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Vage Öffnung in der Morallehre

Angesichts der Zika-Epidemie könne der Gebrauch von Verhütungsmitteln "in bestimmten Fällen" erlaubt sein, deutete Franziskus kürzlich an. Ein päpstlicher Freifahrtschein zur Verhinderung behinderten Lebens ist das allerdings nicht.

Verhütung | Vatikanstadt - 20.02.2016

Mit Äußerungen zur Empfängnisverhütung hat Papst Franziskus erneut für Schlagzeilen gesorgt, aber auch für Fragezeichen. Angesichts von Gefahren wie der Zika-Epidemie, die derzeit in Lateinamerika grassiert und bei ungeborenen Kindern zu schwersten Behinderungen führen kann, könne der Gebrauch von Verhütungsmitteln im Sinne des geringeren Schadens "in bestimmten Fällen" erlaubt sein, deutete er bei seiner sogenannten fliegenden Pressekonferenz auf der Rückreise von Mexiko am Donnerstag an.

Die Vermeidung einer Schwangerschaft sei dann - anders als Abtreibung - "kein absolutes Übel", so Franziskus im Flugzeug zu Journalisten.

Kein Freifahrtschein

Ein päpstlicher Freifahrtschein zur Verhinderung behinderten Lebens ist das nicht. Vielmehr spielte Franziskus bewusst darauf an, dass Kinder mit der durch Zika verursachten Mikrozephalie, einer Kleinwüchsigkeit des Kopfes, nicht nur schwerbehindert sein, sondern nur eine minimale Lebenserwartung haben können, von den Risiken für die Mutter abgesehen.

Papst Paul VI. war von 1963 bis 1978 Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche.  KNA

Zur Erläuterung seiner Position verwies der Papst im Flugzeug auf einen etwas anders gelagerten Fall aus den 1960er Jahren: Während des Kongo-Kriegs hatte Papst Paul VI. (1963-1978) Ordensfrauen, die damals massenhaft vergewaltigt wurden, die prophylaktische Einnahme der Pille als eine legitime Form der Selbstverteidigung gegen verbrecherische Gewalt gestattet. Dies galt später analog auch im Bosnien-Krieg.

Franziskus' Argumentation wirft Fragen auf - denn die "Kongo-Pille" ist mit der Zika-Abwehr durch Frauen, die schwanger sind oder es werden wollen, nicht in jeder Hinsicht vergleichbar. Schließlich geht es nicht um gewaltsam erzwungenen Sex, sondern eher um Paare, deren Geschlechtsverkehr laut der Pillen-Enzyklia "Humanae vitae" von 1968 prinzipiell offen sein muss für neues Leben. Und es geht um die Bedrohung durch ein Virus.

Eine Sensation?

Deshalb sehen nun manche in den Aussagen von Franziskus eine Sensation. Denn die Parallelen zur jahrzehntelangen Diskussion um das kirchliche Kondomverbot für HIV-Infizierte sind nicht zu übersehen. Zwar kamen aus dem Vatikan auch schon Impulse, betroffenen Paaren eine Verhütung zu erlauben. Auch Vorgänger Papst Benedikt XVI. (2005-2013) dachte in einem 2010 veröffentlichten Interviewbuch darüber nach, die Benutzung von Präservativen könne "im begründeten Einzelfall" zur Vermeidung einer HIV-Ansteckung in Betracht kommen. Lehrmäßig durchsetzen konnten sich solche Überlegungen bislang nicht.

Franziskus blieb in seiner Antwort vage, wie oft bei Fragen zur Ehe- und Sexualmoral. Wieder einmal sprach er nicht als kirchlicher Dogmatiker oder Moraltheologe, sondern als seelsorgender Pragmatiker. Der Mensch, zitiert er immer wieder das Wort Jesu, sei nicht für den Sabbat geschaffen, sondern der Sabbat für den Menschen. Andererseits lobt er die Anti-Verhütungs-Enzyklika "Humanae vitae" auffallend euphorisch und bezeichnete sie wiederholt als prophetisch - freilich nicht im Zusammenhang mit der Kondomfrage und HIV/Aids.

Neuer Spielraum in alter Debatte

Ohne Zweifel hat Franziskus der kirchlichen Debatte nun neuen Spielraum eröffnet. In einem anderen Punkt unterstrich er während der Pressekonferenz die katholische Lehre drastisch: Abtreibung sei ein absolutes Übel und ein Verbrechen. "Es bedeutet, jemanden zu töten, um einen anderen zu retten. Das ist so wie das, was die Mafia tut."

Linktipp: "Es gibt keine therapeutische Abtreibung"

Der honduranische Kardinal Oscar Rodriguez Maradiaga hat Mediziner kritisiert, die Schwangeren im Falle einer Zika-Infektion zur Abtreibung raten. Der Begriff "therapeutische Abtreibung" diene dazu, "einen Mord zu verschleiern".

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Von Christoph Schmidt (KNA)

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