Wo bitte geht's zum Volk?

Sie kandidieren für das Amt des französischen Staatspräsidenten: ein wertkonservativer Wirtschaftsliberaler, ein forsch rechter Linker und eine Rechtspopulistin. Wer Werte will und sozialen Zusammenhalt, hat ein Problem.

Frankreich | Paris - 04.12.2016

Francois Hollande hat die Reißleine gezogen. Als erster Präsident der Fünften Republik kandidiert er nicht zur Wiederwahl - weil seine Beliebtheitswerte mit nur 4 Prozent zuletzt nur noch knapp über Fußpilz lagen, wie eine politische Korrespondentin ätzte. Mit dem Rückzug des glücklosen Linken, der, kaum dass er das Haus verließ, schon im Regen stand, zeichnet sich für die Neuwahlen im Mai in Frankreich bereits ein mögliches Kandidaten-Tableau ab. Die Frage wird sein, wem Frankreichs praktizierende Christen und gemäßigte Muslime am meisten vertrauen können - immerhin ein Wählerpotenzial von jeweils vielen Millionen Stimmen. Wer Werte will und sozialen Zusammenhalt, hat ein Problem.

Der bereits gekürte Kandidat der Republikaner, Francois Fillon, tritt wertkonservativ auf und scheint damit einerseits ein geborener Kandidat für religiös orientierte Wähler. Bei den "Manif pour tous"-Demonstrationen gegen die Einführung der sogenannten Homo-Ehe marschierte der 62-jährige Abtreibungsgegner vorneweg. Aber: In seinem Wirtschaftsprogramm ist Fillon überaus liberal. Wer schon bei den zögerlichen Sozial- und Wirtschaftsreförmchen der Hollande-Regierungen Barrikaden baute, muss für Fillons harten Thatcherismus einen Bruch durch die Zweidrittel-Gesellschaft befürchten. Zudem zeigt der Kandidat klare Kante gegen einen "islamischen Totalitarismus".

Francois Fillon ist Spitzenkandidat der Konservativen für die französische Präsidentschaftswahl im Jahr 2017.
 dpa/Szwarc Henri/ABACA

Eine echte Gefahr für Marine Le Pen. Bei ihr liegt die Sache einigermaßen klar: Wer die 48-jährige Rechtspopulistin verhindern will, wählt sozialistisch oder republikanisch. Doch die traditionellen Wählermilieus wanken. So votierten bei den Regionalwahlen 2015 auch immer mehr enttäuschte und mit der Globalisierung fremdelnde Katholiken für den rechtsextremen Front National - über Jahrzehnte ein No-go. Le Pen beschwört das "gute alte Frankreich" und seine Souveränität, schimpft auf Einwanderer und die EU und hält sich aus religiösen und gesellschaftsethischen Fragen weitgehend heraus.

Das blonde Feigenblatt ist Stimmenfängerin

Dafür hat sie ihre hübsche Trojanerin im Tross: Nichte Marion Marechal-Le Pen, ab kommender Woche süße 27, bedient einerseits die religiöse Flanke. Gut verheiratet, Mutter und praktizierende Katholikin, dient sie als blondes Feigenblatt und Stimmenfängerin. Zugleich versöhnt sie als Lieblingsenkelin die knallharten Anhänger des von ihrer Tante Marine geschassten Parteigründers Jean-Marie Le Pen (88).

Die rund sechs Millionen Muslime in Frankreich jedenfalls werden mutmaßlich eher wenig Le Pen wählen. Denn bei den Regionalwahlen 2015 um Marseille, die Hafenstadt mit einem Migrantenanteil von 40 Prozent, klang die nur knapp unterlegene Marion, die katholische Unschuld vom Lande, so: "Wir wollen kein Multikulti, sondern blau-weiß-rot!" oder: Es werde Zeit, dass Frankreichs Fahne angesichts von Islamisierung und Überfremdung "aus der Gosse geholt" werde.

Marion Maréchal-Le Pen ist eine französische Politikerin der rechtsextremen Front National. Sie ist die Enkelin des Parteigründers Jean-Marie Le Pen und Nichte der aktuellen Parteivorsitzenden Marine Le Pen.
 picture alliance/dpa/Yoan Valat

Bleiben die Sozialisten. Hollande und seine Kabinette haben seit 2012 diverse bürgerliche Bastionen geschleift: Die "Homo-Ehe" wurde eingeführt, embryonale Stammzellforschung bedingt zugelassen; dazu das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare, ein Gesetzesvorstoß für aktive Sterbehilfe und eine Liberalisierung von Abtreibung. Die Bilanz in der Schulpolitik fällt desaströs aus, wie jüngste Vergleichsstudien belegen.

Kronprinz und Favorit für die Vorwahlen der Linken dürfte der forsche Premier Manuel Valls sein. Der 54-jährige Hobbyboxer mit katalanischen Wurzeln ist für einen Linken eher Rechtsausleger. Mit seiner rigiden, fast militanten Sicherheitspolitik und seiner liberalen Note punktet er eher in der Mitte. Der linke Parteiflügel wäre mit dem laizistischen Sozialdemokraten Valls wohl verwaist - es sei denn, der entdeckte eine neue, globalisierungskritische Seite an sich.

Natürlicher Rivale wäre der von Valls vergrätzte Ex-Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg, die linke Galionsfigur der Partei. Der 54-jährige Globalisierungsgegner hat seine Kandidatur bereits ebenso angekündigt wie sein erst 38-jähriger Nachfolger im Amt, Emmanuel Macron. Der politische Aufsteiger und frühere Investmentbanker erfindet sich derzeit neu als Gegner des Establishments. Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche.

Von Alexander Brüggemann (KNA)

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