Verreckt die Kirche an ihrer Sprache?

"Jesus lädt dich ein. Ja, er lädt dich ein zum gemeinsamen Mahl." Es sind Predigten wie diese, die den Katholiken und Strategieberater Erik Flügge zur Verzweiflung treiben. Ein Interview.

Kirche | Köln - 23.05.2016

Die Zahl der Kirchgänger sinkt, die der Austritte steigt. Das liege nicht allein an einer zu konservativen oder liberalen Kirche, sagt Strategieberater Erik Flügge - sondern auch an ihrer Sprache. Deshalb schrieb er zuerst einen Brandbrief an alle Theologen. Jetzt ist daraus ein Buch geworden.

Frage: Herr Flügge, der Untertitel Ihres Buches lautet "Die Kirche verreckt an ihrer Sprache". Sind die Aussichten wirklich so schlecht?

Flügge: Wir haben die stetig sinkende Zahl der Kirchgänger und eine steigende Zahl an Austritten. Beides sind deutliche Zeichen dafür, dass die Kirche ein sterbendes System ist. Das lässt sich auch nicht dadurch ändern, dass die Kirche ein bisschen liberaler oder konservativer wird. Es geht nicht nur um Inhalte, sondern auch darum, ob sich Menschen in dem Raum, der Umgebung und der Sprachwelt von Kirche wohl fühlen. Und das ist an vielen Stellen gerade nicht der Fall. Daher der Untertitel.

Frage: Auslöser für Ihr Buch war einer Ihrer Blogeintrage vom April 2015, der Ihnen viel Feedback eingebracht hat. Darin werfen Sie den Theologen "verschrobene, gefühlsduselnde Wortbilder" vor. Wie sehen die aus?

Flügge: Ich erlebe immer wieder zwei Arten, wie pastorale Mitarbeiter sprechen. Bei der ersten werden belanglose Kettensätze aneinander gereiht: "Jesus lädt dich ein. Ja, er lädt dich ein zum gemeinsamen Mahl. Ein Mahl, wie er es mit seinen Jüngern gefeiert hat." Das sind lauter Sätze, die ziemlich viel Text produzieren, um ziemlich wenig auszusagen. Ich glaube aber, dass man heutzutage schnell, präzise und spannend mit den Menschen sprechen kann und sogar muss. Die zweite Art fußt auf emotional überfrachteten Methodiken. Da werden Kraftsteine aneinander geklopft oder Leute aufgefordert, ihre Gefühle auf Zettelchen zu notieren. Ich frage mich dabei: Glaubt man so wenig an die eigene Botschaft, dass man sie hinter Esoterik verstecken muss?

Frage: Das Gleichnis Jesu vom Sauerteig ist so ein Beispiel für die Wortbilder, die Sie in Ihrem Buch kritisieren. Wie soll die Kirche sonst vom Reich Gottes sprechen?

Flügge: Ich kritisiere nicht das Gleichnis an sich. Mir gefällt, dass Jesus dieses Bild benutzt, weil es damals wunderbar funktioniert hat. Was mir aber nicht gefällt, ist, dass es heute noch verwendet wird. Denn die Menschen haben keine Ahnung mehr davon, wie man Sauerteig macht. Ich kann in der Firmkatechese doch einfach sagen: "Das Reich Gottes entfaltet seine Wirkung in jedem Menschen im Lauf der Zeit, auch wenn wir am Anfang nicht damit rechnen." Warum also der Sauerteig?

Mit seiner Firma Squirrel & Nuts plant und gestalte Erik Flügge Kampagnen und berät Spitzenpolitiker.
 Squirrel & Nuts

Frage: Also keine veralteten Bilder mehr?

Flügge: Auch keine neuen. Ich weiß, dass Theologen immer auf der Suche nach scheinbar tollen Bildern sind. Ich halte das aber nicht für klug. Wir leben in einer Zeit, in der das Sprechen in Bildern und Analogien nicht mehr zum gewohnten Sprachgebrauch gehört. Menschen sprechen heute exakt das aus, was sie auch meinen.

Frage: Sie machen sich in Ihrem Buch aber auch über Theologen lustig, die die Sprache und das Verhalten von Jugendlichen nachahmen wollen.

