Wie viel Weihrauch darf es sein?

Zur katholischen Liturgie gehört der Weihrauch - was nicht jedem gefällt. Redakteur Thomas Jansen setzt auf rauchfreie Gottesdienste. Seine Kollegin Agathe Lukassek erwidert: Weihrauch hilft beim Beten!

Liturgie | Bonn - 11.11.2017

Pro: Weihrauch hilft beim Beten

Ich gebe es gerne zu: Ich bin Weihrauch-Fan. Je mehr, umso besser! Wenn die Luft in der Kirche von Weihrauchduft geschwängert ist, ist das für mich eine zusätzliche sinnliche Erfahrung, die sich vom Alltag komplett abhebt: Mich holen die Rauchschwaden und der Geruch in die Gegenwart der Liturgie. Wenn im Gottesdienst Weihrauch verbrannt wird, soll das ein Zeichen der Gegenwart Gottes sein. Es symbolisiert Verehrung, Reinigung und das Gebet, das laut Psalm 141 "wie ein Rauchopfer" aufsteigt.

Es ist aber auch ein wunderbarer Duft, den das Harz des so unscheinbaren Boswellia-Baumes erzeugt, wenn es schmort. Aber bitte eine gute Mischung auf einer bereits durchgebrannten Kohle und bei nicht zu hoher Temperatur – nur so kann sich die entzündungshemmende und beruhigende Wirkung des Weihrauchs entfalten.

Außerdem kommt noch hinzu, welchen wunderbaren Effekt der Weihrauch auf die sonst so gerne als ungezogen gescholtene Jugend hat: Es gibt kaum einen Dienst in der Messe, den Ministranten so gerne übernehmen. Junge Messdiener fiebern auf den Moment hin, an dem sie alt genug sind und das Weihrauchfass schwingen dürfen. Mit Begeisterung erlernen sie, wie man die Kohle am besten entfacht und den Weihrauch verbrennt. Ob sie das tun, weil man angeblich vom Weihrauch high wird?

Mir jedenfalls ist es zu wenig, dass die meisten Gemeinden nur an Hochfesten räuchern lassen. Früher war das so. Aber seit 1970 darf Weihrauch in allen Heiligen Messen verwendet werden, nicht nur beim sonntäglichen Hochamt. Ich finde, dieses Anliegen der Liturgiereform könnte ruhig mehr beherzigt werden. Bis es soweit ist, gönne ich mir zu Hause immer wieder etwas aus den 24 Sorten meines Weihrauch-Adventskalenders.

Von Agathe Lukassek

Der Kirchenneubau St. Nikolaus in Neuried.
Für Thomas Jansen darf der Gottesdienst auch ohne Rauch auskommen.
 Erzbischöfliches Ordinariat München, Hauptabteilung Kunst. Foto: Florian Holzherr.

Contra: Glauben geht nicht durch die Nase

"Selbstbeweihräucherung" - Das war das erste, was ein Bekannter neulich sagte, als wir uns darüber unterhielten, ob man Weihrauch im Gottesdienst verwenden sollte. Damit meinte er die Priester. Und als Lektor wusste er wohl ganz gut, wovon er sprach. Ich wollte erst widersprechen, wollte sagen: 'So kann man das doch nicht sagen'. Doch mir fiel kein wirklich gutes Gegenargument ein. Und schließlich musste ich meinem Gesprächspartner recht geben: Weihrauch passt nicht mehr zu einem modernen Priesterbild. Für viele Gläubige ist das Weihrauch-Schwenken Teil der Selbstinszenierung des Priesters, so falsch das auch aus theologischer und liturgiewissenschaftlicher Perspektive sein mag.  

Bis zu diesem Gespräch hatte ich die Sache mit dem Weihrauch einigermaßen leidenschaftslos gesehen. Dass eine Überdosis Weihrauch die Atemwege schädigt, wie gesundheitsbewusste Kritiker sagen, hatte mich nie besonders überzeugt. Andererseits konnte ich auch nie ganz nachvollziehen, warum nun unbedingt das luftgetrocknete Gummiharz des Weihrauchbaums nötig sein sollte, um Gott nahe zu sein. Zweifel am tieferen Sinn der Weihrauch-Wolken kamen mir nicht zuletzt immer dann, wenn Keuchhusten-Anfälle das Hochamt wie eine HNO-Arzt-Sprechstunde klingen ließen.

Auch dass es die Liturgiereform von 1970 war, die den Weihrauch wieder häufiger zuließ, machte ihn mir nicht sympathischer. Also: Lassen wir das heilige Räucherwerk doch einfach mal weg. Glauben geht nicht durch die Nase.

Von Thomas Jansen

RSS-Feeds  |  Impressum  |  Über uns  |  Datenschutz  |  © 2017