Was macht eine gute Predigt aus?

Die Aufmerksamkeit lässt nach und die Gedanken schweifen ab: Anzeichen für eine schlechte Predigt. Aber woran liegt es? Pastoraltheologe Philipp Müller erklärt, was eine gute von einer schlechten Predigt unterscheidet.

Homiletik | Bonn - 18.07.2017

Frage: Herr Müller, Hand aufs Herz: Sind Ihnen bei einer Predigt schon mal die Augenlider schwer geworden?

Müller: Das kommt schon mal vor. (lacht) Wenn ich beim Hören innerlich eine Aggression spüre, dann weiß ich, dass da etwas gewaltig schief läuft. Etwa, wenn ich den Eindruck habe, dass ein Prediger inkongruent ist. Oder wenn das Evangelium trivial rüberkommt. Oder wenn nur moralisiert wird. Das sind für mich schlechte Predigten. Ein gutes Zeichen ist jedoch, wenn ich der Predigt gerne folge und nicht denke: Hoffentlich ist sie bald zu Ende.

Frage: Sind Sie der Meinung, schlechte Predigten sind auch ein Grund dafür, dass vielerorts die Kirchenbänke leer sind?

Müller: Das kann in jedem Fall dazu beitragen. Ich glaube, die tiefste Ursache liegt im Entkirchlichungsprozess unserer Gesellschaft. Da spielen Faktoren wie Differenzierung und Individualisierung eine Rolle. Schlechte Predigten sind also niemals alleinige Ursache. Schlecht ist eine Predigt übrigens auch dann, wenn ich den Eindruck habe: Da liest einer eine Predigtvorlage ab, die er etwa aus dem Internet heruntergeladen hat, und verkauft sie als seine eigene. Das passiert nicht selten und die Leute merken das.

Frage: Was macht denn eine gute Predigt im Kern aus?

Müller: Die Predigt soll das Evangelium verkünden, die Frohe Botschaft verständlich machen. Aber so, dass die Hörer auf der Basis des Evangeliums über ihr eigenes Leben nachdenken können. Man muss spüren, dass das Evangelium etwas mit mir und meinem Leben zu tun hat, dass es mir etwas zu sagen hat. Eine gute Predigt muss die Hörer zum Glauben reizen, sie darin stärken, ihre Aufgaben in Beruf und Alltag bewältigen zu können. Ich finde es ganz wunderbar, wenn die Leute den Faden wieder aufgreifen, den der Prediger ihnen nahegelegt hat. Wenn eine Predigt zum Nachdenken, zu Austausch und Diskussion anregt, ist das das beste Zeichen.

Frage: Welche Rolle spielt die gewählte Sprache?

Müller: Die ist ganz zentral. Predigen ist ein kommunikativer Akt, der verbal vermittelt wird. Predigt ist Rede und keine Vorlesung. Daher ist der Stichwortzettel oder die freie Predigt eigentlich das angemessene Mittel. Rhetorik ist also wichtig, und da kann ich vieles erlernen: zum Beispiel anschaulich sprechen, damit die Leute mitkommen, oder die Predigt stimmig aufbauen. Wichtig ist, dass die Predigt nicht zur Lehreinheit verkommt und sich in leeren Floskeln erschöpft.

Philipp Müller ist Priester und Professor für Pastoraltheologie an der Universität Mainz.
 Privat

Frage: Der Kirche wird zuweilen vorgeworfen, sie habe ein Problem mit ihrer Sprache. Darf ich theologische Fachbegriffe oder kirchentypische Metaphern wie den berühmten "Sauerteig" verwenden?

Müller: Zumindest sollte man sie nicht zu stark einsetzen. Man kann so etwas schon mal bringen: etwa den Begriff "Gnade". Das verstehen die regelmäßigen Kirchenbesucher schon. Aber ich muss behutsam, reflektiert und erklärend mit diesen Begriffen umgehen.

Frage: Welche Rolle spielen Gesten, Mimik, Laustärke, Verständlichkeit des Priesters?

Müller: Die beste Predigt nutzt nichts, wenn ich nicht verstanden werde. Dazu gehört, dass ich laut und deutlich spreche und zum Beispiel nicht nuschele. Dafür ist Sprechtraining in der Ausbildung wichtig, was auch passiert. Gesten und Mimik sind wichtig, aber ich darf sie nicht vor dem Spiegel einstudieren. Wenn ich künstlich wirke, würde das die Leute eher abschrecken. Angemessene Mimik und Gestik ergeben sich von allein, wenn ich "ich selbst" bin.

Frage: Die Glaubwürdigkeit steht also im Mittelpunkt?

