Seelsorger statt Manager

In der Kirche tut sich was. Nicht nur Papst Franziskus bringt frischen Wind hinein. Auch in den Bistümern findet mancherorts ein leiser Wandel statt. Angebote werden überdacht, verkrustete Strukturen infrage gestellt, neue pastorale und organisatorische Konzepte ausprobiert. Das Erzbistum Köln etwa hat im vergangenen Herbst das Modellprojekt "3 x 3 Experimente" gestartet:

Seelsorge | Bonn - 11.07.2013

In der Kirche tut sich was. Nicht nur Papst Franziskus bringt frischen Wind hinein. Auch in den Bistümern findet mancherorts ein leiser Wandel statt. Angebote werden überdacht, verkrustete Strukturen infrage gestellt, neue pastorale und organisatorische Konzepte ausprobiert. Das Erzbistum Köln etwa hat im vergangenen Herbst das Modellprojekt "3 x 3 Experimente" gestartet:

drei pastorale Projektideen, die in jeweils drei Seelsorgebereichen ausgestaltet und erprobt werden. Darin sollen wichtige Erfahrungen für eine zukunftsfähige Gestalt der Kirche gewonnen werden. Ein Ziel: wieder mehr Raum für die eigentliche Seelsorge haben.

Einer von drei Projektpartnern ist der Bonner Pfarrer Bernd Kemmerling. Vor lauter notwendiger Verwaltungsarbeit blieb ihm zuletzt immer weniger Zeit für die Seelsorge. Er ist für drei Gemeinden, vier katholische Kindergärten und insgesamt 7.300 Katholiken zuständig. Das umfasst neben Messen, Beicht- und Taufgesprächen auch die regelmäßige Vorbereitung von Sitzungen dreier Kirchenvorstände und Pfarrgemeinderäte. Auch um Baugenehmigungen für mehrere Bauvorhaben in seinem Zuständigkeitsbereich muss er sich kümmern. Gar nicht zu reden von Finanzfragen und Personalpolitik - schließlich ist er Vorgesetzter von über 50 kirchlichen Mitarbeitern. "Es ist schon viel Gedöns", bringt Kemmerling es rheinisch auf den Punkt.

Im Pastorenalltag ist er zuletzt mit seinem überfüllten Terminkalender kaum noch zu dem gekommen, was dem engagierten Seelsorger wichtig ist: "geistliche Räume zu schaffen, damit Menschen zu den Quellen ihres Lebens kommen können" - etwa durch das Angebot von Exerzitien im Alltag. Genau das soll nun, im Rahmen des Modellprojekts, wieder möglich sein: Ab August wird Kemmerling eine Verwaltungsleiterin mit einer 75-Prozent-Stelle zur Seite gestellt, die ihm den Rücken freihalten soll.

Der Bonner Pfarrer Bernd Kemmerling in seinem Pfarrbüro.
 KNA

Um nicht gleich wieder in ein neues Hamsterrad zu geraten, wird der Priester selbst durch eine Gemeinde- und Pastoralreferentin geistlich begleitet. Ohnehin will Kemmerling die neu gewonnene Zeit nutzen, zunächst "selbst wieder zu der Quelle zu finden", die entstandenen Freiräume "genießen und verkosten - und nicht direkt wieder alles verplanen". Aus der Ruhe möchte er anstehende Aufgaben anders angehen: "präsenter, geistlicher, mit einer anderen Intensität".

Seelsorge trotz weniger Personal

Weiter in dem Prozess ist da schon Pfarrer Johannes Quirl aus der Kölner Großgemeinde St. Severin, in der fünf Gemeinden zusammengelegt worden sind. Nachdem ihm zuvor ein Mitglied des Kirchenvorstands bei Verwaltungsarbeiten zur Seite stand, wird der Pfarrer seit neun Monaten von einer Pfarrverwalterin mit halber Stelle unterstützt. Ein Anfang, findet Quirl, doch er hofft auf eine Aufstockung auf 100 Prozent. Denn ohne eine solche Unterstützung seien die vielen seelsorgefremden Aufgaben "auf Dauer nicht zu stemmen".

Quirl ist seit 20 Jahren in seiner Gemeinde tätig. Damals arbeiteten dort doppelt so viele Seelsorger; heute unterstützen ihn nur noch ein 70-jähriger Priesterkollege und eine Gemeindereferentin. Die Seelsorge müsse dennoch weitergehen - "ich kann ja nicht einfach sagen, die Beerdigung, Taufe, Hochzeit oder der Kommunionunterricht finden nicht mehr statt". Inzwischen ächzten nicht nur die Hauptamtlichen, sondern auch ehrenamtlich engagierte Gemeindemitglieder unter der Aufgabenlast, beobachtet Quirl. Immerhin verspürt er durch die Unterstützung in der Verwaltungsarbeit eine kleine Erleichterung: "Ich arbeite nicht mehr 150-, nur noch 120-prozentig", meint der Seelsorger augenzwinkernd. Die Entlastung sei "sofort spürbar", freut sich Alfred Lohmann, Hauptabteilungsleiter im Fachbereich Pastoral des Kölner Erzbistums.

Mit den Verwaltungsleitern nimmt das Projekt bundesweit eine Vorreiterrolle ein

Schließlich obliegt den neu eingesetzten Verwaltungsleitern ein umfassendes Aufgabenfeld, inklusive Personalverantwortung. In dieser Form nimmt das Kölner Modellprojekt bundesweit eine Vorreiterrolle ein. Einen ähnlichen Ansatz habe es bislang nur im Bistum Aachen gegeben, allerdings mit deutlich weniger Befugnissen der Verwaltungskraft, berichtet Lohmann. Erst durch die Professionalisierung durch einen Verwaltungsleiter werde ein Pastor wirklich entlastet, findet Lohmann.

Auch wenn das Projekt noch in der Erprobungsphase steckt und zunächst auf drei Jahre begrenzt ist - unter den Pfarrern des Erzbistums hat es sich schon herumgesprochen. Inzwischen hätten 15 weitere Seelsorger einen Verwaltungsleiter beantragt - "sie empfinden das als einen sehr sinnvollen Schritt". Einen Wermutstropfen hat das Projekt:

Nach Ablauf der drei Jahre ist noch ungewiss, ob und wie weiterhin Verwaltungsleiter zum Einsatz kommen sollen. "Es wäre sehr wünschenswert", formuliert es Lohmann diplomatisch. Er hofft, dass Wege gefunden werden, die Seelsorger auch weiterhin von Verwaltungsarbeiten zu entlasten. Denn die Anfrage an die Seelsorge wächst, Priester seien immer mehr gefragt. Da sollten sie sich nicht auch noch mit fachfremden Verwaltungsangelegenheiten herumschlagen müssen.

Von Angelika Prauß (KNA)

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