Sarah kritisiert "kranke Liturgie" - katholisch.de

Sarah kritisiert "kranke Liturgie"

Kardinal Robert Sarah, Präfekt der vatikanischen Gottesdienstkongregation, kritisierte eine Schwäche moderner Priester: den Lärm. Um Gott wahrhaft zu begegnen, sieht er dagegen einen anderen Weg.

Liturgie | Bonn - 05.10.2016

Kardinal Robert Sarah, Präfekt der vatikanischen Gottesdienstkongregation, hat die gegenwärtig praktizierte Liturgie als krank bezeichnet. Das auffälligste Merkmal dieser Krankheit sei die Allgegenwart des Mikrophons, sagte er in einem Interview mit der französischen katholischen Monatszeitschrift La Nef.

"Das Zweite Vatikanische Konzil betont, dass Stille das beste Mittel ist, um die Teilhabe des Volkes Gottes an der Liturgie zu fördern", erklärte der als konservativ geltende Kardinal. 2014 hatte Papst Franziskus ihn in die Kongregation berufen. Zuvor war er Päpstlicher Sonderbotschafter im Nahen Osten und Präsident des Päpstlichen Rates "Cor unum" gewesen, der unter anderem Hilfsaktionen des Heiligen Stuhls in Katastrophengebieten organisiert. Papst Benedikt XVI. hatte Sarah 2010 als Kardinaldiakon ins Kardinalskollegium aufgenommen.

"Eingang in das göttliche Mysterium"

Laut dem Kardinal hätten die Konzilsväter zeigen wollen, was wahre liturgische Teilhabe ist: Eingang in das göttliche Mysterium. Doch unter der Ausrede, den Zugang zu Gott zu erleichtern, wollten heute einige, dass alles in der Liturgie unmittelbar verständlich, rational, horizontal und menschlich sei. "Aber wenn wir so handeln, riskieren wir, das göttliche Mysterium auf gute Gefühle zu reduzieren", warnte er.

Bei der Messfeier "ad orientem", bei der Gemeinde und Priester gemeinsam Richtung Osten gewandt sind, bestehe laut Sarah dagegen "eine geringere Versuchung für den Zelebranten, selbst die Messe zu dominieren". Wir seien weniger versucht, uns selbst als Schauspieler zu sehen, zitierte er Papst Franziskus. "Es geht nicht darum, mit dem Rücken zu den Menschen zu feiern oder sie anzusehen, sondern darum, zum Osten gewandt zu sein, ad Dominum, zum Herrn", so der Kardinal. Sarah tritt regelmäßig für die Messfeier "ad orientem" ein, zuletzt hatte er sich im Mai ähnlich gegenüber dem französischen Wochenmagazin "Famille chrétienne" geäußert.

Der Kardinal sieht zudem die Gefahr, dass Christen leicht zu Götzendienern würden. "Als Gefangene des Kraches von endlosem Gerede sind wir nicht weit davon entfernt, einen Kult nach unseren eigenen Maßstäben, einen Gott nach unserem Bild zu schaffen", so Sarah. Oft würden Christen aus der lauten, oberflächlichen Liturgie herauskommen, ohne Gott und den inneren Frieden gefunden zu haben, den dieser gebe. "Ich denke, wir sind Opfer des oberflächlichen, egoistischen und weltlichen Geistes, der in unserer medienorientierten Gesellschaft verbreitet ist", bemängelte der Kardinal. Er wolle deshalb mit seinem neuen Buch "La force du silence" (deutsch: "Die Kraft der Stille") "Christen und Menschen guten Willens einladen, in die Stille zu gehen; ohne sie sind wir in einer Illusion". Gott warte auf unsere Stille, um sich selbst zu offenbaren.

"Gott ist Stille und der Teufel ist Lärm"

"Gott ist Stille und der Teufel ist Lärm", führte Sarah aus. Denn trotz seiner fröhlichen Erscheinung sei "Lärm ein Wirbelsturm, der einen davon abhält, sich selbst ins Gesicht zu sehen und die eigene Leere zu erkennen. Er ist eine teuflische Lüge." Der Teufel setze bei Liturgie und Katechese an, um "den Glauben der Christen zu nehmen und die Kirche so zu packen, dass sie zerbricht, ausgelöscht und endgültig  zerstört wird". Stille dagegen sei der Pfad, der es dem Menschen ermögliche, zu Gott zu finden, führte der Kardinal aus. Priester der Moderne hätten der Stille zwar den Krieg erklärt, doch sie hätten diesen Kampf schon verloren. Denn es sei möglich, inmitten des Lärms die Stille zu wahren.

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Sarah bemängelte, dass in der heutigen Gesellschaft ein stiller Mensch "einer zu viel" sei. "Dies ist der tiefe Grund, weshalb der moderne Mensch stille Geschöpfe verachtet und hasst und weshalb er abscheuliche Verbrechen gegen ungeborene Kinder, Kranke oder Menschen am Ende ihres Lebens begeht", kritisierte der Kardinal. Diese stillen Geschöpfe seien aber die wahren Propheten der Stille.

"Stille offenbart das Mitleiden Gottes und die Tatsache, dass er an unserem Leid Anteil nimmt", so Sarah weiter. Christi Sieg über den Tod und die Sünde werde in der großen Stille am Kreuz vollzogen. "Gott zeigt seine Allmacht in dieser Stille, die keine Barbarei jemals antasten kann." Bei seinen Reisen in Krisenregionen habe der Kardinal beobachtet, dass stilles Gebet der letzte Schatz derer sei, denen sonst nichts geblieben ist. "Lasst uns im Leiden in der Festung des Gebets verharren", forderte er deshalb auf.

Sarah: Stille ist Ort der Begegnung mit Gott

Als Beispiel führte Sarah Erzbischof Raymond-Marie Tchidimbo, seinen Vorgänger auf dem Bischofssitz von Conakry in Guinea, an. Von den Marxisten verfolgt habe dieser neun Jahre isoliert im Gefängnis gesessen. "Die von den Beamten auferlegte Stille wurde zum Ort der Begegnung mit Gott", so der Kardinal. Gottes erste Sprache sei Stille. Alles andere sei dagegen nur eine armselige Übersetzung. "Um diese Sprache zu verstehen, müssen wir lernen, still zu sein und in Gott zu ruhen." (jml)

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