Müller: Authentizität steht ganz oben an. Am schlimmsten ist es, wenn ein Prediger Wein trinkt und Wasser predigt. Das ist fatal. Genauso schlimm ist es aber auch, wenn jemand zwar brillant predigt, aber als Gemeindepfarrer im menschlichen Umgang schwierig ist. Dann nehmen einem die Hörer vieles nicht ab, auch wenn es noch so toll vorgetragen wird. Das weckt eher Aggressionen. Ich glaube nicht, dass die Hörer den perfekten Prediger oder Menschen erwarten. Wichtig ist, dass er um seine eigenen Grenzen weiß und darum, dass er selbst auf Gottes Gnade und Barmherzigkeit angewiesen ist. Wenn er das seine Hörer spüren lässt und das verkündet, dann stimmt die Predigt.

Frage: Wie lange darf ich denn predigen? Sollte ich mich grundsätzlich zeitlich beschränken?

Müller: Grundsätzlich kann ich solange predigen, wie es mir gelingt, die Aufmerksamkeit der Hörer zu haben, ohne dass sie abschalten. Wenn ich eine Minutenzahl nennen soll, dann sprechen wir sonntags von vielleicht sieben oder acht Minuten. Aber natürlich gibt es auch besondere Predigten wie Fasten- oder Festpredigten, die länger sein dürfen. Es kommt immer auf den Anlass an. Ich wehre mich dagegen, die Zeit pauschal verordnen zu wollen.

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Frage: Wie nah muss ich beim Predigen an der Lebenswelt der Menschen dran sein?

Müller: Ich finde die Nähe zur Lebenswelt unabkömmlich für Prediger. Denn nur, wenn ich am Leben der Menschen dran bin, dann weiß ich auch um ihre Sorgen, Ängste und Freuden, die ich dann in der Predigt zum Evangelium in Beziehung setzen kann. Ich muss also eine gute Beziehung zu den Leuten haben und mit ihnen im Austausch stehen. Das bewahrt mich auch davor, mich anzubiedern. Gerade aus einer echten Beziehung wächst ein feines Gespür für das rechte Maß zwischen Anbiedern und distanzierter Kühle. Künstlich wird es, wenn man aus einer Distanz heraus brachial eine Nähe herstellen möchte, die gar nicht stimmt.

Frage: Wie sieht es inhaltlich mit tagesaktuellem Geschehen, zum Beispiel der Politik aus?

Müller: Grundsätzlich ist das gut und richtig. Ich muss allerdings aufpassen, dass ich keine plumpen Antworten gebe und nicht moralisiere. Dass ich immer im Hinterkopf behalte, dass politische Zusammenhänge komplex sind und ich etwa keine einseitigen Schuldzuweisungen ausspreche. Die Chaostage in Hamburg beim G20-Gipfel zum Beispiel: So etwas beschäftigt die Menschen und kann deshalb durchaus in einer Predigt anklingen.

Frage: Werden Priester denn ausreichend auf gutes Predigen vorbereitet?

Müller: Ja. Das ganze Studium hindurch gibt es rhetorische Einheiten, homiletische Einheiten, da ist die Videokamera im Einsatz, es gibt Wortgottesdienste, bei denen sie auch in der Gemeinde predigen üben und Feedback erhalten. Da passiert also ganz viel. Aber eine Predigerpersönlichkeit zu werden, das ist ein Prozess. Das ist man nicht automatisch mit der Priesterweihe. Da muss ich im Laufe der Zeit dran arbeiten und meinen Predigtstil entwickeln, der auch zu meiner Person passt.

Frage: Was könnte künftig noch verbessert werden?

Müller: Die Grundausbildung ist gut. Aber was passiert nach 20 oder 30 Jahren? Die Homiletik kommt in späteren Fortbildungen kaum vor. Da wäre sicher einiges zu machen. Ich könnte mir auch denken, dass kollegial etwas passiert. Dass ein Mitbruder bei einem anderen den Gottesdienst besucht und ihm nachher eine Rückmeldung gibt, wie er Liturgie feiert und wie er predigt. Vielleicht haben sich da Marotten eingeschlichen, die er selbst gar nicht merkt und auf die ihn sonst niemand aufmerksam macht. Bemerkenswert finde ich, dass Papst Franziskus in "Evangelii gaudium" Nummer 145 auf die Dringlichkeit einer guten Predigtvorbereitung hinweist. Ansonsten ist mir kein päpstliches Schreiben von diesem Rang bekannt, dass dermaßen stark den Wert der Predigt betont. Und der Papst ist ja auch selbst ein leidenschaftlicher Prediger – das beweist er jeden Morgen im Haus Santa Marta.

Von Tobias Glenz

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