Flügge: Stimmt, denn dabei machen sie sich wirklich zum Affen. Ich habe immer ein Problem damit, wenn Kirche als bemüht entlarvt wird. Dafür gibt es keine Notwendigkeit. Ihre Botschaft ist spannend, reizvoll und erschreckend. Diese Voraussetzung macht den Inhalt sehr gut erzählbar. Deshalb finde ich es seltsam, wenn gestandene Priester oder Pastoralreferenten Basketball prellend durch die Kirche laufen, um cool wirken zu wollen. Da kann ich erstens kritisch fragen: Welcher Jugendliche unterhält sich beim Basketballspielen über Gott? Und zweitens: Warum nehme ich eine fremde Rolle ein? Warum äffe ich andere nach? Ich kann doch mit Gläubigen reden, wie ich es mit Freunden auch tun würde.

Frage: Warum merken Theologen nicht, dass ihre Art zu sprechen manchmal peinlich ist?

Flügge: Weil es ihnen keiner direkt sagt. Es gibt zu wenige Gelegenheiten für Feedback. Ein effizientes Pastoralteam teil sich gut auf. Wenn jemand irgendwo einen geistigen Impuls oder eine Predigt hält, dann sind die anderen nicht da. Und die anderen Zuhörer trauen sich häufig nicht, eine kritische Rückmeldung zu geben. Gelästert wird dann draußen. Hinzu kommt, dass die positiven Vorbilder fehlen. Wenn fast alle Theologen in der gleichen Art und Weise sprechen, dann gibt es kein Korrektiv. Letztlich liegt es aber auch an der stark vorgeprägten Umgebung, in der die Theologen sprechen. Der Priester soll während der Predigt einerseits nahbar und spürbar für die Zuhörer sein. Andererseits ist er durch das Messgewand und die räumlich herausgehobene Position in eine entmenschlichte Rolle hineinversetzt. Für die Predigt finde ich das schwierig.

Frage: Was wäre Ihre Lösung?

Flügge: Im Idealfall würde der Priester bei der Predigt in Zivil auftreten. Weil das aber – Stand heute – nicht möglich ist, sollte er sich zumindest näher an die Gemeinde heranbewegen und eventuell Bänke aus dem hinteren Teil der Kirche entfernen, damit die Leute zusammenrücken müssen.

Zur Person

Erik Flügge ist 30 Jahre alt. Er war jahrelang Ministrant und in der kirchlichen Jugendarbeit aktiv. Nach einigen Semestern Theologie studierte er schließlich Politik und Germanistik. 2012 gründete er die Firma Squirrel & Nuts für politische Strategieberatung. Dort ist er bis heute Geschäftsführer.

Frage: Sie bezeichnen konservative Theologen als die besseren Prediger. Warum?

Flügge: Weil ich es so erlebe. Wer die Überzeugungen der Amtskirche und ihrer Lehre zu 100 Prozent teilt, kann dadurch sehr kraftvoll predigen. Die vorgetragene Position und der eigene Glaube befinden sich im Einklang. Das Problem ist, dass die Zielgruppe solcher Predigten eher klein ist, weil nur noch sehr wenige Menschen so leben wollen. Anders sieht es bei Theologen aus, deren Position an einigen Stellen von der Amtskirche abweicht. Wenn die sich zu markigen Predigten hinreißen lassen, kann man sich fast sicher sein, dass irgendwer sich beim Bischof beschwert. Daher formulieren sie defensiver und flüchten sich in Analogien. Denn man kann jemanden nicht auf etwas festnageln, was man nicht genau versteht.

Frage: Wie lässt sich das Problem beheben?

Flügge: Es braucht mehr Mut zur Kontroverse in der Kirche. Ich glaube, dass die katholische Kirche das auch zulässt. Die Gerüchte über die möglichen Konsequenzen sind viel schlimmer als die Realität.

Frage: Neben der Sprache bemängeln Sie auch die Ästhetik der Kirche. Sie sprechen von bemalten Zettelchen im Kindergottesdienst und Theologen in hässlichen Pullovern. Was meinen Sie damit?

