Selbst Ratzinger hatte Zweifel

Für einen "Weltkatechismus" sollte die gesamte Lehre der katholischen Kirche in einem Buch komprimiert werden. Vom damaligen Papst dazu beauftragt wurde Kardinal Joseph Ratzinger. Doch der hatte Zweifel.

Geschichte | Vatikanstadt - 11.10.2017

Joseph Ratzinger war ein treuer Diener seines Papstes, daran konnte kein Zweifel bestehen. Doch 1986 brachte eine Dienstanweisung von Johannes Paul II. offenbar selbst den obersten Glaubenshüter nach dem Papst in Gewissensnöte: "Ich war erschrocken über diesen Auftrag. Ich muss gestehen, ich zweifelte, ob so etwas gelingen könne", gab der inzwischen zum Papst gewählte Ratzinger 2011 offen zu. Der Auftrag, der dem damaligen Präfekten der Glaubenskongregation derart zu schaffen machte, erschien ihm als Quadratur des Kreises: "Dieses Buch sollte den altmodischen Titel Katechismus der Katholischen Kirche tragen, aber durchaus etwas Aufregendes und Neues sein", so Benedikt XVI.

Aber Ratzingers anfängliche Zweifel verflogen. Vor 25 Jahren, am 11. Oktober 1992, war das Werk vollbracht: Nach fünfjährigen Arbeiten veröffentlichte der Vatikan den Katechismus der Katholischen Kirche: die Glaubenslehre in 2.865 nummerierten Absätzen auf 717 Seiten (deutsche Ausgabe).

Das war ein gewaltiges und gewagtes Projekt: Die gesamte verbindliche Lehre der Kirche in den vergangenen 2.000 Jahren für eine Milliarde Katholiken auf Romanlänge komprimiert. Und das bei nur wenigen brauchbaren Vorarbeiten. Der letzte Katechismus für die gesamte Kirche war vor mehr als 400 Jahren erschienen. 1566 veröffentlichte Pius V. den "Catechismus Romanus" auf Beschluss des Trienter Konzils. Das Werk war als Handreichung an die oft schlechtgebildeten Priester gedacht. So wollten die Bischöfe der Ausbreitung des Protestantismus Einhalt gebieten. Zumindest eingeschränkt zu Rate ziehen konnte die Kommission auch das "Kompendium der christlichen Lehre", das Pius X. 1906 für das Bistum Rom herausgegeben hatte.

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Manchem ist Papst Pius X. durch seinen Katechismus bekannt. Auch in der Debatte um die traditionalistischen Piusbrüder taucht sein Name auf. Dabei war er keineswegs nur ein Antimodernist, sondern auch ein innerkirchlicher Reformer.

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Ein Katechismus erschien in den 1980er Jahre nicht jedem als Gebot der Stunde. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil mit seiner Öffnung für die Moderne galt er als Auslaufmodell. Das Wort klang nach Indoktrination, Drill und Einbläuen. Eine Zusammenfassung des Glaubens in Merksätzen hielt die Religionspädagogik für überholt.

Doch eins war klar: wenn es einen Mann gab, der dieses Mammutprojekt stemmen konnte, dann Joseph Ratzinger, der theologisch gebildetste Chef, den die Glaubenskongregation und ihr Vorläufer, das Heilige Offizium, im 20. Jahrhundert gehabt haben. Ganz allein konnte allerdings auch ein Ratzinger den Katechismus nicht schreiben. So berief Johannes Paul II. den Präfekten der Glaubenskongregation an die Spitze einer Kommission aus elf weiteren Kardinälen und Bischöfen. Unterstützt wurde das Gremium von einem Redaktionskomitee aus sieben Ortsbischöfen und weiteren Theologen. Zur zentralen Figur neben Ratzinger wurde der Redaktionssekretär, Christoph Schönborn, heute Kardinal und Erzbischof von Wien, damals Dogmatik-Professor im schweizerischen Freiburg.

Wozu sind wir auf Erden?

Die gesamte Weltkirche wurde beteiligt: 1989 erhielten rund 5.000 Bischöfe eine vorläufige Textfassung. Aus den 938 Antworten ergaben sich insgesamt 24.000 Anregungen für den Text. Bereits die Idee selbst stammte nicht von Johannes Paul II., sondern von den Bischöfen der Weltkirche. Die Außerordentliche Weltbischofssynode von 1985 hatte sich für ein solches Kompendium des katholischen Glaubens ausgesprochen. Johannes Paul II. machte sich den Vorschlag zu Eigen.

Der Katechismus verbinde Altes mit Neuem, schrieb Johannes Paul II. in seinem Begleitschreiben zum Katechismus 1992. In seinem Aufbau folgt das Werk seinem Vorgänger von 1566 mit den vier Abschnitten Glaubensbekenntnis, Liturgie und Sakramente, christliches Handeln und Gebet. Vom traditionellen Frage-und Antwort-Schema hat sich der Katechismus jedoch größtenteils verabschiedet. Auch die Sprache ist um Allgemeinverständlichkeit bemüht und weniger formelhaft, auch wenn sie bisweilen sperrig wirkt. Fragen und Antworten wie "Wozu sind wir auf Erden" mit der berühmten bis in die Nachkriegszeit hinein gängigen Antwort "Wir sind auf Erden, um Gott zu dienen und einst in den Himmel zu kommen", finden sich in dem Werk von 1992 nicht mehr.  Auf ausführlichere Begründungen oder Bibelzitate verzichtet der Katechismus ebenso wie sein Vorgänger.

