu lang findet sie Simon Heindl nicht: "Ärzte studieren ja auch so lange. Ein Kardiologe arbeitet später am offenen Herzen und muss dementsprechend ausgebildet sein. Wir arbeiten auch am Herzen, nur anders."

Das Jahrgang 2010/2011 der Propädeutiker im Priesterseminar Bamberg.
 Priesterseminar Bamberg

Propädeutikum und Studium: Sechs Jahre seiner Ausbildung hatte Simon Heindl im vergangenen Jahr hinter sich. Vor acht Monaten begann er den letzten Abschnitt, das zweijährige Pastoralpraktikum in einer Pfarrei. Wirkliche Seelsorge kann er nicht am Schreibtisch lernen: "Etwa, wie ich es schaffe, um 9 Uhr einem sterbenden Menschen die Krankenkommunion zu spenden und eine halbe Stunde später ein Ehevorbereitungsgespräch mit einem jungen Paar zu haben", erzählt Simon Heindl. Während der Praktikumszeit lebt er gemeinsam mit dem Ortspfarrer und dem Kaplan im Pfarrhaus neben der Kirche in der mittelfränkischen Kleinstadt Roth 30 Kilometer von seiner Heimat entfernt.

Alltag, Gebet, Seelsorge

Im Erdgeschoss befindet sich der öffentliche Bereich: Pfarrbüros und Besprechungszimmer. Die Holzstufen hoch, an einem Buntglasfenster vorbei geht es in die Priesterwohnung. Rechts ist die Gebetsecke. Ein Kreuz, zwei Kerzen, zwei Stühle, eine Kniebank. Hier beginnen die drei Männer den Tag mit der Laudes. "Unser Regens im Seminar hat immer gesagt, dass die Zeit vor 8 Uhr Gott gehört. Das muss sie auch, den Rest des Tages habe ich meistens keinen so langen Zeitraum frei", erzählt Simon Heindl. Danach frühstücken die drei Männer in der Gemeinschaftsküche, bevor der tatsächliche Arbeitstag beginnt.

In der Sakristei der Pfarrei Roth hängt dieser Hinweis. Rechts hinten ist das Ankleidegebet auf Latein.
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Wenn das Pfarrbüro unbesetzt ist, landen die Anrufe auf dem Handy des Priesteramtskandidaten. Zu jeder Zeit. Dass Priester sein kein "9-to-5-Job" ist, hat er schnell gemerkt. Genauso wie die Tatsache, auch privat als Geistlicher wahrgenommen zu werden. "Im Supermarkt habe ich einen meiner Schüler getroffen, der sofort lautstark seiner Mutter erzählt hat, dass ich sein Religionslehrer bin. Da überlegt man sich dann, ob man noch einen Kasten Bier kauft…", erzählt er lachend. Seine Praktikumspfarrei ist protestantisch geprägt. Da sei er, der neue Pastoralpraktikant, unter den Katholiken schnell bekannt geworden. Und umgekehrt.

Nach kurzer Zeit ist ihm aufgefallen, dass es innerhalb der Pfarrei nahezu niemanden in seinem Alter gibt. Die Ministranten und die Pfarrjugend sind zwar sehr aktiv, aber älter als 20 ist dort niemand. Der Priesteramtskandidat sah sich das Taufregister genauer an: "Das hat mich dann erschreckt. Es sind so viele junge Menschen aus der Kirche ausgetreten. Sie sind so alt sind wie ich oder sogar jünger." Eine Tatsache, die der angehende Priester nicht so einfach hinnehmen will. Er ist sich sicher, dass bestimmte Angebote die Menschen wieder zur Kirche bringen. Ein Beispiel dafür ist die Jesuszeit in der Pfarrei. Zur Anbetung und Meditation kommen die Menschen sogar aus weiter entlegenen Orten. Eine Idee seines Vorgängers. Denn Pastoralpraktikanten auszubilden hat in der Pfarrei Tradition.

Beim Pastoralkurs in Speyer haben die angehenden Priester taufen geübt - mit einer Puppe.
 Simon Heindl/privat

Zukunft: Erst Diakon, dann Priester

Nach der Diakonenweihe können die Praktikanten in der Pfarrei auch anders eingesetzt werden. Ihnen ist dann erlaubt, einzelne Sakramente und Sakramentalien zu spenden: Taufen, Ehefeiern, Beerdigungen. Auch das muss geübt werden. Anfang des Jahres war Simon Heindl deshalb mit sechs Mitseminaristen beim Pastoralkurs in Speyer. Es wurde untereinander geheiratet, Puppen getauft, gepredigt, Tische beerdigt. Mit einigen lustigen Erlebnissen: "Bei meiner ersten Taufübung habe ich der Puppe das Wasser direkt in die Augen geschüttet." Spätestens nach der Diakonenweihe im Juni sollte das nicht mehr passieren.

Dann sei für ihn auch eine neue Garderobe fällig. Seinen Talar für die Gottesdienste hat er während seines Auslandssemesters in Wien gebraucht gekauft. Der muss spätestens zur Weihe ersetzt werden. Und auch der Rest des Kleiderschranks wird ausgebaut. "Da werde ich wohl eine Großbestellung an Kollarhemden aufgeben", erklärt er. Er will als Geistlicher erkennbar sein.

Durch die Ausbildung fühlt Simon Heindl sich auf den Priesterberuf gut vorbereitet. Auch auf den Zölibat. "Es ist einfach eine Lebensform, für die ich mich entscheide. Das sehe ich nicht als Einschränkung, sondern als Charisma", erklärt er. Eine mögliche Abschaffung sei für die Priesteramtskandidaten deshalb kein großes Thema. Viel wichtiger sei es für Simon Heindl, seinen persönlichen Glauben den Menschen weiterzugeben.

Von Julia Martin

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Ulrich Schmidt kommt aus derselben Pfarrei wie Simon Heindl. 2016 wurde er im Bistum Eichtsättt zum Priester geweiht.
 Marie-Bernadette Hügel

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