Soll man, oder soll man nicht?

Immer wieder tauchen Berichte über Flüchtlinge auf, die in deutschen Unterkünften wegen ihrer Religion drangsaliert werden. Eine getrennte Unterbringung könnte aus therapeutischer Sicht hilfreich sein. Es gibt aber auch Gegenargumente.

Flüchtlinge | Bonn - 29.09.2015

Beleidigungen, Drohungen, Handgreiflichkeiten: Immer wieder tauchen Berichte über Flüchtlinge auf, wonach diese in ihren deutschen Unterkünften von anderen Asylbewerbern wegen ihrer Religion drangsaliert werden. Erst am Wochenende schrieb die "Welt am Sonntag" über zwei Christen aus dem Iran. Einer der Männer gab an, in seinem Asylbewerberheim in Brandenburg nicht offen sagen zu können, er sei Christ.

"Dann werde ich bedroht." Der andere Mann lebt dem Bericht zufolge mittlerweile in einem Berliner Kirchenasyl. "Als Christ bin ich im Asylbewerberheim nicht sicher", sagt er.

Nun werden Forderungen lauter, bei der Unterbringung von Flüchtlingen darauf zu achten, dass sich Angehörige bestimmter Nationalitäten - und eben auch Religionen - nicht zu sehr in die Quere kommen. Experten weisen darauf hin, dass die Schutzsuchenden eigene Konflikte mitbringen. Nicht nur zwischen Muslimen und Christen, sondern auch zwischen Schiiten und Sunniten oder zwischen verfeindeten Nationalitäten. Ob aber eine getrennte Unterbringung sinnvoll ist, wird kontrovers diskutiert.

Nicht die Religionszugehörigkeit sei entscheidend, sondern dass so viele Menschen auf engem Raum zusammenleben, sagt Caritas-Präsident Peter Neher.
 dpa

Dafür ist etwa der Vizechef der Gewerkschaft der Polizei, Jörg Radek. "Wir müssen alles tun, um weitere Gewaltausbrüche zu verhindern, eine getrennte Unterbringung auch nach den Religionen halte ich für absolut sinnvoll", sagte er der "Welt" (Montag). "Das kann hilfreich sein", sagte auch der Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer, Dietrich Munz, der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Bonn. Einerseits, weil manche Flüchtlinge gerade wegen ihrer Religion vertrieben worden seien. Andererseits, weil eine ungestörte Ausübung von Religion stabilisierend wirken könne.

Manche sehen für Beleidigungen und Schlägereien ganz andere Ursachen. "Konflikte in Flüchtlingsunterkünften entstehen nicht in erster Linie durch die jeweilige Religionszugehörigkeit, sondern vielmehr dadurch, dass sehr viele Menschen auf engem Raum untergebracht sind", sagte Caritas-Präsident Peter Neher der KNA.

Flüchtlinge in kleineren Unterkünften wohnen lassen

Ähnlich äußerte sich die innenpolitische Sprecherin der Linksfraktion, Ulla Jelpke. "Wenn Tausende Menschen in einer nur für einige hundert Bewohner ausgelegten Unterkunft leben müssen, wird es immer zu Aggressionen kommen, selbst wenn alle Bewohner demselben Kulturkreis angehören." Neher und Jelpke forderten, Flüchtlinge nicht in Massen-, sondern in kleineren Unterkünften wohnen zu lassen.

Schlagzeilen machte im August ein Fall im thüringischen Suhl: In der Erstaufnahmestelle war es zu Krawallen mit Verletzten gekommen, nachdem ein Bewohner Seiten aus dem Koran gerissen haben soll. Enge und fehlende Privatsphäre erzeugten Stress, erklärte Munz. Aggressivität könne so gesteigert werden. Munz rät, beispielsweise Familien mit Trennwänden abzuschirmen. "Große Hallen sind ein Problem." Auch er plädiert für die Unterbringung von Flüchtlingen in kleineren Unterkünften. "Das ist die allerbeste Lösung."

Flüchtlinge am Münchener Hauptbahnhof
Gefahren für Frauen und Kinder würden in Asylunterkünften nicht genügend berücksichtigt, sagt die Ordensschwester und Frauenrechtlerin Lea Ackermann.
 KNA

Der Geschäftsführer der Malteser, Patrick Hofmacher, sagte der KNA, dass sich in den rund 30 betriebenen Betreuungseinrichtungen bundesweit seit Jahren die Praxis einer nach Nationalitäten und Kulturen, aber eher nicht religiös motivierten getrennten Unterbringung bewährt habe. Doch weil gerade so viele Flüchtlinge nach Deutschland kämen, sei das nicht immer möglich. Ein Sprecher des Bundesjustizministeriums erklärte am Montag, dass die Unterbringung generell von den Landesgesetzen abhänge.

Kaum Rückzugsmöglichkeiten für Frauen

Doch Auseinandersetzungen oder Schlimmeres gibt es nicht nur in Religionsfragen: Helfer wie die Ordensschwester und Frauenrechtlerin Lea Ackermann kritisieren, dass Gefahren für Frauen und Kinder in Sammelunterkünften zu wenig berücksichtigt würden. Das bestätigt eine Studie des Deutschen Instituts für Menschenrechte vom August: In überfüllten Heimen gebe es kaum Rückzugsmöglichkeiten für Frauen, oftmals fehlten abschließbare Duschen und ausreichende Beleuchtung.

Auch die Deutsche Polizeigewerkschaft fordert einen besseren Schutz für Frauen in den Unterkünften. "Wir können das Ausmaß der Übergriffe auf Frauen nur erahnen. Gewaltausbrüche sind an der Tagesordnung" sagte der Bundesvorsitzende Rainer Wendt am Montag bei MDR Info.

Auf der Flucht

Ob Naturkatastrophen, Armut oder Terror: Täglich verlassen Menschen ihre Heimat, um anderswo ein neues, ein besseres Leben zu beginnen. Die Flüchtlinge kommen auch nach Deutschland. Das bedeutet eine große Herausforderung für Politik, Gesellschaft und Kirche.

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Von Leticia Witte (KNA)

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