Papst Johannes Paul im Papamobil mit Kardinal Joseph Ratzinger
Papst Johannes Paul II. und Kardinal Joseph Ratzinger prägte eine ähnliche theologische Grundhaltung. 1981 machte der Papst ihn zum Präfekten der Glaubenskongregation.
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Allen Zweifeln und Vorbehalten zum Trotz: Der Katechismus wurde ein Bestseller, auch wenn es keine genauen Zahlen über die inzwischen erreichte weltweite Auflage gibt. Allein in den ersten zehn Jahren wurden acht Millionen Exemplare in 50 Sprachen verkauft. In Frankreich stand der Katechismus länger als ein halbes Jahr auf der Bestseller-Liste. Inzwischen sind mehrere Dutzend weitere Übersetzungen dazugekommen. Und das, obwohl der Katechismus sich gar nicht in erster Linie an die einfachen Katholiken richtet, sondern an die Bischöfe. Der Katechismus wolle und könne regionale oder nationale Katechismen nicht ersetzen, erklärte Johannes Paul II. Er wolle vielmehr zur Abfassung neuer örtlicher Katechismen "ermuntern" und hierfür eine sichere Norm für die Lehre des Glaubens sein.

Der Katechismus erschien zunächst nicht auf Latein

Kurioserweise erschien der Katechismus zuerst auf Französisch und nicht etwa auf Latein oder Italienisch. Grund dafür war, wie Kardinal Schönborn im katholisch.de-Interview erklärte, dass Französisch die einzige Sprache war, die alle Beteiligten beherrschten. Das Katechismus-Französisch ist offenbar so gut, dass der damalige EU-Kommissionspräsident Jaques Delors Schönborn sagte: "Wenn der Vertrag von Maastricht nur in einem so gutem Französisch geschrieben worden wäre wie der Katechismus der Katholischen Kirche."

Das änderte jedoch nichts daran, dass die verbindliche Ausgabe des Katechismus die Lateinische ist. Die erschien allerdings erst fünf Jahre später, 1997, und war in einigen Punkten überarbeitet worden, die nach dem Erscheinen der französischen Ausgabe 1992 Kritik hervorgerufen hatten. Dazu zählten etwa die Aussagen zur Todesstrafe. Kritiker beanstandeten, dass der Katechismus von 1992 die Todesstrafe nicht gänzlich ausschließe oder zumindest ihre Zulässigkeit nicht genug einschränke. Der Schutz des Gemeinwohls erfordere es, dass ein Angreifer außerstande gesetzt werde zu schaden, hieß es in der alten Fassung. "Aus diesem Grund hat die überlieferte Lehre der Kirche die Rechtmäßigkeit des Rechtes und der Pflicht der gesetzmäßigen öffentlichen Gewalt anerkannt, der Schwere des Verbrechens angemessene Strafen zu verhängen, ohne in schwerwiegendsten Fällen die Todesstrafe auszuschließen." Johannes Paul II. wollte nach Aussage Schönborns schon damals eine entschiedenere Formulierung.

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Ein Glaubensbuch für die ganze katholische Welt? Für Kritiker war das nicht vorstellbar. Vor 25 Jahren erschien der Katechismus dennoch. Kardinal Christoph Schönborn, der bei der Entwicklung dabei war, hat mit katholisch.de gesprochen - über die Kriterien und die größte theologische Herausforderung. (Artikel von Oktober 2017)

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Der Katechismus von 1997 greift die Kritik auf und ergänzt einschränkend, sie werde nicht ausgeschlossen, "wenn dies der einzig gangbare Weg wäre, um das Leben von Menschen wirksam gegen einen ungerechten Angreifer zu verteidigen". Außerdem muss sichergestellt sein, dass die Tat auch wirklich dem Verurteilten zugeschrieben werden kann. Damit aber gibt es praktisch keinen Fall mehr, in dem die Todesstrafe aus kirchlicher Sicht erlaubt wäre. Die nötigen Voraussetzungen treffen nur noch auf Notwehrsituationen zu.

Bis heute Stein des Anstoßes ist auch die Lehre vom gerechten Krieg, die der Katechismus vertritt. Demnach kann ein Krieg in bestimmten Fällen gerechtfertigt sein. Pax Christi fordert schon seit langem eine Abkehr von dieser Position, die auf den heiligen Augustinus zurückgeht. Im September sagte nun auch Papst Franziskus, die Lehre vom gerechten Krieg müsse überdacht werden.

Der Nachfrage nach dem Katechismus hat das keinen Abbruch getan, ebenso wenig wie die Einwände von fachtheologischer Seite, die den wissenschaftlichen Tiefgang vermissten. Warum das so ist, erklärte der seinerzeitige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Lehmann, so: "Viele Menschen suchen in der Orientierungslosigkeit unserer Zeit einen verlässlichen Halt. Sie sind oft auch ratlos vor den vielen Stimmen in der Theologie und sehen den Welt vor lauter Bäumen nicht mehr." Der einstige Theologie-Professor schloss seine Vorstellung der deutschen Ausgabe mit der Aufforderung, die Theologie sollte, "selbstkritisch nachdenken, warum der KKK [Anm.d. Red. Katechismus der Katholischen Kirche] von so vielen Menschen verlangt wird".

Ratzinger selbst prophezeite 10 Jahre nach dem Erscheinen des Katechismus 2002: "Die Aktualität des Katechismus ist die Aktualität der neu gesagten und neu gedachten Wahrheit. Diese Aktualität wird das Murren seiner Kritiker um ein Vielfaches überleben."

Von Thomas Jansen

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