Stärkende Stille

Es muss nicht immer der Jakobsweg sein. Auch in Deutschland können Sinnsucher sich wandernd auf den Weg machen. Die Mönche im Benediktinerkloster Meschede im Sauerland bieten seit vielen Jahren immer im Sommer Wandereinkehrtage an.

Seelsorge | Meschede - 04.08.2015

Es geht ja schon damit los, rein äußerlich fürs Wandern richtig vorbereitet zu sein: Festes Schuhwerk, möglichst schon eingelatscht, atmungsaktive Kleidung, geschlechterübergreifend in den Tarnfarben Grau, Grün oder Beige erhältlich, sowie eine flippige Kopfbedeckung gegen Sonne und Regen. Wahlweise gehören noch Nordic-Walking-Stöcke dazu, deren Nutzen nicht ganz unumstritten ist.

Aber wie man sich innerlich auf Wander-Exerzitien vorbereitet? Pater Maurus und Bruder Anno aus der Abtei Königsmünster im sauerländischen Meschede, die das seit 2003 organisieren, würden wohl der Plattitüde zustimmen: Der Weg ist das Ziel.

Einen weiten Weg haben einige der 22 Teilnehmer schon zurückgelegt, um überhaupt an dieser Wanderwoche teilzunehmen, die immer in den NRW-Sommerferien startet. Aus Saarbrücken, Bremen und München kommen die 50- bis 85-Jährigen - etwa die Hälfte ist seit vielen Jahren dabei, die andere zum ersten Mal. "Wandereinkehrtage" nennt Pater Maurus diese Woche offiziell, weil "Exerzitien" zu streng, zu fromm und vielleicht auch ein bisschen abschreckend klingt. Sechs Tage Wandern, Schweigen, Beten und im "Haus der Stille" übernachten.

Niemals leise oder langweilig

Aber leise oder langweilig wird es nie. Freitagfrüh, 9.15 Uhr, Abmarsch. Erstes Ziel: den Bus kriegen, um auf der anderen Seite des Hennesees zu starten. Nur für den Fall, dass die Teilnehmer den Bus verpassen, weist einer darauf hin: "Die Kneipe gegenüber macht um zehn Uhr auf!"

Es klappt: Alle sitzen in Zweierreihen, die Lauten in der hintersten Bank, Bruder Anno kauft Gruppentickets - Klassenfahrtatmosphäre. Es geht durch die 16.000 Einwohner-Kreisstadt, quer über die Ruhr, durch die sanierte City, vorbei an der spanischen Treppe von Meschede, wie Pater Maurus erklärt. Es geht ja auch immer darum, etwas Neues kennenzulernen - um Begegnung, Austausch, aber auch um Runterkommen und Besinnen. Und was ist das Ziel der Tour? Pater Maurus sagt: "Jeder hat ein anderes." Er legt zwar jedes Jahr ein Wochenthema fest, so wie dieses Mal "Die Gaben des Heiligen Geistes". "Aber im Prinzip", sagt er, "ist hier jeder mit seinen eigenen Themen unterwegs."

Pater Maurus aus der Abtei Königsmünster ist einer der Organisatoren der Wander-Exerzitien.
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Manche sind sehr kirchlich, manche eher spirituell, nicht einmal alle sind katholisch - aber sie alle seien Menschen auf der Suche. "Wann gehen wir denn nach Mäcces, Susanne?", ruft einer nach zehn Minuten Fußmarsch. Ist natürlich nur ein Spaß, weil Susanne diese Wanderwoche jedes Jahr von ihren beiden Söhnen geschenkt bekommt, damit die endlich mal ungestört dem Fastfood frönen können. Erzählt man sich in der Gruppe. Am Anfang der Tour darf man nämlich noch erzählen.

So wie die drei älteren Herren ganz hinten, die betonen, "Wir sind nicht die langsamsten! Wir haben die Aufgabe, von hier den Überblick zu wahren!" Als es durch die weiten Wiesen und Felder geht, bemerkt der eine: "In vier Tagen hab ich hier erst drei andere Menschen gesehen!" "Ja", sagt der nächste, "ich dachte, das sei hier ein beliebter Wanderweg!" und der dritte löst auf: "Das ist hier eben exklusiv."

Wandern im meditativen Takt

Die kleine Kapelle mit Blick in den Kuhstall gegenüber ist es mit Sicherheit. Hier gibt Pater Maurus einen geistlichen Impuls, sie beten um den Geist der Stärke. "Wenn wir unsere Schwächen annehmen, entfaltet sich Gottes Kraft." Von da an soll sich jeder auf sich konzentrieren, jetzt geht es schweigend weiter. Ein ziemlicher Kontrast, aber still ist es längst nicht: Der Bachlauf rauscht, die Vögel zwitschern, die Bienen summen, der Wald wird laut. Die Schritte im Schotterboden, das Klackern der Stöcke und der eigene Atem wirken wie ein meditativer Takt.

Und das ist das Schöne, sagt eine Teilnehmerin, "es gibt Momente voller Spaß und solche voller Ernst." Vollkommen okay, wenn die ersten mittags nach zehn Kilometern und der Eucharistiefeier mit dem Bus zurück zum Kloster wollen. Es sind meist eher die jüngeren, ungeübten Wanderer, die Gruppenältesten ziehen weiter. 15 Kilometer bis zum Abend? Kinderspiel! So zieht ein Teil der Gruppe weiter, manche mit ihren Walking-Stöcken. Egal, ob sie wirklich was bringen. Wenn es steil bergab geht, ist es immer gut, ein bisschen Halt zu haben.

Von Julia Rathcke (KNA)

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