"Wir sind beeindruckt von den intensiven Gebeten"

In Basel geht am Neujahrstag das Europäische Taizé-Jugendtreffen zu Ende. Der Prior der Gemeinschaft, Alois Löser, erklärt im Interview, warum diese ökumenischen Treffen inzwischen über Europa hinausgehen.

Jugend | Basel - 31.12.2017

Frage: Frère Alois, wie haben Sie bislang das Europäische Jugendtreffen erlebt, das derzeit in Basel stattfindet?

Frère Alois Löser: Die Basler sind sehr gastfreundlich. Es ist wunderbar, dass alle Jugendlichen bei Familien oder auch alleinstehende Menschen untergekommen sind. Diese Gastfreundschaft ist ein großes Zeichen, dass Kirche lebendig ist und dass das Evangelium gelebt werden kann. Auch Menschen, die keiner Kirche angehören, haben sich dieser Offenheit angeschlossen.

Frage: Die meisten Teilnehmer kommen aus Polen und der Ukraine. Warum nehmen gerade Jugendliche aus osteuropäischen Ländern besonders zahlreich am Jugendtreffen teil?

Frère Alois: Polen ist ein Land, in dem Wallfahrten eine lange Tradition haben. In Taizé erleben wir schon lange, dass die Polen sehr gerne aufbrechen. Das ist sehr schön in einer Zeit, wo es in Europa  politische Spannungen gibt. Die jungen Polen wollen eine europäische Gemeinschaft erleben und sie auch selbst mitaufbauen. Das gleiche gilt für die Ukraine: Es ist sehr eindrucksvoll, denn die jungen Ukrainer haben eine lange Fahrt hinter sich. Sie reisen zwei Tage mit einfachen Bussen an. Für sie ist die Teilnahme am Jugendtreffen ein wirklicher Pilgerweg.

Frage: Manche kritisieren die Jugendtreffen: Sie sehen in ihnen gerade für junge Menschen aus Osteuropa eine Möglichkeit, günstig Tourismus zu machen. Haben die Kritiker Recht?

Frère Alois: Diese Zeiten haben wir hinter uns. Die Jugendlichen haben jetzt andere Möglichkeiten, als Touristen unterwegs zu sein. Nach der Grenzöffnung Anfang der 1990er Jahre gab es dieses Phänomen; da hatten wir einen ganz starken Andrang gerade aus Osteuropa und da hat der Tourismus sicher auch eine Rolle gespielt. Aber diese Zeiten sind vorbei.

Ein junger Mann ist ins Gebet versunken beim 40. Europäischen Jugendtreffen der Gemeinschaft von Taizé in Basel. "Ich habe bei diesen Gebeten eine tiefe Ernsthaftigkeit gespürt," sagt Prior Alois.
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Frage: Wünschen Sie sich von den Teilnehmern des Jugendtreffens mehr Religiosität?

Frère Alois: Wir Brüder sind sehr beeindruckt über die Teilnahme hier in Basel. Gerade nach der Grenzöffnung in den 90er-Jahren war es etwas schwieriger, denn es war in der Tat für viele eine erste Möglichkeit zu reisen. Frère Roger hatte damals immer gesagt, wir sollen die Jugendlichen dennoch aufnehmen, denn für sie ist diese erste Reiseerfahrung eine große Öffnung, die wichtig ist. Damals war die Teilnahme oft nicht so tief, wie heute. Wir sind beeindruckt, wie intensiv die Jugendlichen bei den Gebeten dabei sind. Aber auch die Thementreffen, die wir an den Nachmittagen haben und das Vormittagsprogramm, das dezentral in allen gastgebenden Kirchengemeinden stattfindet, sind sehr gut besucht.

Frage: Gab es beim Treffen in Basel bislang einen besonderen Moment für Sie?

Frère Alois: Besondere Momente sind immer die Abendgebete, bei denen wir in zwei großen Hallen versammelt sind. Am Schluss geht es mit einem Gebet vor dem Kreuz weiter. Viele, viele der Jugendlichen kommen dorthin und beten sehr intensiv mit. Sie bleiben bis spät in den Abend hinein. Das ist ein sehr persönliches Gebet: Die Jugendlichen kommen, legen die Stirn auf das Holz der Kreuzikone und drücken so aus, dass sie ihre Lasten und die der Welt Christus anvertrauen wollen. Ich habe bei diesen Gebeten eine tiefe Ernsthaftigkeit gespürt.

Frage: Im nächsten Jahr wird das Europäische Jugendtreffen in Madrid stattfinden. Warum gerade dort? Was sind die Fragen der Jugendlichen dort?

