Was kümmert sich der Papst um Liturgie?

Bei seinen Reformen hat der Papst die Liturgie lange ausgespart. Das tut er jetzt nicht mehr: Kürzlich ernannte er sorgfältig ausgesuchte neue Mitglieder für die Liturgiekongregation.

Analyse | Mount Vernon - 29.01.2017

Zu Beginn seines Pontifikats meinten viele, Papst Franziskus interessiere sich einfach nicht für Liturgie, oder dass Liturgie einfach nicht "sein Ding" sei. Die Ernennung Kardinal Robert Sarahs zum Präfekten der Liturgiekongregation verstärkte diesen Eindruck noch. Denn Sarah war zuvor nicht als Liturgiker bekannt und hat auch ganz andere Ansichten und Vorlieben als Franziskus.

Im Lauf des vergangenen Jahres haben einige Ereignisse diese Annahme aber konterkariert. Zuerst hat er Kardinal Sarah zurückgepfiffen, nachdem der in einer Rede in London Priester aufforderte, ad orientem zu zelebrieren. Als nächstes ernannte er einige sorgfältig ausgewählte neue Mitglieder für die Liturgiekongregation, die ähnlich wie er zu denken scheinen. Zum dritten richtete er eine Kommission ein, die die problematische Instruktion "Liturgiam authenticam" praktisch zurücknehmen soll. Die Instruktion setzte die Vorgaben fest, nach der in den vergangenen 15 Jahren liturgische Texte übersetzt wurden und führte damit zu einer nicht enden wollenden Reihe von Streit.

Liturgie nicht im Zentrum der Probleme der Kirche

Die Vorstellung, Papst Franziskus interessiere sich nicht für Liturgie, muss meiner Meinung nach zu den Akten gelegt werden. Er interessiert sich. Nur eben nicht so, wie sich viele jemanden vorstellen, für den Liturgie wichtig ist. Was aussieht wie Vernachlässigung, war stattdessen wohl die Position, dass schlicht kein Eingreifen nötig ist. Er wollte Hirte für alle sein und sich nicht in einem ideologischen Kampf um strittige liturgische Fragen positionieren.

Papst Franziskus und Kardinal Robert Sarah bei einer Begegnung im Vatikan. Vor seiner Ernennung zum Präfekten der Liturgiekongregation war Sarah nicht als Liturgiker bekannt. Er habe ganz andere Ansichten und Vorlieben als Franziskus, schreibt Rita Ferrone.
 KNA

Für Franziskus war Liturgie kein Kernpunkt, an dem sich Wohl und Wehe der Analyse der Probleme der Kirche festmachen. Die Reformen des Zweiten Vatikanums wollte er nie neu verhandeln. Sie sind für ihn selbstverständlich eine gesunde Entwicklung – und so wie ein Gesunder nicht Zeit beim Arzt verschwendet, hat er die Liturgie einfach laufen gelassen. Keine Einmischung sollte aber nicht als kein Interesse interpretiert werden.

Was bedeutet es zu sagen, jemand hat Interesse an Liturgie – oder eben nicht? Leider scheint es mir, dass wir "Interesse an Liturgie" zu schnell mit einem ideologischen Ansatz und einer militanten Agenda in Verbindung bringen. Sich für Liturgie interessieren wird übersetzt als "große Pläne haben" und intellektuelle Kritik.

Reform der Reform: Kein Weg in die Zukunft

Aber ist es nicht so, dass viele Priester sich so wie Franziskus für Liturgie interessieren? Ihnen wie ihren Gemeinden ist wichtig, andächtig zu feiern. Sie beachten die Rubriken, aber mit überlegten pastoralen Anpassungen. Sie nutzen die Liturgie für ihr Glaubensleben und ihre Verkündigung. Bei Problemen greifen sie ein, ansonsten lassen sie es laufen. Sie vertrauen darauf, dass die Liturgie das tut, was sie soll. Das ist manchmal die beste Art, sich für Liturgie zu interessieren: Einfach nicht im Weg stehen.

Linktipp: "Austausch zwischen Mensch und Gott"

Am 4. Dezember 1963 wurden beim Zweiten Vatikanischen Konzil die Grundlagen für die Liturgiereform geschaffen. Der Theologe Albert Gerhards spricht im Interview über 50 Jahre Liturgiekonstitution. (Interview aus dem Jahr 2013)

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Seit einem Jahr scheint mir Papst Franziskus aber stärker im liturgischen Bereich einzugreifen. Das kann man kaum anders interpretieren als eine klare Ermessensentscheidung des Papstes: Die "Reform der Reform" und ihr wichtigster Erfolg, die Übersetzungs-Instruktion, sind für ihn kein Weg in die Zukunft. Deshalb hat Franziskus es für nötig gehalten, tätig zu werden und die Richtung zu ändern.

Neben den Laisser-Faire-Ansatz von Franziskus könnte jetzt auch ein deutlich bestimmterer Kurs treten. Seine neuen Berufungen in der Liturgiekongregation ergeben eine interessante und vielfältige Gruppe. Auch die Bischofskonferenzen werden wohl unter Franziskus eine größere Rolle in der Liturgie spielen, so wie es das Zweite Vatikanum vorgesehen hatte. Es wird interessant zu beobachten sein, was sie tun werden – zusammen mit dem Papst.

Von Rita Ferrone (Übersetzung: Felix Neumann)

Die Autorin

Rita Ferrone gehört zu den Autoren des liturgiewissenschaftlichen Blogs PrayTell, dort erschien auch dieser Text zuerst. Die Publizistin veröffentlicht schwerpunktmäßig zu liturgischen Themen, zuletzt das Buch "Liturgy: Sacrosanctum Concilium (Rediscovering Vatican II)", eine Geschichte der Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanums.

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