Woelki: Erdogan soll Demokratie erhalten

Der Kölner Kardinal zeigt sich erschrocken über die Entwicklung der Türkei in den vergangenen Jahren. In einer Kolumne richtet er nun einen unmissverständlichen Appell an Staatspräsident Erdogan.

Türkei | Hamburg - 21.07.2016

Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki hat den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan aufgerufen, die Demokratie in der Türkei zu erhalten. "Ich bin erschrocken, wie sich Lage und Stimmung im Land verändert haben", schreibt der Erzbischof mit Blick auf die vergangenen Jahre am Mittwoch in einer Kolumne für die Online-Ausgabe des "stern".

Dass in den vergangenen Tagen viele Türken gegen den Militärputsch demonstriert hätten, sei bewundernswert. Besorgniserregend sei, dass nun nur wenige ihre Stimme erhöben, wenn es darum gehe, Menschen vor Polizeigewalt, Lynchjustiz und der Diktatur eines Einzelnen zu bewahren. Woelki betont, er sei in den frühen Regierungsjahren Erdogans durchaus beeindruckt davon gewesen, wie er sein Land "als religiöser Mensch, aber auch als Freund der Demokratie umzubauen wagte und Gerechtigkeit und Fortschritt zum Programm machte". Die Rechte religiöser Menschen im Lande seien ebenso gestärkt worden wie Menschenrechte und Pressefreiheit.

Danken Sie Ihrem Volk für seinen Einsatz mit Recht und Freiheit, Bruder Erdogan, und zerstören Sie die Demokratie jetzt nicht durch Ihr Handeln.

Kardinal Rainer Maria Woelki zur Lage in der Türkei

Mittlerweile aber herrsche gegenüber der kurdischen Minderheit wieder brutalste Gewalt, säßen wieder viele Journalisten in türkischen Gefängnissen, würden Christen bei der Ausübung ihrer Religionsfreiheit massiv eingeschränkt und werde die Todesstrafe ernsthaft wieder diskutiert.

"Danken Sie Ihrem Volk für seinen Einsatz mit Recht und Freiheit, Bruder Erdogan, und zerstören Sie die Demokratie jetzt nicht durch Ihr Handeln", schreibt der Kardinal und appelliert an das Gewissen des muslimischen Staatschefs. "Als Christen und Muslime wissen wir uns gerade auch in unserem politischen Handeln allein dem einen und wahren Gott verpflichtet, dessen Wesen Koran und Bibel als barmherzig beschreiben." (KNA)

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