Tag 4: Jeder weiß, was Familie ist?

Abtpräses Jeremias Schröder sitzt bei der Familiensynode in einer englischen Sprachgruppe. Dort spürt er den positiven Einfluss der mitdiskutierenden Ehepaare und Nichtkatholiken - und der "angelsächsischen Selbstironie".

Synodenblog | Vatikanstadt - 08.10.2015

Seit anderthalb Tagen arbeitet die Synode in Sprachgruppen. Es sind 13, eingeteilt vom Synodensekretariat. Meine Sprachgruppe heißt "Englisch C" und bringt mich zusammen mit Bischöfen aus den USA, Australien, Neuseeland, Myanmar, Irland, Nigeria, den Philippinen und so fort, fast eine Synode im Kleinen.

Wir sitzen an zusammengenagelten Holztischen, eng - Ellbogen an Ellbogen mit den Nachbarn. Der Debattierstil ist unterschiedlich: Angelsachsen und Nigerianer - und deutsche Benediktiner - ergreifen das Wort recht freimütig, andere sind bedächtiger und müssen von Zeit zu Zeit ausdrücklich eingeladen werden.

Hervorragend wirken sich in unserer Gruppe die ökumenischen Gäste ("brüderliche Delegierte" in der Synodensprache) und die "Zuhörer" aus. So kommen nun endlich auch die Frauen zu Wort – und zwar intensiv. Das Synodenreglement sieht vor, dass der Moderator entscheiden kann, ob er Wortmeldungen der Gäste "wahrnimmt", aber in unserer Gruppe wird mit großem Anstand allen in gleicher Weise das Wort erteilt, dem mächtigen amerikanischen Kardinal ebenso wie dem philippinischen Ehepaar. Die Nicht-Bischöfe ergreifen gerne das Wort und bringen Blickweisen ein, die unsere klerikale Binnenwelt aufbrechen.

Einer weist uns darauf hin, dass im Instrumentum Laboris immer von "der Familie" die Rede ist, was sehr ideal klingt, aber auch abstrakt und entrückt. Und tatsächlich, wenn man den Text einmal probeweise mit "die Familien" oder sogar "unsere Familien" liest, dann ändert sich der Ton sofort. Es wird nicht mehr doziert, und man beginnt zu ahnen, dass dieser Text mit einer wirklichen Welt zu tun hat.

Das Synodenblog

Abtpräses Jeremias Schröder OSB von St. Ottilien nimmt an der Familiensynode im Vatikan teil. Für katholisch.de berichtet er regelmäßig direkt aus der Synodenaula.

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Die vielen Blickweisen bieten einen echten Erkenntnisgewinn. Das Instrumentum Laboris spricht von der staatlichen Wohlfahrt, deren Defizite die Familie kompensieren kann. Jemand, der im postkommunistischen Totalitarismus lebt, wirft ein, dass der Staat oft schon zu viel tut, und nicht immer Gutes. Katholisch wäre es, dass zuerst die Familie kommt, und der Staat gegebenenfalls ergänzt – "subsidiär" im Jargon der Theologen -, was die Familie nicht schafft. Da sind ohne große Debatte alle einverstanden.

"Jeder weiß, was Familie ist!" sagt ein Mitglied der Gruppe. Als wir drüber reden, zerfließt diese Gewissheit in Windeseile. Ein Synodale erzählt von seiner konkreten Familie: die verwitwete Mutter, den Sohn im priesterlichen Zölibat, die Schwester als alleinerziehende Mutter. Das ist aber auch Familie, und auch denen soll die Synode etwas zu sagen haben.

Faszinierend ist, wie schnell sich in unserer Sprachgruppe die von manchen vermutete oder unterstellte Lagerbildung auflöst. Bei den großen Fragen werden wir sehr nachdenklich, verzweifeln manchmal fast an der gewaltigen Aufgabe, die noch vor uns liegt. Aber die Argumente fliegen hin und her, und oft genug kommt statt längst Bekanntem eher Überraschendes. Was in "Englisch C" hilft, ist die angelsächsische Selbstironie. Sie ist in unserer Gruppe gut vertreten und so bricht immer wieder Heiterkeit aus, die jeglichen Anflug des Pompösen wie eine Seifenblase zerplatzen lässt.

Von Jeremias Schröder OSB

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