"Keine Sympathie für Christen"

Unter Präsident Erdogan wird die Türkei für Christen ein zunehmend unangenehmer Aufenthaltsort. Im Interview erklärt Islam-Experte Timo Güzelmansur, wie schwierig ihre Lage dort wirklich ist.

Türkei | Bonn - 23.04.2016

Unter Präsident Recep Tayyip Erdogan wird die Türkei für Christen ein zunehmend unangenehmer Aufenthaltsort. Zuletzt häuften sich Berichte über Kirchenschließungen und Enteignungen. Darin wird eine ablehnende Haltung gegenüber dem Christentum deutlich, sagt Timo Güzelmansur. Der Theologe leitet die Stelle für christlich-islamischen Dialog der Deutschen Bischofskonferenz. Im Interview erklärt er, wie schwierig die Lage der Christen in der Türkei wirklich ist.

Frage: In letzter Zeit häufen sich Nachrichten über Kirchenschließungen in der Türkei. Ist das Zufall oder steckt dahinter ein System?

Timo Güzelmansur: Einen direkten Zusammenhang gibt es wohl nicht, aber ich beobachte eine Tendenz in der türkischen Politik gegenüber christlichen Kirchen. Die Türkei fährt meines Erachtens eine doppelte Strategie: Einerseits tut man so, als ob die Christen in der Türkei nichts zu befürchten hätten und die staatlichen Behörden für sie ein offenes Ohr haben. Andererseits werden Kirchen und kirchliche Gebäude systematisch konfisziert, wie in Bursa und Diyarbakir. Es kann zwar sein, dass nach den monatelangen Kämpfen zwischen Kurden und türkischen Sicherheitskräften die Lage in der zerstörten Altstadt von Diyarbakir prekär ist. Aber ob der Staat die deswegen enteigneten Gebäude jemals zurückgeben wird, ist nicht ausgemacht. In Bursa gibt es gar keine Kämpfe gegen die Kurden, die Regierung schiebt andere Gründe vor, um ihr Vorgehen zu rechtfertigen.

Frage: Wie stellt sich die Lage der Christen in der Türkei dar – können sie ihren Glauben frei leben?

Güzelmansur: In der Türkei gibt es eine Kultfreiheit - die Christen dürfen also ihren Glauben innerhalb der Kirchenmauern ausüben. Alles weitere, was noch mit echter Religionsfreiheit verbunden wäre, bleibt ihnen jedoch verwehrt. Es gibt keine Möglichkeit Theologen oder Priester auszubilden. Das Priesterseminar des Ökumenischen Patriarchats ist seit Jahrzehnten geschlossen. Obwohl die Regierung mehrmals beteuert hat diese Bildungseinrichtung öffnen zu wollen, ist das bis heute nicht geschehen.

Timo Güzelmansur
Dr. Timo Güzelmansur ist Geschäftsführer der christlich-islamischen Begegnungs- und Dokumentationsstelle (Cibedo) der Deutschen Bischofskonferenz.
 Timo Güzelmansur

Frage: Die christlichen Gemeinden und Kirchen in der Türkei haben keinen "geregelten Rechtsstatus" – was heißt das genau?

Güzelmansur: Keine Kirche oder christliche Gemeinde ist als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt. Sowohl die griechisch-orthodoxe, die armenisch-orthodoxe als auch die katholische Kirche haben Probleme, was die Ausbildung des Priesternachwuchses aber auch Einstellung von Personal angeht. Die fehlende Rechtssicherheit zeigt sich beispielsweise im Falle des 2006 in der Kirche von Trabzon Ermordeten Priesters Don Andrea Santoro. Die katholische Kirche konnte sich nicht an dem Prozess beteiligen, weil sie juristisch keine Rechtsperson ist. Es gibt weitere Schwierigkeiten unterschiedlichen Grades: Wenn die katholische Kirche einen Priester oder Ordensmann/-frau aus dem Ausland beschäftigen möchte, dann bekommt diese Person keine Aufenthaltserlaubnis, Arbeitserlaubnis oder keine Verlängerung derselben. Man lebt in einem permanenten, ungewissen Zustand.

Frage: Wie viele Christen gibt es in der Türkei und welchen verschiedenen Konfessionen gehören diese an?

Güzelmansur: Es ist schwierig eine exakte Zahl an Christen in der Türkei anzugeben. Bei einer Einwohnerzahl von circa 75 Millionen gibt es etwa zwei Prozent Christen. In der Türkei finden wir fast die ganze Bandbreite der christlichen Konfessionen: griechisch-orthodox, armenisch-orthodox, syrisch-orthodox, syrisch-katholisch, armenisch-katholisch. Außerdem gibt es Chaldäer, Maroniten, Anglikaner und diverse protestantische Gemeinden und evangelische Freikirchen.

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Frage: Wie funktioniert das Zusammenleben zwischen Muslimen und Christen?

Güzelmansur: Es gibt nur wenige Städte, wo Christen heute ganz offen in der Türkei leben. An diesen Orten gibt es eine lange Tradition des Zusammenlebens wie zum Beispiel in Antakya im Süden der Türkei. Hier kennt man sich und gratuliert sich gegenseitig zu den Festen. Die staatlichen Autoritäten rühmen sich mit der religiösen Vielfalt. Dennoch dürfen Christen nur mit einer Erlaubnis Gottesdienst in der Petrusgrotte feiern.

In der jüngsten Zeit grassiert in der Türkei außerdem ein Nationalismus, der vieles, was nicht islamisch ist und eindeutig zum "Türkentum" gehört, zum Feind erklärt und gar als Spionage der ausländischen Mächte ansieht. Es gibt in weiten Teilen der Bevölkerung keine Sympathie für Christen.

Frage: Derzeit hat man den Eindruck, dass die Türkei ihre informelle Machtstellung wegen des Flüchtlingsabkommens mit der EU politisch ausnutzt. Leiden darunter auch die Christen vor Ort?

Güzelmansur: Das Abkommen der EU mit der Türkei ist ein herber Schlag - weniger für Christen, dafür umso mehr für viele Menschen in der Türkei, die mit der türkischen Politik und den jüngsten Entwicklungen nicht einverstanden sind. Die Menschen fühlen sich von der Europäischen Union verraten, da diese Präsident Erdogan hofiert, der in der Türkei beinahe alle europäischen Werte missachtet und jede oppositionelle Stimme zu unterdrücken versucht. Das macht den Christen nicht gerade Hoffnung auf bessere Zeiten in der Türkei. Aber die Christen haben in diesem Land schon schlimmere Zeiten hinter sich gebracht. Das werden sie auch überstehen.

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Von Gabriele Höfling

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