Frère Alois: Kardinal Carlos Osoro Sierra, der Erzbischof von Madrid, hat uns eingeladen und sehr darauf gedrängt, dass wir kommen. Er war vorher Erzbischof von Valencia, wo wir 2015/16 zu einem Jugendtreffen waren. Dann hat er nach Madrid gewechselt und uns gebeten, unbedingt nach Madrid zu kommen. Ich glaube, das große Anliegen dahintersteht ist die Frage, wie Jugendliche ihre religiöse Suche stärker zum Ausdruck bringen können. Es gibt oft eine Kluft zwischen der Jugend und der traditionellen Kirche. Das erleben wir in allen europäischen Ländern, aber in Spanien ist sehr stark. Ich glaube, der Kardinal hofft, dass wir etwas mithelfen, diese Kluft zu überwinden.

Frère Alois Löser, der Prior der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé, bei einem Abendgebet in Basel.
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Frage: Verglichen mit dem Jugendtreffen vor zehn Jahren in Genf, sieht man heute die Jugendlichen oft mit Smartphones, auch bei den Gebeten. Ist das ein Problem?

Frère Alois: Ja, natürlich ist das ein Problem. Aber dennoch ist es eindrucksvoll, wie die Jugendlichen die Gebete respektieren und wirklich mit ganzem Herzen dabei sind; von wenigen Ausnahmen abgesehen. Die Zeit der Stille, die wir in jedem Gebet mehrere Minuten mit tausenden Jugendlichen haben, wird meist nicht durch Smartphones gestört.

Frage: Die Europäischen Jugendtreffen gibt es jetzt seit 40 Jahren. Wie haben sich die Jugendlichen in dieser Zeit verändert?

Frère Alois: Vor 40 Jahren war es noch nicht so üblich, dass Jugendliche zu einem religiösen Treffen derart weit gereist sind. Es gab damals noch keine Weltjugendtage in der katholischen Kirche; andere internationale christliche Treffen waren auch weniger verbreitet. Unser Pilgerweg des Vertrauens, den wir mit dem ersten Jugendtreffen 1978 in Paris begonnen haben, war etwas ganz Neues. Wir stellen fest, dass die Teilnahme bei den thematischen Treffen stärker geworden ist. Dort sprechen wir Glaubensfragen an, aber auch politische und soziale Probleme. Besonders die Frage der Migration interessiert die Jugendlichen, denn sie ist die große Herausforderung vor der wir stehen und die Länder in Europa antworten sehr unterschiedlich auf sie.

Frage: Wohin werden sich die Jugendtreffen in der Zukunft entwickeln?

Frère Alois: Das wissen wir nicht. Bei den Jugendlichen können sich Dinge sehr schnell ändern. Wir merken, dass es bei europäischen Jugendlichen ein Interesse gibt, an den Jugendtreffen teilzunehmen, die wir auf anderen Kontinenten anbieten. Vor anderthalb Jahren gab es ein Treffen in Afrika, in Benin, zu dem etliche Europäer anreisten. Das kommende Jahr werden wir ein Jugendtreffen in Hong Kong haben und sicher werden sich auch Jugendliche aus Europa dorthin aufmachen, um ihre Sichtweise zu erweitern. Der Horizont ist nicht mehr nur Europa; das ist ganz wichtig. Wir haben zu lange gedacht, dass Afrika oder der Nahe Osten weit weg sind, doch wir wissen jetzt, dass sie vor unserer Haustür liegen.

Während der Jugendtreffen der Gemeinschaft von Taizé gehört auch das gesellige Beisammensein für die Jugendlichen dazu - und sie reisen inzwischen immer weiter, auch zu Treffen außerhalb Europas.
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Frage: Spiegelt sich diese Globalisierung auch in der Zusammensetzung der Gemeinschaft von Taizé wider?

Frère Alois: Ja, denn die jungen Brüder, die eintreten vertreten eine noch größere Vielfalt von Kontinenten. Das geht von Guatemala bis China und von Kenia bis Nordeuropa. Diese Diversität ist innerhalb unserer Communauté noch größer geworden.

Frage: Was wünschen Sie sich für das Jugendtreffen in Madrid im kommenden Jahr?

Frère Alois: Ich wünsche mir, dass es ein Treffen wird, bei dem wir lernen, noch mehr aufeinander zu hören. Schon ganz konkret innerhalb Spaniens ist es wichtig, dass die Madrilenen auf die Katalanen hören und umgekehrt, so wie auch innerhalb Europas. Ich habe den Eindruck, wir urteilen zu schnell, ohne dabei die Geschichte und die Mentalität des anderen Landes oder der anderen Region genügend zu kennen. Dieses Aufeinander-hören wird in Zukunft noch wichtiger werden und ich hoffe, dass wir das in Spanien noch stärker tun werden.

Von Roland Müller

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