Umstrittenes Ende einer SED-Barbarei

Mit demonstrativer Willkür gab SED-Chef Walter Ulbricht 1968 den Befehl zur Sprengung der Leipziger Universitätskirche. 49 Jahre später ist der Nachfolgebau vollendet – doch er ist umstritten.

Architektur | Leipzig - 22.08.2017

Am 30. Mai 1968 um 9.28 Uhr prallten zwei Geräusche in Leipzigs Innenstadt aufeinander: Das Läuten aller Kirchenglocken und die Detonation von zwei Tonnen Dynamit. Letzteres legte auf Geheiß des SED-Regimes die prominente spätgotische Universitätskirche Sankt Pauli gegen alle Widerstände in Schutt und Asche. Tausende Menschen sahen zu. Der Leipziger Schriftsteller Erich Loest (1926-2013) notierte: "Wir wussten: Wir erleben eine Barbarei." Die Sprengung der vom Krieg fast unversehrten evangelischen Paulinerkirche gilt bis heute als ein demonstrativer Akt von DDR-Willkür.

Fast ein halbes Jahrhundert später und nach langen Jahren des Streits und der Bauverzögerungen ist das Paulinum - nunmehr eine Kombination aus Universitätskirche und Aula - nach zwölf Jahren Bauzeit fertiggestellt, acht Jahre später als ursprünglich geplant. Anfang Dezember ist die offizielle Einweihung vorgesehen, doch bereits an diesem Mittwoch findet eine Bauabschlussfeier mit Bundesbildungsministerin Johanna Wanka und Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (beide CDU) statt. Am Donnerstag darf die Öffentlichkeit erstmals die Räumlichkeiten am Augustusplatz von innen besichtigen.

Historische Ausstattung integriert

Die Gesamtkosten für die vom niederländischen Architekten Erick van Egeraat entworfenen Universitätsgebäude Augusteum und Paulinum beziffert Sachsens Finanzministerium auf 117 Millionen Euro. Der Innenausbau des Paulinums schlug dabei mit 13,5 Millionen Euro zu Buche und sorgte für heftige Kontroversen. Wie Universitätskirche und Aula sich einen Raum teilen müssen, war ein Streitpunkt. Und damit verbunden auch die Frage nach der Ausstattung: Ein Teil der historischen Ausstattung wurde schließlich im Neubau integriert, darunter ein gotischer Flügelaltar aus der Zeit um 1490 sowie etliche Grabinschriften, sogenannte Epitaphien.

Der Paulinerverein, der sich kurz nach der Wende gründete und seitdem vehement für den Wiederaufbau stritt, würde gerne auch die barocke Holzschnitz-Kanzel aus dem 18. Jahrhundert wieder in Paulinum sehen. Die Universität indes argumentiert, die Aufstellung im Innenraum des Neubaus sei wegen der Raumtemperatur kritisch. Auch scheint sich die ostdeutsche Uni mit der Bezeichnung "Universitätskirche" etwas schwer zu tun. Lieber spricht man vom "Andachtsraum", der durch eine transparente, aber bewegliche Plastikwand von der Aula getrennt ist.

Linktipp: Wo Studenten beten gehen

Für manche Studenten sind sie vor allem in der Prüfungsphase interessant, wenn die Stoßgebete zum Himmel gehen: die Universitätskirchen. Katholisch.de stellt schon zum Semesterbeginn vier Gotteshäuser vor. (Artikel vom 30.4.2017)

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Unterdessen freut es die Protestanten, dass die Einweihung nun doch noch im Reformationsgedenkjahr stattfindet. War es doch Martin Luther höchstpersönlich, der 1545 die ursprünglich katholische Dominikaner-Kirche zur evangelischen Universitätskirche machte. Gleichwohl blieb die Paulinerkirche stets ein Ort, an dem beide Konfessionen Platz fanden. Nachdem im Zweiten Weltkrieg Leipzigs Propsteikirche Sankt Trinitatis zerstört worden war, fanden die Katholiken dort für ihre Gottesdienste "Asyl" - bis zur Sprengung der Kirche.

Katholische Kirche kommt ins Spiel

Der katholische Propstei-Kantor Kurt Grahl war der Letzte, der unmittelbar vor der Sprengung 1968 in der Paulinerkirche auf der historischen Scheibe-Orgel spielte, auf der schon Johann Sebastian Bach konzertierte. Grahl ließ eine Bach-Toccata erklingen - im Staub und Gebrüll der Dynamitbohrer. Als er schließlich hinausgeworfen wurde, markierte er in der Partitur seinen letzten Ton - mit einem Kreuz.

Als es schließlich um den Wiederaufbau des Gotteshauses ging, kam die katholische Kirche wieder ins Spiel: Der umtriebige damalige Vorsitzende des Paulinervereins und Medizin-Nobelpreisträger, Günter Blobel, war 2002 bei Kardinal Joseph Ratzinger vorstellig geworden. Dieser habe zehn Millionen Euro aus der Schatulle des Vatikan für den originalgetreuen Wiederaufbau in Aussicht gestellt, ließ Blobel, seit 2001 Mitglied in der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften, seinerzeit wissen.

Doch aus dem Deal wurde am Ende wohl doch nichts, ebenso wie aus dem Traum, die Paulinerkirche aus den Ruinen von 1968 originalgetreu wiederauferstehen zu lassen.

Von Karin Wollschläger (KNA)

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