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Ziemlich tendenziös

In der Kolumne "Franz & Friends" geht es in dieser Woche um die deutsche Übersetzung des Papiers zur Familiensynode und darum, ob es eine homosexuelle Orientierung gibt - oder doch nur Tendenzen.

Kolumne | Bonn - 25.11.2015

Bei der Lektüre des Abschlussberichts der Familiensynode kam mir Konfuzius in den Sinn: "Wenn das, was gesagt wird, nicht stimmt, dann stimmen die Werke nicht … Darum achte man darauf, dass die Worte stimmen." Um die stimmigen Worte sind manche innerkatholischen Debatten geführt worden. Soll in der Messfeier das "pro multis" des Todes Jesu nun mit "für viele" oder "für alle" übersetzt werden? Benedikt XVI. entschied für sich und die Kirche, dass "für viele" die richtige Übersetzung sei und "für alle" eine theologische Ausdeutung. Soll die exegetisch richtige Übersetzung "Andronikus und Junia … ragen heraus unter den Aposteln" Folgen für die Amtstheologie haben? Bislang herrscht bei Bischöfen die theologische Ausdeutung vor, dass das Apostelamt reine Männersache war und ist. Offenbar nimmt man es nicht so genau mit der Frage, wie genau biblische Worte zu nehmen sind. Das ist beruhigend, zeigt es doch, dass an theologischer Reflexion, was nun gelten soll, kein Weg vorbeiführt.

Wäre Konfuzius an so viel katholischer Kreativität verzweifelt? Oder bezieht sich seine Mahnung nicht vielmehr darauf, bei Worten auf ihre Nähe zur Wirklichkeit zu achten? Als Jesus gefragt wird, ob der von Geburt an Blinde oder dessen Eltern durch ihre Sünden verantwortlich zu machen seien, antwortet er: "Weder er noch seine Eltern." Stimmt!

Ob also die Worte stimmen oder nicht, ist nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Worte machen Politik. Das hat Papst Franziskus von Anfang an begriffen. An theologischer Patina hat er wenig Gefallen. Seine Worte suchen den Kontakt zur heutigen Wirklichkeit. Und so sprach er: "Wenn einer Gay ist und den Herrn sucht und guten Willen hat – wer bin ich dann, ihn zu verurteilen?" Viele Schwule und Lesben habe diese verbale päpstliche Umarmung sofort verstanden.

Homosexualität als eine Variante der sexuellen Orientierung

In den die menschliche Wirklichkeit erhellenden Humanwissenschaften hat sich das Verständnis von Homosexualität als eine Variante der sexuellen Orientierung durchgesetzt. Sie ist ein stabiler, fest verankerter Persönlichkeitszug. Die Vorstellung, homosexuelles Begehren sei als eine Art falscher Neigung durch Therapie oder Bekehrung zu überwinden, gehört der Vergangenheit an. Im Katechismus wird jedoch noch immer von "tief sitzenden homosexuellen Tendenzen" (Nr. 2357) gesprochen. So wird Homosexualität zur minderwertigen Sexualität. Gab es je "tief sitzende heterosexuelle Tendenzen"? In der zwischen 1992 und 1997 geltenden Fassung des Katechismus war bemerkenswerterweise von einer nicht selbst gewählten Veranlagung die Rede. Was der sexuellen Orientierung nahe kam. Zu nahe, wie die römische Selbstrevision des Katechismus zeigt.

Und heute, da der Papst von "Gay" spricht? Im letztjährigen Zwischenbericht der Synode war erstmalig unbefangen von der homosexuellen Orientierung die Rede. Das ging vielen zu weit. Im Schlussdokument 2015 sucht man die sexuelle Orientierung vergebens. Stattdessen wird generell von der sexuellen Tendenz eines Menschen gesprochen. Was wiederum bedeutet, dass auch die Heterosexualität eine Tendenz ist. So viel Verwirrung war der Deutschen Bischofskonferenz anscheinend zu viel. In der gerade veröffentlichten deutschen Übersetzung wird "Tendenz" nun autonom mit "Orientierung" übersetzt. Was zwar der Wirklichkeit gerecht wird, aber nicht dem Dokument, über das in Rom abgestimmt wurde. Was nun? Kommt bald die gehorsame Revision der falschen Übersetzung eines falschen Wortes? Oder ist hier eine Ortskirche dabei, sich vorsichtig zu emanzipieren von Worten, die nicht mehr stimmen und aus denen keine guten Werke folgen?

Christ & Welt

Diesen Text der Kolumne "Franz & Friends" publiziert katholisch.de mit freundlicher Genehmigung von "Christ & Welt", einer Beilage der Wochenzeitung "Die Zeit". "Christ & Welt" - das sind sechs Seiten, die sich auf Glaube, Geist und Gesellschaft konzentrieren, sechs Seiten mit Debatten, Reportagen und Interviews aus der Welt der Religionen. "Christ & Welt" ist im Jahr 2010 aus der traditionsreichen Wochenzeitung "Rheinischer Merkur" hervorgegangen.

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Von Stephan Goertz

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