Flügge: Die Kirche war in ihrer Geschichte immer Avantgarde, wenn es um Ästhetik ging. Die größten Maler, Schreiber und Musiker haben sich mit der Kirche beschäftigt. Doch dann wurde die Kunst kritischer und säkularer. Gleichzeitig hat die Kirche im letzten Jahrhundert versucht, vieles zu vereinfachen. Das Neue Geistliche Liedgut ist vielleicht nahbarer als ein Kirchenlied von Bach. Ansonsten kann es da aber nicht mithalten. Es ist simpel und beliebig. Das gilt auch für die Zettelchen. Die entwerten das, was im Gottesdienst eigentlich passiert. Es muss einen sichtbaren Unterschied zwischen Kirche und Kindertagesstätte geben.

Frage: Die hässlichen Pullover der Theologen haben Sie jetzt geschickt umkurvt. Was hat es damit auf sich?

Flügge: Da predigen Leute von der Großartigkeit der Schöpfung und sehen so aus, als würden sie unter der Welt leiden. – Da passt doch was nicht. Ein alter Satz aus der Pädagogik heißt: Eine Rolle nimmt man sich und man bekommt sie gegeben. Bei den Pullis aus den 1980ern ist beides der Fall. Man sieht so aus, als hätte man den Anschluss verloren. Nicht selten stimmt’s. Wenn so viele in der Kirche ausstrahlen, dass sie keine Lust auf das heutige Leben haben, dann kommen auch nur Alte und Außenseiter in die Kirche. Ist das unser Ziel?

Das Buch

"Der Jargon der Betroffenheit: Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt" erscheint am Dienstag, 24. Mai, im Kösel-Verlag und kostet 16,99 Euro.

Frage: Aber passen denn eine solche Oberflächlichkeit und Kirche zusammen?

Flügge: Es ist offensichtlich und logisch, dass Oberflächlichkeit in der Kirche verpönt ist. Aber darum geht es auch nicht. Es ist eher andersherum. Es ist eine egoistische und falsch verstandene Form von Authentizität, wenn ich mich dem Rest der Gesellschaft so gar nicht anpasse. Äußerlichkeiten tragen auch "Innerlichkeiten" nach außen. Und viele Menschen schauen auf die Ästhetik von Kirche und sagen: "Da passe ich nicht hinein." Doch eine Kirche, die für alle offen sein will, sollte auch diejenigen erreichen, die der Welt vollkommen zugewandt sind.

Frage: Sie sprechen in Ihrem Buch von einer "Per-Sie-" und einer "Per-Du-Kirche". Was ist der Unterschied?

Flügge: Fast alle Menschen, die mit Kirche nichts zu tun haben, nehmen sie auf einem sehr formalen Level wahr. Das bezeichne ich als "Per-Sie-Kirche". Sie sehen Bischöfe in vollem Ornat, amtskirchliche Verkündigungen und Kirchenbauten. Das sind sehr bürokratische und alte Oberflächen. Wer wie ich aber eine lange kirchliche Biographie hat, kennt Kirche auch ganz anders. Der sieht lange freundschaftliche Beziehungen und große Nähe, gemeinsame Feste und schöne Urlaube. Der sieht Kirche als die Geschichte von Menschen, die Kraft aus dem Glauben schöpfen. Das ist die "Per-Du-Kirche". Aber diese nahbare Kirche besitzt keine Oberfläche. Ich kann sie von außen nicht erkennen. Es wäre so schlau, wenn die Kirche es schaffen würde, draußen zu erzählen, was sie drinnen wirklich ist.

Frage: Wer sonntags in die Kirche geht, erlebt aber auch nicht immer diese "Per-Du-Kirche"…

Flügge: Das stimmt. Einen Extremfall habe ich bei einem Werktagsgottesdienst in der schwäbischen Provinz erlebt. Ich setzte mich als Fremder in diese kaum gefüllte Kirche. Die Menschen saßen meterweit auseinander und niemand kam auf die Idee, mich anzusprechen oder auch nur anzuschauen. Ich wurde ignoriert. Es war, als wären die Gemeindemitglieder nur Teilnehmer einer Live-Show. Die Verantwortung für das gesamte Geschehen wurde an den Priester delegiert. Das liegt an seiner Stellung, aber auch am gesamten Setting. Die Kirche muss es schaffen, dass sich die Gläubigen noch viel stärker als aktive Gemeindemitglieder begreifen und auch so handeln. Wer Kirche so erleben will, wie sie wirklich ist und sein kann, der sollte zum Einstieg vielleicht erst einmal ein Gemeindefest besuchen. (lacht) Aber die sind leider Gottes meist nur einmal im Jahr.

Von Björn Odendahl

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